Vor 100 und vor 50 Jahren

Grenzen, Sturm und Kultur: Rückblicke auf den Januar in Nordschleswig

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Wie jedes Jahr im Januar schlagen wir eine andere Zeitung auf als die gewohnte. Diesmal bleiben wir im Schleswigschen und wenden uns dem „Rendsburger Tageblatt“ zu.

Die Schlagzeilen dieses Januar unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Freitag, 1. Januar 1926

Die Grenzarbeit

„Hejmdal“ glaubt aus einigen deutschen Pressestimmen schließen zu müssen, dass sich der deutschen Grenzarbeiter beim Jahreswechsel ein starker Pessimismus bemächtigt habe. Er stellt zugleich fest, dass auf dänischer Seite über die nationalpolitische Entwicklung im Grenzgebiet Zufriedenheit herrsche. Auf deutscher Seite verschließt man sich keineswegs der großen Schwierigkeiten, die ein Grenzkampf mit einem taktisch geschulten und mit reichen finanziellen Mitteln ausgestatteten Gegnern mit sich bringt. Wenn das dänische Blatt aber aus diesen realen Betrachtungen auf Pessimismus schließen zu müssen glaubt, so greift es vollkommen fehl. Die deutsche Grenzarbeit befindet sich in langsamem Aufbau. Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden. Und was im verflossenen Jahr nur unvollkommen bleiben musste, wird ein unverzagter Wille im nächsten Jahre schaffen.

„Hejmdal“ war 1879 in Apenrade gegründet worden und war bald über Jahrzehnte hinweg die Hauptzeitung der dänischen Bevölkerung Nordschleswigs. Das Blatt kam aber um 1925/26 in schwierigeres Fahrwasser. Die Konkurrenz wurde größer. In Apenrade erschien neben „Hejmdal“ „Aabenraa Amts Social-Demokrat“, aus dem später (bis 1974) „Sønderjyden“ wurde, ein Blatt, das damals auch von zahlreichen deutschen sozialdemokratischen Nordschleswigern gelesen wurde.  Außerdem gab es „Aabenraa Avis“, ein Ableger des damaligen dänisch-nordschleswigschen Hauptorgans „Flensborg Avis“. Am 1. September 1929 kam aber die größte Konkurrenz: „Jydske Tidende“ begann zu erscheinen.

Für die deutschsprachigen Tageszeitungen in den vier Städten Nordschleswigs war „Hejmdal“ seit Jahren der Hauptgegner im Grenzkampf. Jede Kleinigkeit wurde aufgespießt und kommentiert. Größere Probleme des Grenzkampfes wurden über Monate auf beiden Seiten unter Feuer gehalten. 1925/26 waren es neben diesen grundsätzlichen Fragen hauptsächlich Probleme der Schulpolitik und des sog. Bodenkampfes (dänische oder deutsche An- oder Verkäufe von Grund und Boden in Nordschleswig). Man sieht, dass auch die Zeitungen südlich der Grenze die Ereignisse in und um Nordschleswig aufmerksam verfolgen.

 

Sonnabend, 2. Januar 1926

Ausland

Das Dorpater deutsche Privat-Gymnasium, das sich seit seiner Gründung zur Aufgabe gemacht hat, allen fremden Einflüssen gegenüber die deutsche Gesinnung zu erhalten, beging in diesen Tagen unter zahlreicher Beteiligung von ehemaligen Schülern, Eltern und Freunden der Anstalt die Feier seiner vor 50 Jahren erfolgten Gründung.

Das Dorpater Gymnasium (oder dörptsche, wie man, sofern man zur deutschsprachigen Einwohnerschaft gehörte, dort sagte) war nicht das erste Gymnasium in Dorpat. Das estnische Bildungswesen begann früh, und Dänemark hatte an der Geschichte Estlands einen gewissen Anteil. Schließlich verdanken wir den Dannebrog dem Himmel dieses baltischen Landes.

Und ungefähr so alt wie der Dannebrog ist auch die älteste estnische Schule in Dorpat. Sie wurde als Vorläufer der Lateinschule und des späteren Gymnasiums als Domschule zur Ausbildung von Priestern im 13. Jahrhundert gegründet. Das Privat-Gymnasium aber war eine Neugründung von 1876, die nötig war, weil die Umsetzung der rigorosen Einführung der russischen Unterrichtssprache an den Schulen des Baltikums (im russischen Ostseegouvernement) diese Neugründung erzwang.

Fünfzig Jahre vor der Neugründung war ein Schleswig-Holsteiner für die Reformierung des estnischen Schulwesens verantwortlich. Johann Francke wurde 1792 in Husum geboren, studierte in Kiel, wurde Subrektor am Flensburger Gymnasium und schließlich Professor an der Universität in Dorpat. Er starb überraschend 1830 und konnte das Schulreformwerk nicht vollenden. Das Porträt, das wir zeigen, stammt von dem Nordschleswiger Conrad Christian August Böhndel, der 1779 in der Nähe von Hostrup bei Tondern geboren wurde, in Rom, Kopenhagen und Schleswig tätig war und Francke 1814 porträtierte. Das Gemälde wurde vor einigen Monaten als Geschenk dem Schleswiger Stadtmuseum übereignet.

Sonntag, 3. Januar 1926

Johann Valentin Francke (1792-1930). Gemälde von C. C. A. Böhndel im stadtmuseum Schleswig

Eine Sturmflut bei Tondern

Eine Sturmflut hat in der Neujahrsnacht in Tondern und an der deutsch-dänischen Grenze riesigen Schaden angerichtet. Die Landstraßen stehen kilometerweit unter Wasser. Der Verkehr wird mithilfe von Kähnen aufrechterhalten. In Tondern drangen große Wassermassen in die Häuser ein.

Das „Rendsburger Tageblatt“ berichtete zur damaligen Zeit unter der Rubrik „Alt-Nordschleswig“ oft über Vorkommnisse in unserem Landesteil, hier der als „eigene Funkmeldung“ bezeichnete Bericht über die Überschwemmung, die allerdings nicht nur die Küste um Tondern betraf, sondern an der ganzen schleswig-holsteinischen Westküste Schäden verursachte. Das „Rendsburger Tageblatt“ erschien damals mit dem Untertitel „Schleswig-Holsteinische Landeszeitung“. Unter diesem Titel erscheint das Blatt (seit 1934) noch heute. Die Zeitung kam erstmals im Jahre 1808 als „Gemeinnütziges Wochenblatt für Rendsburg und die umliegende Gegend“ heraus. Nach mehrfachem Wechsel des Titels erschien das Blatt von 1912 bis 1933 als „Rendsburger Tageblatt“. Es wird heute als „Schleswig-Holsteinische Landeszeitung“ in Rendsburg herausgegeben.

 

Donnerstag, 14. Januar 1926

Die Asta Nielsen in Hamburg

Aus Hamburg wird uns geschrieben: Asta Nielsen, die vom Film zur Sprechbühne Übergegangene, ist in „Rita Cavallini“ in den Kammerspielen aufgetreten. Dieses Stück schrieb Edward Sheldon (übersetzt von Sil Hara), Asta Nielsen zugeeignet für die Leipziger Uraufführung. Man kann sagen, dass ihr Spiel gefällt. Die Frau ist berühmt, nicht mehr jung. Die Gründe, die diese Frau zur Sprechbühne gehen ließ, sind zum mindesten unklar, - aber sie gefällt, gefällt als Schauspielerin. Man kennt das Wesen dieser Frau aus dem Film dergestalt, dass einem ihre Spielweise auf der Bühne wie Film vorkommt. Das Stück ist ein Reißer. Der Inhalt ist kurz der, dass eine Opernsängerin, Rita Cavallini, sich in einen Pfarrer verliebt. Sie trennen sich, und der Pfarrer trifft sie dann nochmals in der Stadt. Durch diesen Schmarren, der von Akt zu Akt wunderlicher wird, tollt die entzückende Rita Asta Nielsens. Die Mimik ist überwältigend, das Spiel so drollig, die Frau aus ihrer Vergangenheit heraus so interessant, dass jeder sein Vergnügen daran hat, sie gesehen zu haben. Bleibende oder nur nachhaltige Wirkung ist nicht zu verzeichnen. Das herumgruppierte Ensemble war taktvoll bemüht, den Zweck des Abends zu unterstreichen – eben auf der Bühne eine Größe wie Asta Nielsen zu sehen.

Die dänische Schauspielerin Asta Nielsen (1881-1972) war einstmals die berühmteste Dänin in Deutschland. Sie wurde die „Mutter des Films“ genannt (des Stummfilms!). Im Winter 1925/26 begab sie sich wieder auf die Bühne, nachdem sie zuvor jahrelang nur Filme gedreht hatte. Im Leipziger Schauspielhaus spielte sie die Hauptrolle in „Rita Cavallini“, ohne dass sie sonderlich davon (und von sich) überzeugt war. Doch wurde es ein durchschlagender Erfolg. Er war so groß, dass man sich zu einer Tournee zusammenfand, die von Januar bis März dauerte. Überall wiederholte sich der Erfolg oder wurde noch glänzender: Breslau, Hamburg, Wien, München, Dresden. In der bald nach dieser Tournee erschienenen Biografie Asta Nielsens, einer der ersten überhaupt, heißt es: „Plakate verkündeten die Ankunft der Gefeierten. Schon tagelang vorher fast ausverkaufte Häuser, am Abend Kassensturm! Prachtvolle Stimmung! Stürmischer Beifall! Ungezähltes Hervorrufen! Rasender Applaus zum Abschied! Ovationen auf der Straße!“ Heute ist das Stück gründlich vergessen.

 

Sonntag, 17. Januar 1925

Bücher für Nordschleswig

Die vom Schleswig-Holsteiner-Bund eingeleitete Büchersammlung für die deutschen Büchereien in Nordschleswig zeigt einen erfreulichen Anfang. Bisher sind in der Geschäftsstelle in Flensburg (Lutherhaus) nur wirklich gute Bücher, sowohl inhaltlich wie auch im Einband, eingegangen.

Montag, 5. Januar 1976

Die härteste Sturmflut seit 1962

Der schwere Orkan, der am Wochenende über Nordwesteuropa hinwegraste, verursachte an der deutschen und dänischen Nordseeküste die gefährlichste Sturmflut seit der Katastrophe von 1962. Von der jütländischen Küste Dänemarks zwischen Ribe und Tondern bis zur Niederelbe und an der niedersächsischen Nordseeküste wurden viele Seedeiche so stark beschädigt, dass sie einer neuen schweren Sturmflut in den nächsten Tagen wahrscheinlich kaum standhalten werden. Beim ersten Ansturm hielten aber im Großen und Ganzen die Deiche.

Die Sturmflut und ihre Folgen kehrten in den Spalten unserer Zeitung noch wochenlang Tag für Tag wieder. Besonders auch Ende Januar, als eine bereits im obigen Text befürchtete weitere Flut mit einem Wasserstand von über vier Metern über Normalnull die Küste erneut heimsuchte, während der Kutter unserer Abbildung im Hafen von Havnebüll auf Röm seinen ungewohnten Standort vom 3. Januar, als er auf die Mole gespült wurde, wohl schon verlassen hatte verlassen hatte.

Mittwoch, 14. Januar 1976

Die deutsch-jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler ist erstmalig auch als Graphikerin vorgestellt worden: in einer bis Ende Januar dauernden Schau zeigt das „Israel Museum“ in Jerusalem 54 Bleistiftzeichnungen von der 1876 in Elberfeld geborenen und 1945 in Jerusalem verstorbenen Dichterin, die am 11. Februar 100 Jahre alt geworden wäre. Else Lasker-Schüler hat einen „deutschen Expressionismus“ auch in ihr graphisches Werk getragen, das zumeist aus Szenen Alt-Jerusalems und anderer Aspekte jüdischen Lebens im Palästina der Zeit vor der Staatsgründung Israels besteht.

(Über die Schriftstellerin wird im kommenden Februar in kulturell aufmerksamen Tageszeitungen und Zeitschriften anlässlich ihres 150. Geburtstag allerlei zu lesen sein. Eine schöne, kleine Kabinett-Ausstellung ihrer Aquarelle und Zeichnungen, die übrigens nicht nur Palästina behandeln, wie die obige Meldung glauben machen könnte, schloss vor wenigen Tagen im Günter-Grass-Haus in Lübeck. Vor einiger Zeit ist auch in Dänemark erstmals ein Band von ihr erschienen: Mit blå klaver. Essays og lyrik i udvalg, 107 Seiten, erschienen im Verlag Det Poetiske Bureau in Kopenhagen, übersetzt von Eva Botofte, einer Romanautorin und Lyrikerin, die auch schon Anette von Droste-Hülshoff und Friederike Mayröker ins Dänische übersetzt hat. Wir wollen Else Lasker-Schülers bekanntes Liebesgedicht „Morituri“, dass sie in ihrem ersten Gedichtband „Styx“ 1901 veröffentlichte, und dass schon ihren typischen Ton zum Klingen bringt, hier im Wortlaut und in der dänischen Übertragung vorführen:

 

Morituri

Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben,

Seitdem ist meine Seele jubellahm.

Du hast mich aus dem Rosenparadies vertrieben,

Ich musst sie lassen, Alle, die mich lieben.

Gleich einem Vagabund jagt mich der Gram.

Und in den Nächten, wenn die Rosen singen,

Dann brütet still der Tod - ich weiß nicht was -

Ich möchte Dir mein wehes Herze bringen,

Den bangen Zweifel und mein müh´sam Ringen

Und alles Kranke und den Hass!

Und nun die Übertragung von Eva Botofte:

 

Morituri

Med mit blod skrev du en sorgens vise,

siden den er min sjæl glædeløs.

Du vordrev mig fra mit rosenparadis,

jeg måtte forlade dem, alle, som elske mig.

Som en omstrejfer jages jeg af sorg.

Og i nætterne, når roserne synger,

så ruger Døden stille over – jed ved ikke hvad -

Kunne jeg blot bringe dig mit sorgens hjerte,

den ængstelige tvivl og min møje

hadet og alt det syge!


Die großen Schwierigkeiten, die sich bei der Übertragung aller Gedichte der Lyrikerin ergeben, lassen sich auch im Vergleich zur gelungeneren schwedischen Übersetzung von Peter Handberg erkennen. Handberg, schwedischer Erzähler und Essayist, der lange in Berlin gelebt hat, hat bereits Lyrik von Georg Trakl und Gottfried Benn (dem zeitweiligen Geliebten Else Lasker-Schülers) ins Schwedische übersetzt. Auch seine Übertragung wollen wir zum Vergleich hier wiedergeben:

Morituri

Du skrev en sorgen visa med mitt blod,

Efter det är min själ jublande lam.

Du drev mig ut ur mitt rosenparadis,

Jeg måste lämna dem som älskar mig.

Som en landstrykare jagas av sorgen.

Och på nätterna, när rosorna sjunger,

Då ruvar döden stilla - vet inte på vad -

Jag skulle vilja ge Dig mitt sorgsna hjärta,

Alla ängsliga tvivel och min hårda kamp

Och allt det sjuka och allt hat!

Viel Freude beim vergleichenden Lesen!)

 

Freitag, 23. Januar 1976

Das Pastorat von Höruphaff präsentiert sich nicht nur von vorn recht attraktiv. In dem alten Park liegt der gelbe Fachwerkbau idyllisch, und seine Rückfront ist im Winter von der Landstraße her durch die laublosen Bäume gut zu sehen. Gebaut wurde der heute unter Denkmalschutz stehende Pfarrhof 1765. Derzeit bewohnt ihn Pastor M. K. Hvalsøe.

Gelegentlich veröffentlichte unsere Zeitung damals aktuelle Abbildungen von bemerkenswerten historischen Bauten Nordschleswigs, begleitet von kurzen Kommentaren. Hier nun der Pfarrhof Höruphaff bei Hörup auf Alsen, der in den Jahren 1764 bis 1769 errichtet wurde und der mit seinen ergänzenden Bauten um 1800 heute einen der schönsten und größten Pfarrhöfe Dänemarks darstellt. Wir bilden ihn hier nicht ab, weil ein lehrreicher und leicht erreichbarer Film eine Führung anbietet (Siehe www. hoerupkirke.dk, dort „Om kirken/præstegården“). Der Erbauer des Pfarrhofes war Heinrich Gerhard Brolund (1723-1795), ein hochgewachsener regelrechter Pfarrherr von großer Leibesfülle und großem Selbstbewusstsein. Er nahm kein Blatt vor den Mund, weder vor seinem Herzog auf Augustenburg noch auch vor seinen Gemeindemitgliedern und Schäflein. Diesen letzteren besonders wusste er während seiner Zeit als Pastor in Hörup (1767-1795, seit 1787 zugleich Propst) ordentlich die Leviten zu lesen. Wer ihm moralisch oder aus anderen Gründen missliebig auffiel, wurde von der Kanzel herab in persönlicher Ansprache öffentlich abgekanzelt. Und das kam auf Brolunds Kanzel in der Zeit des Rationalismus, der sich auch im fernen Hörup ansiedelte und die Lebensformen auch dort allmählich verändert hatte, sehr oft vor. Sein Ansehen in der Gemeinde war somit nicht die beste. Kein Wunder, dass zahlreiche Ereignisse weit über seinen Tod in Erinnerung blieben. Seine späteren Amtsnachfolger haben sie nach 1900 gesammelt und publiziert.

Sonnabend, 24. Januar 1976

Trotz geteilter Meinungen über Brolund errichtete man (oder die Familie) ihm nach seinem Tod ein klassizistisches Denkmal aus Eichenholz, das bis 1921 (aber seit wann?) in der Kirche von Hörup stand. Heute befindet es sich im Sonderburger Museum. Es wäre zu überlegen, ob es ursprünglich als Erinnerungsmal für den weitläufigen Park des Pfarrhofs in Höruphaff geschaffen worden ist. Über quadratischem Sockel mit erhabenen Versalien als Inschrift erhebt sich eine große Deckelvase als Gedenkurne mit Trauergehängen und einer Sanduhr im appliziertem Relief.

Gedanken zu einem Schuljubiläum. Von Arthur Lessow

„Der Nordschleswiger“ berichtete in letzter Zeit mehrmals von Feiern zum 25jährigen Bestehen deutscher Schulen in Nordschleswig. 1950 und 1951 waren die Gründungsjahre, in denen eine Reihe von deutschen Schulen in Nordschleswig wieder eröffnet wurde und damit nach 5jähriger Unterbrechung eine jahrhundertealte deutsche Schultradition in unserer Heimat wieder fortgesetzt werden konnte. Aus den Reden, die bei den Jubiläumsfeiern gehalten werden und in denen von der Zeit vor 25 Jahren berichtet wird, und aus den Schulchroniken der einzelnen Schulen erfahren wir von den großen Schwierigkeiten, die sich einem Wiederbeginn der deutschen Schularbeit nach der völligen Zerschlagung im Jahre 1945 entgegenstellten. Es fehlte praktische an allem, was zur Errichtung einer Schule gehört: an geeigneten Räumlichkeiten, an Unterrichtsmaterial, an manchen Orten auch an geeigneten Lehrkräften und überall an Geld. Man ist heute erstaunt, wenn man erfährt, wie primitiv oft damals der Anfang war. Da heißt es zum Beispiel in einer Schulchronik acht Tage nach Beginn des Unterrichts: Heute erhielten wir eine Wandtafel und nach weiteren drei Monaten: Heute bekamen wir unsere ersten Lesebücher!

So lauten die ersten Sätze des damaligen Schulrats, der sich in der Zeitung oft zu pädagogischen und kulturpolitischen Fragen äußerte.

 

Sonnabend, 24. Januar 1976

Mit einer großangelegten Feier will die Stadt Pirmasens im kommenden Monat des 1927 verstorbenen Literaten und Dramaturgen Hugo Ball gedenken, dessen Gedichte im dadaistischen Stil Weltgeltung erlangt haben. Für den Begründer der Münchner Kammerspiele, der am 22. Februar 90 Jahre alt geworden wäre, wird für den selben Zeitpunkt von der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler eine Würdigung und eine Ball-Dokumentation vorbereitet. In der Dokumentation sind Briefe, handschriftliche Aufzeichnungen und Erstausgaben der Arbeiten Hugo Balls zu sehen.

Mit der obigen Charakterisierung ist der Österreicher Hugo Ball aus Linz bei weitem nicht getroffen. Er war von überwältigender Produktivität und war eine der bemerkenswertesten Figuren des an bemerkenswerten Figuren reichen Jahrzehnten seiner Zeit. Immer ist noch Neues zu entdecken. Es scheint, dass er gerade in unserer Zeit wieder erhöhte Aufmerksamkeit erfährt, namentlich auch seine späten theologischen Schriften, die er nach seiner Wendung zum Katholizismus schrieb und die er in größter selbstgewählter Armut nur durch die Hilfe Hermann Hesses schreiben konnte. Wir haben diese Notiz aber ausgewählt, um auf seine Ehefrau hinzuweisen, ohne deren Liebe, Hilfe und Beistand er nie das hätte schreiben können, was seit einigen Jahren Band für Band im Göttinger Wallstein-Verlag als „Sämtliche Werke und Briefe“ erscheint. Gemeint ist Emmy Ball-Hennings (1885-1948), die nach dem Tod ihres Mannes unermüdlich für ihn und den Nachlass tätig war. Viele Nordschleswiger fahren an ihrem Geburtshaus vorbei, denn sie wurde im nördlichen Schleswig geboren. Wer von der Apenrader Straße in Flensburgs Norden in die Steinstraße einbiegt, um im dortigen Discounter Lebensmittel usw. einzukaufen, kommt unweigerlich an ihrem Geburtshaus vorbei. Ihre Bücher und Briefe und die Bücher über sie stehen auf den Regalen unserer Büchereien zur Lektüre bereit.

Emmy Ball-Hennings und Hugo Ball um 1925 im Tessin, als sie in der Nähe ihres Freundes und Förderers Hermann Hesse wohnten.