Jürgen OstwaldJürgenOstwaldJürgen OstwaldFreier Mitarbeiter
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So klein die Kirche von Holebüll (Holbøl) ist, so groß waren die nationalpolitischen Zwistigkeiten 1925. Näheres unter dem 18. Juli 1925Foto: wikipedia.org / Dguendel
Die Schlagzeilen dieses Juli unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.
Freitag, 3. Juli 1925
Foto: DN
Keine deutsche Ansichtskarte aus Südtirol
„Il Risorgimento“ berichtet, dass der Präfekt von Trient vom 1. Juli ab den Verkauf von Ansichtskarten von Südtirol mit deutscher oder zweisprachiger Aufschrift verboten hat. Nur Alben mit deutscher Aufschrift dürfen vorläufig bis Ende dieses Jahres verkauft werden.
Seit der Machtübernahme Mussolinis verstärkte sich der Druck auf die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols. Die Italianisierung hielt auch in der Zeit der Republik Italien (nach 1946/48) an. In unseren Tagen flammt der lange als befriedet geglaubte Gegensatz erneut auf.
Dienstag, 7. Juli 1925
Der Nordschleswigsche Sängerbund hielt am Sonntag in Hoyer eine Sängertagung ab. Beschlossen wurde, das nächste Sängerfest 1927 in Sonderburg zusammen mit dem 60. Stiftungsfest und der Bannerweihe des Gesangvereins „Union“ abzuhalten. 1926 will man geschlossen am Niedersächsischen Sängerbundfest in Schleswig teilnehmen. Der nächste nordschleswigsche Sängertag findet im Herbst in Tingleff statt. Um zwei Uhr war Generalprobe der Chöre aus Hadersleben, Sonderburg, Lügumkloster, Tondern und Hoyer, woran rund 120 Sänger teilnahmen. Danach unternahm man einen gemeinschaftlichen Spaziergang nach Hoyerschleuse, wo die einzelnen Vereine abwechselnd sangen. Gegen sieben Uhr erfolgte der Rückmarsch nach Hotel Sylt, wo um acht Uhr der Kommers begann. – Besonders gefielen die Gesangvorträge der Haderslebener und der Sonderburger, die auf allgemeinen Wunsch weitere Lieder vortragen mussten.
15 Jahre zuvor, im November 1910, wurde in Rothenkrug der Nordschleswigsche Sängerbund gegründet. Er fasste damals die Deutsche Chorvereinigung in Apenrade, den Musikverein in Hadersleben und jenen in Sonderburg wie die Kammermusikvereinigung in Tondern zusammen. Diese wiederum hatten sich zuvor im 19. Jahrhundert aus diversen Chören und Vereinigungen entwickelt. Die Urform des Bundes erkennen wir in den nordschleswigschen Liedertafeln und Singvereinen der Erhebungszeit um und vor 1848. Zahlreiche Nordschleswiger nahmen dann am Ersten Deutschen Sängerbundfest im Sommer 1865 in Dresden teil, als Schleswig-Holstein und Nordschleswig auf besonderes Interesse in der deutschen und dänischen Öffentlichkeit rechnen konnten. Der Nordschleswigsche Sängerbund musste seine Tätigkeit im Ersten Weltkrieg einstellen. Erst 1923 gelang die Wiederbelebung. Am 22. Oktober 1925 wird dann auf dem oben erwähnten Sängertag aus dem Sängerbund die Nordschleswigsche Musikvereinigung entstehen. Sie gibt es bekanntlich noch heute. Wir werden berichten.
Mittwoch, 8. Juli 1925
Der dänische Ministerpräsident als Dramatiker
Die Arbeiterbühne des Kopenhagener Volkstheaters bereitet die Aufführung eines Dramas vor, dessen Verfasser der dänische Staatsminister Stauning ist. Das Stück heißt „Lebenslügen“, ein Bild aus dem Volksleben in fünf Akten, und behandelt das Thema des Kampfes zwischen Arbeiter und Arbeitgeber. Hinein spielt eine Liebesgeschichte, eine junge Arbeiterin wird von ihrem Geliebten, dem Sohn des Fabrikanten, verlassen, als dieser beim Antritt seines Erbes und der Übernahme der Fabrik allzu schnell seine sozialen Ideale und menschliche Verantwortung vergisst. Hjalmar Stauning hat das Stück allerdings nicht als Staatsminister geschrieben, sondern vor zwanzig Jahren, als der ehemalige Zigarrenmacher noch im Anfang seiner gewerkschaftlichen und politischen Tätigkeit stand.
Wieso unser Redakteur oder unser Setzer den Staatsminister Hjalmar Stauning nannte, ist unerfindlich. Eigentlich wusste damals jedes Kind, dass der seit 1910 als Vorsitzender der dänischen Sozialdemokratie fungierende und seit 1924 als Staatsminister amtierende Mann Thorvald Stauning hieß. Sein Theaterstück „Livets Løgne. Folkelivsbillede i 5 Akter“ kam allerdings bereits 1904 auf die Bühne. Am Montag, dem 2. Weihnachtstag 1904, wurde es am Arbejdernes Teater in Kopenhagen gegeben. Zwei weitere Aufführungen folgten. Dann gab es das Stück noch einmal, der Autor war inzwischen berühmt. Im Volkshaus in Kopenhagen kam es am 29. September 1925 abermals zur Aufführung. Gedruckt wurde das 72 Seiten umfassende Stück aber erst 1931.
Montag, 13. Juli 1925
Die Ebertbüste im Reichstag
Die Bronzebüste des verstorbenen Reichspräsidenten Ebert, die von Prof. Dr. Kolbe in Auftrag gegeben wurde, ist im Foyer des Reichstagsgebäudes provisorisch aufgestellt worden.
Kaum war das Modell der Büste des ehemaligen Reichspräsidenten dem Ausschmückungsausschuss des Reichstags vorgestellt worden, gab es Streit unter den Mitgliedern. Ein Sachverständiger wurde hinzugezogen. Es war Hugo Lederer (1871-1940), der Schöpfer des Hamburger Bismarck-Denkmals, seit 1915 Lehrer an der Berliner Kunstakademie, ein Mann der Vorkriegszeit, Anhänger eines längst überlebten Neobarocks, damals schon weit rechts stehend, bald bekennender Nazi. Er schrieb: „Die Ebertbüste des Herrn Professor Kolbe trägt den Stempel der Oberflächlichkeit, die geradezu beleidigend ist für den Zweck, dem sie geweiht sein soll, für das ganze Volk. Das ist nicht genial, das ist gepferzt!!! Das ist auch nicht gekonnt, das ist mangelhaft!!! Einen anderen Ausdruck finde ich dafür leider nicht.“
Dieses sogenannte „Gutachten“ wurde sofort öffentlich bekannt, ein Sturm brach los. Namentlich die rechtsgerichtete Presse überschüttete Kolbe mit Beleidigungen. Hunderte von Zeitungs-Ausschnitten bewahrt das Berliner Kolbe-Museum. Übrigens: „gepferzt“: Pferzen kennt das „Deutsche Wörterbuch“ nicht. Vielleicht ist es mundartlich. Der Österreicher Lederer stammt aus Znaim im Mährischen (heute Znojmo/Tschechien) – man müsste im „Wörterbuch der deutschen Mundarten in Böhmen und Mähre-Schlesien“ nachschlagen.
Dienstag, 14. Juli 1925
Weihe eines Abstimmungsdenkmals
In Allenstein fand die Weihe des Grundsteins zur Errichtung eines Abstimmungsdenkmals statt. Freiherr von Gayl hielt die Weiherede.
Das Allensteiner Abstimmungsdenkmal sollte an die Abstimmungsergebnisse in den südlichen Landkreisen Ostpreußens erinnern. Das südliche Ostpreußen blieb deutsch. Nur das kleine „Soldaugebiet“ im Südwesten fiel an Polen. Das Denkmal wurde nach langer Bauzeit im Frühjahr 1928 in Allenstein eingeweiht. Die Rede zur Grundsteinlegung 1925 hielt Wilhelm von Gay (1879-1945), der Vertreter Ostpreußens im Reichsrat. Während des Ersten Weltkrieges forderte er, im besetzten Baltikum die russischen Grundbesitzer und die Juden zu enteignen und auszusiedeln und dafür f50.000 Bauernhöfe für deutsche Ansiedler zu schaffen.
Diese Ideen flossen später in die von ihm gegründete „Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation“ ein. Diese Gesellschaft war Mitglied im rechtskonservativen „Deutschen Schutzbund“, dem auch zahlreiche nordschleswigsche Vereine und Verbände angehörten. Auf der Pfingsttagung des Deutschen Schutzbundes 1922 in Allenstein traf Johannes Schmidt-Wodder, der in Allenstein eine Rede hielt, wohl erstmals mit Gayl zusammen, dessen Ideen der Nordschleswiger nahestand. – Das Denkmal wurde 1945 von der nunmehrigen polnischen Verwaltung abgerissen.
Sonnabend, 18. Juli 1925
Gerichtliches
Der Schadensersatzprozess des Pastors Andersen-Holebüll stand in Hadersleben wieder zur Verhandlung. Andersen verlangte eine Entschädigung von 64.000 Kronen von Hofbesitzer Knudsen-Hammeleff anlässlich eines Autozusammenstoßes bei Aakjer im Oktober vorigen Jahres, der für Pastor Andersen – nach seinen Angaben – eine Zuckerkrankheit im Gefolge hatte. Der Verteidiger des Beklagten forderte Beweismaterial dafür, dass die später eingetretene Zuckerkrankheit wirklich eine Folge des Unfalls sei. Er behauptete ferner, dass der Pastor A. kurz nach dem Unfall an einer Beerdigung und am selben Tage abends an einer Versammlung teilgenommen hätte. Ferner will er Zeugen vernehmen lassen, gegenüber denen Pastor A. bereits vor dem Unfall die Befürchtung ausgesprochen haben soll, dass er an Zuckerkrankheit leide. Ferner wurde seitens des Beklagten geltend gemacht, dass der Führer des Autos des Angeklagten das Verkehrsgesetz übertreten hätte, indem er an einer Straßenbiegung das andere Auto überholte. In diesen Fällen soll Klarheit geschaffen werden, worauf der nächste Termin auf den 24. d. Mts. festgesetzt ist.
Pastor Peter Andersen war in Holebüll (Holbøl) ein angesehener Mann, aber auch eigenwillig. Er wurde im Herbst 1882 in Branderup als Bauernsohn geboren und besuchte das Gymnasium in Hadersleben. Nachdem er in Kiel Theologie studiert hatte, übernahm er 1912 die Pfarrstelle in Holebüll. Er entstammte einem dänischen Elternhaus. (Bei der Abstimmung 1920 stimmten 97 Prozent in Branderup für Dänemark, wie fast alle Kirchspiele rund um Hadersleben.) 1913 wurde die kleine Kirche in Holebüll mit Mitteln des Landeskonservators in Kiel restauriert. Der aus Kabdrup bei Hadersleben stammende und in Dresden damals erfolgreich tätige Maler August Wilckens restaurierte die mittelalterlichen Kalkmalereien (und fügte flugs Porträts des Landeskonservators Haupt und des Ortspfarrers Andersen hinzu!).
In diesem Jahr begann auch der Streit Andersens mit den Führern des „Vereins für das Nördliche Schleswig“, besonders mit seinem Vorsitzenden John Henri Hahn in Kiel, der lange Jahre in Norburg und Sonderburg als Richter an den Amtsgerichten tätig gewesen war. Andersen hatte sich 1913 geweigert, am 27. Januar die Rede zum Geburtstag des Kaisers im Dorfkrug zu halten, was vom Verein über die Köpfe der Mitglieder hinweg überall in Nordschleswig verlangt worden war. Der Protest gegen die Weigerung ließ nicht lange auf sich warten. Die Beschwerde ging an den Propst, dann an den Kreisschulinspektor, dann an das Kirchen-Konsistorium.
Das Abstimmungsdenkmal in AllensteinFoto: wikipedia.org / alte Postkarte
Der Streit setzte sich fort, befeuert von Hahn, es wurden weitere „Verfehlungen“ Andersens aufgelistet. Die Forderung nach seiner Absetzung war jedoch nicht erfolgreich. Der Landrat Curth Schönberg, der gerade sein Amt angetreten hatte, wurde behelligt, ebenso der Generalsuperintendent Kaftan in Schleswig.
Mit den Jahren summierte sich die Angelegenheit auf 13 Anklageschriften, mit ca. 40 Anklagepunkten. Hahn trat da (nach den Jahren der vergeblichen Köller-Politik!) besonders krass hervor. Er bemängelte, dass Andersen als Pastor einen dänisch abgefassten Brief an einen Bauern im Nachbardorf Hokkerup geschrieben habe, dass er eine dänisch abgefasste Adresse für einen Brief an eine Frau in Wilsbek (Vilsbæk) verwendet habe, dass er gelegentlich dänisch konfirmiere, dass er auf Dänisch in Poesiealben Einträge verfasst habe, dass er mit ihm fremden Kindern Dänisch spreche usw. usf.
Einer der Gegner und Denunzianten war offenbar Andersens Küster und Lehrer an der Holbüller Schule Leopold Conrad Nørskov (geboren 1877), der aus Kolstrup bei Apenrade stammte und vom Haderslebener Lehrerseminar herkam. Eine Gegnerin Andersens war wohl auch die Holbeüller Lehrerin Marie Magdalene Frederiksen (1883-1952), die bis 1950 (!) Lehrerin im Dorf blieb.
Die nationalpolitischen Streitigkeiten kommen uns heute wie eine Realsatire vor, doch waren sie in allem Ernst mitten im Leben angesiedelt und hatten für alle Beteiligten weitreichende persönliche Folgen.
Hahn erkrankte während des Weltkrieges und suchte Linderung in Davos. Er starb aber 1920 mit 52 Jahren. Andersen erkrankte seinerseits während der dauernden Anschuldigungen und Verdächtigungen und starb im Oktober 1925. Er wurde 43 Jahre alt. Der Nationalismus war die Geißel des 19. Jahrhunderts. Dieses Jahrhundert dauerte in Nordschleswig besonders lange.
Sonnabend, 5. Juli 1975
Till Eulenspiegels 675. Geburtstag
Mit zahlreichen Veranstaltungen am heutigen Sonnabend und am Sonntag feiert die Stadt Mölln (Kreis Herzogtum Lauenburg) Till Eulenspiegels 675. Geburtstag. Die Eulenspiegelstadt stützt diese Geburtstagsfeier auf ein im November 1972 bei Ausschachtungsarbeiten gefundenes Testament, das in einer eisernen Truhe unter vermoderter Erde und 50 faustgroßen Steinen in einer Bleirolle verschlossen entdeckt wurde. Aus dem Testament ging hervor, dass Till mit großer Wahrscheinlichkeit am 1. Juli geboren wurde.
Till Eulenspiegel kennt jeder, aber nicht jeder hat auf seinem Bücherbord „Ein kurzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel“ von 1515 (das ist der älteste erhaltene Druck) stehen, worin die 96 Historien mit seinen Abenteuern erzählt werden. Da Eulenspiegel in aller Herren Länder war, so hatte er auch Dänemark besucht. Und diese Geschichte aus Dänemark geben wir hier wegen des nunmehrigen 700. Geburtstages vollständig nach der Ausgabe von 1515 wieder: „Die 23. Histori sagt, wie Ulenspiegel seinem Pferd guldene Eisen uff ließ schlagen, die der König von Dänmarck bezalen müßt.“
„Ein solicher Hofman waz Ulenspiegel, daz sein Frumkeit [Tüchtigkeit] vor manchen Fürsten und Herren kam und daz man wol wüßt von ihm ze sagen. Daz möchten die Herren und Fürsten wol leiden und gaben ihm Kleid, Pferd, Gelt und Kost. Also kam er zu dem Künig von Dänmarck und der het ihn vast [sehr] lieb und bat ihn, daz er etwaz Abentür macht, er wolt ihm sein Pferd laßen beschlagen von dem allerbesteb Huffschlag. Ulenspiegel fragt den Künig, ob er solt seinen Worten glauben. Der Künig sprach ja, dann er nach seinen Worten thät. Ulespiegel reit mit seinem Pferd zum Goldschmid und ließ sein Pferd mit guldin Huffeisin und mirt silbern Näglen beschlagen und gieng da zum Künig und sprach:, daz er ihm wolt den Huffschlag bezalen. Der Künnig sprach ja, und sprach zu dem Schreiber, daz er ihm den Huffschlag thät bezalen. So meint der Schreiber, das es ein schlechter [schlichter] Huffschmid wär, und Ulenspiegel bracht ihm zu dem Goldschmid. Und der Goldschmid wolt haben 100 dänische Marck. Der Schreiber wolt das nit bezalen und gieng hin und sagt das dem Künig. Der Künig ließ Ulenspiegel holen und saget da zu ihm: „Ulenspiegel, was deuren Huffschlag machst du. Wann ich alle meine Pferd soll also beschlagen lassn, so müßt ich bald Land und Lüt verkauffen. Das was mein Meinung nit, daß man das Pferd ließ mit Gold beschlagen.“ Ulenspiegel der sprach: „Gnädiger Künig, Ihr sagten, das solt der best Hufschlag sein ond ich solt Euwern Worten Gnug thun.“ Der Künig sprach: Du bist mein allerliebster Hoffgesind. Du thust, was ich dich hieß“, und ward lachen und bezalt die 100 Marck. Da kam Ulenspiegel und ließ die guldnen Eisen abbrechen und zoch für die Schmidt und ließ sein Pferd mit Eißin beschlagen und bleib bei dem Künig biß an sein End [bis zum Tode des Königs].“
Foto: DN
Dienstag, 15. Juli 1975
An diesem Tag erschien in unserer Zeitung ein kleiner heimatkundlicher Beitrag von „HJG“. Das Monogramm steht für den Tonderaner Lehrer und unermüdlichen Heimatforscher Hans Jürgen Gläser, der manchem heutigen Leser (wohl auch als sein Schüler) noch ein Begriff ist, war er doch eine markante Persönlichkeit. Wir geben den Beitrag hier leicht gekürzt wieder:
Über das Baden in der Wiedau
Sommerzeit – Badezeit. Besonders bei einer Hitzewelle gibt es einen großen Zulauf zu den Schwimmbädern, die eine willkommene Erfrischung bieten. An vielen Orten hat man jetzt Bassins angelegt, das Wasser wird gereinigt und wenn nötig auch angewärmt. So auch in Tondern, dessen Schwimmbad in dieser Saison einen guten Besuch verzeichnen kann. Nicht weit von dem Bassin, in dessen Nähe ja ein schon auf dem Reißbrett befindliches Hallenbad errichtet werden soll, fließt hinter dem Deich mit der Süderallee die Wiedau. Als „Badestelle“ ist sie gewissermaßen degradiert, und doch haben in ihrem ungechlorten, grünlichen Wasser Generationen von Tonderanern geschwommen, haben geplanscht und sich munter getummelt.
Eine alte Tonderanerin berichtet: „In den großen Ferien, damals vor dem Ersten Weltkrieg, waren wir fast täglich zum Baden draußen in der Freibadeanstalt für Damen, etwas unterhalb von Bachmanns Wassermühle am Deich. Wir waren richtige Wasserratten. Bei großer Hitze beneideten wir richtig die Herren der Schöpfung, die im Schatten der Süderallee wandeln konnten. Diese lag im Osten, nicht weit von der Eisenbahnbrücke auf jener Halbinsel, die sich bei dem Zusammenfluss von Galgenstrom und Wiedau gebildet hatte.“
Holzschnitt-Illustration zur „23. Histori“ aus dem ersten Eulenspiegel-Druck von 1515Foto: Privat
Das Baden und Schwimmen wurde ja erst richtig im vorigen Jahrhundert modern. Was die Badeanzüge betrifft, so ist die Entwicklung von ziemlich viel zu fast gar nichts und schließlich zu nichts gegangen. Vielleicht hatten aber die Lehrburschen, die die strenge Polizei in dem „Intelligenzblatt von 1850“ warnte, sich zu entkleiden und in der Wiedau und ihren Nebenflüssen zu baden, doch nicht so viel an. Die Lehrburschen und Seminaristen sind sicher, was das Baden anbetrifft, revolutionär gewesen. Mit der erwähnten Bekanntmachung hat man sicher das Baden auf bestimmten Plätzen begrenzen wollen. Denn am 24. Juni 1854 findet man folgende Anzeige: „Hierdurch erlaube ich mir zur Benutzung meines auf der Wiedau bequem eingerichteten Badehause für die diesjährige Badesaison unter den bekannten Preisen, sowohl im Abonnement, wie einzeln, ganz ergebenst einzuladen. – H. C. Plöhn.“
Wie lange dieses Badehaus bestanden und auch wo es gelegen hat, konnten wir nicht feststellen.
Mit dem Aufstieg des Bürgertums und der bürgerlichen Familie im 18. Jahrhundert entwickelten sich auch das organisierte Badewesen und die Sommerfrische. Natürlich badete der Mensch schon seit unvordenklichen Zeiten in der See und den Flüssen, und bereits Heraklit leitete vor über 2.500 Jahren aus seiner Erfahrung die Weisheit ab, dass niemand zweimal in denselben Fluss steigen kann.
Auch Nordschleswig hatte an dieser Entwicklung des Badens teil. So war etwa die Apenrader Badeanstalt einstmals berühmt, wenngleich nicht erfolgreich. Sie wurde von dem Apenrader Arzt Neuber als Aktiengesellschaft um 1820 eingerichtet. Doch Apenrade lag für solvente Hamburger oder Kopenhagener Familien oder Einzelpersonen allzu abseits. Man fuhr nach Norderney (gegründet 1797) oder Doberan/Heiligendamm (gegründet 1793).
Einfache Badestellen, auch mit Steg, gab es natürlich in jedem nordschleswiger Ort. Besonders Kinder entdeckten für sich wie auch heute bekanntlich jede Pfütze für ihr sommerliches Dasein. Und das musste natürlich, wie oben für Jugendliche erwähnt, kommunalpolitisch reguliert werden. Besorgte Bürger mit gesteigertem Empörungssinn gab es auch schon damals. In Hadersleben rückte jemand, der sich an seine eigene Kindheit nicht mehr erinnern wollte, am 24. Juli 1803 (in diesem Jahr 1803 wurde das Seebad Boltenhagen in Mecklenburg als Konkurrent zum beliebten Doberan gegründet) in das örtliche Blatt, nämlich in die Haderslebener Wochenschrift „Lyna“, folgende Anzeige ein:
„Mehrere Gassenbengel baden sich am hellen Tage in der Nähe der Süderbrücke und haben die Frechheit, mehrere Stunden ganz nackt in dieser Gegend umher zu ziehn und züchtige Augen zu beleidigen. Man ersucht die hiesige Polizey, diesem Unwesen zu steuern und wenn nicht anders den Prügel der Wächter in diesen Buben einige Achtung fürs Publikum zu erwecken.“ Als Friedrich Gottlob Klopstock (1724-1803) etwa 50 Jahre zuvor, so kurz nach 1751, das Nacktbaden in Dänemark, oder sagen wir besser im Weichbild Kopenhagens, einzuführen sich erfrechte, fielen einige Damen der Gesellschaft schon vom Hörensagen fast in Ohnmacht.