Vor 100 und vor 50 Jahren

Chronik: Mörder, Monarchie und nationale Feiertage

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Mariental aus der Vogelperspektive. Mariental in Namibia wurde 1894 von dem deutschen Auswanderer Hermann Brandt gegründet und nach seiner Ehefrau Maria benannt. Zunächst war es nur eine kleinere Farm, heute ein Ort von fast 15.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Brandt starb Ende Januar 1925 in Lüderitz. In Deutschland nahm man von seinem Ableben kaum Notiz. Bemerkenswert bleibt aber, dass sich auch zahlreiche Menschen aus Nordschleswig zwischen 1885 und 1919 im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, ansiedelten und dort ihr Glück suchten.

Die Schlagzeilen von diesem Januar sind ganz anders als noch vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv die Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Wie zu Beginn eines jeden Jahres schlagen wir im Januar eine andere Zeitung auf, nicht unsere gewohnte „Sonderburger Zeitung“ von 1925. Dieses Mal ist es die „Kölnische Zeitung“. Sie gehört mit der „Vossischen Zeitung“ und dem „Berliner Tageblatt“ sowie der „Frankfurter Zeitung“ zu den vier auch übernational anerkannten deutschen Qualitätszeitungen der Zeit.

Ob sie unmittelbar auf die vier deutschen Blätter in Nordschleswig gewirkt hat, lässt sich schwer beurteilen, mittelbar in jedem Falle. Bei „Dannevirke“ in Hadersleben und „Heimdal“ in Apenrade ist das anders. Vor dem Krieg las etwa H. P. Hansen das Kölner Blatt täglich. Es gab jeden Tag mindestens drei Ausgaben (!), zwei morgens, eine (gelegentlich auch zwei) abends. Auch am Sonntag erschien das Blatt.

Nicht nur in der katholischen Welt wurde die Zeitung gelesen, auch Protestanten hielten es. Ein Leser war Wilhelm Busch, der die Zeitung mit seinem Gedicht „Die Liebe“ in die Sphären der Weltliteratur gehoben hat: „Die Liebe war nicht geringe. / Sie wurden ordentlich blass; / Sie sagten sich tausend Dinge / Und wussten noch immer was. // Sie mussten sich lange quälen, / Doch schließlich kam es dazu, / Dass sie sich konnten vermählen. / Jetzt haben die Seelen Ruh. // Bei eines Strumpfes Bereitung / Sitzt sie im Morgenhabit; / Er liest in der Kölnischen Zeitung / Und teilt ihr das Nötige mit.“

Freitag, 2. Januar 1925, Morgen-Ausgabe
Die Mörder Erzbergers
„Az Est“ teilt mit, dass Tillessen und Schulz keine Einreisebewilligung nach Rumänien und der Türkei bekommen hätten und deshalb nach Ungarn zurückgekehrt seien. Die Gerüchte, dass sie in der Türkei eine Zuflucht finden würden, hätten sich als falsch erwiesen und nur den Zweck gehabt, den Mördern die Flucht vor deutschen Detektiven zu erleichtern. Die Polizei erklärt, dass ihr von der Rückkehr von Schulz und Tillessen nichts bekannt sei.

„Az Est“ war eine ungarische Tageszeitung, die von Wolffs Telegraphen-Büro, der führenden damaligen deutschen Presse-Agentur, ausgewertet wurde und deren Nachrichten dann den deutschsprachigen Medien zur Verfügung gestellt wurden. Die Mörder Erzbergers (Erzberger wurde im August 1921 ermordet, wir berichteten in unserer Chronik) konnten sich mit der Hilfe ihrer Freikorps-Kumpanen ins Ausland absetzen. Den Behörden gelang es wegen ihres sehr mangelhaften Einsatzes nicht, ihrer habhaft zu werden.

Erst nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrten sie nach Deutschland zurück, da ihnen durch eine Verordnung Straffreiheit gewährt wurde. 1946 wurden sie jedoch für ihre Taten vor Gericht gestellt. Das deutsche Gericht in der französischen Besatzungszone sprach sie aber unter Anwendung der Verordnung von 1933 (Amnestie für Taten im Zusammenhang mit dem Aufbau des Nationalsozialismus) frei. Die Empörung war groß. Ein französisches Gericht hob das Urteil auf. Ein zweiter Prozess vor einem deutschen Gericht mit alten NS-Richtern ergab 1947 Freiheitsstrafen von 15 bzw. 12 Jahren. 1952 wurden sie jedoch bereits entlassen. Die Seilschaften funktionierten.

Montag, 5. Januar 1925, Abend-Ausgabe
Die dänischen Sozialdemokraten und die Monarchie
An dem Neujahrsempfang am dänischen Hofe, bei dem der König und die Königin, wie üblich, die Mitglieder der Hofkreise und die politischen Persönlichkeiten empfingen, nahmen auch die sozialdemokratischen Minister teil, ebenso an dem Empfang bei der Königin-Witwe und an der Hoftafel beim Königspaar. Das Regierungsorgan Social-Demokraten bemerkt dazu, eine Cour im Schlosse sei ganz ohne Einfluss auf die sozialdemokratisch-republikanische Überzeugung; die dänische Sozialdemokratie bleibe Gegner der Monarchie, sie behandle aber den König als das, was er sei: als Inhaber des höchsten durch die Verfassung gesicherten Amts im Lande, das bestehen bleibe, bis eine Mehrheit des Volkes andere Verfassungsformen durchführe.

Die „Kölnische Zeitung“ hatte in Kopenhagen eigens einen Korrespondenten installiert, der über ganz Skandinavien und Finnland berichtet. Die dänischen Sozialdemokraten hatten in ihrem Parteiprogramm die Einführung der Republik als Ziel festgeschrieben, was natürlich die Abschaffung der Monarchie bedeutete. Dieser Passus des alten Parteiprogramms wurde übrigens nie widerrufen.

Dienstag, 6. Januar 1925, Morgen-Ausgabe
Godekes Knecht
Da fiel ein Tropfen ins Meer, und das Meer erscholl und brach in meinen Traum. Der Finger der Ewigkeit war ausgestreckt und wies auf den Ablauf der Zeiten, und eine kleine Spanne war der Zeiger gerückt und war wie ein Kindermund klein und lächelnd, so jung war die Zeit und war dahin fünfhundert Jahre und etliches.

(…)

Eine Lüge ist der Tod, eine Schäkerin von Lüge, ein kleiner Trost vor dem Fragwürdigen, das dennoch kommt, eine bange, bleichgesichtige Lüge. Verflucht! Verwest war ich lange, doch ewig war ich wach im Schlaf. Ungelöscht war meine Last voll Lust, unerledigt die Frachten nach allen Häfen der Welt.

So beginnt der neue Fortsetzungsroman der „Kölnischen Zeitung“, der von dem Blatt mit einem Preis ausgezeichnet worden war. Und das beweist, dass man diese expressive Prosa immer noch aushielt und sogar schätzte. Doch nicht mehr lange. Die „Neue Sachlichkeit“ hatte schon begonnen.

Abgedruckt wurde eines der Erstlingswerke des Dichters Hans Leip (1893-1982), der Roman „Godekes Knecht. Die Berichte des Magisters Wigbold über die Schönheit von Himmel, Land und Meer sowie über den Untergang der Likedeeler im Sommer 1904“. Der Störtenbecker-Roman war durchaus erfolgreich. Insgesamt hat er wohl eine Auflage von bald 100.000 Exemplaren erlebt. Noch 1981 erschien er ungekürzt als Ullstein-Taschenbuch. Heute ist der Roman vergessen, wie zahlreiche andere Bücher von dem Hamburger Autor. Eines aber wird von Hans Leip unvergessen bleiben: Lili Marleen.

Montag, 12. Januar 1925, Abend-Ausgabe
Ein deutscher Kreuzer in Mexiko
Sonderkabel der United Press für die Kölnische Zeitung aus Mexiko Stadt. Der deutsche Kreuzer „Berlin“ ist am Sonntagmorgen in den Hafen von Veracruz eingelaufen. Der Kommandant hat bereits am Tage vorher der mexikanischen Regierung auf drahtlosem Wege die Grüße der deutschen Regierung übermittelt.

Auslandsreisen der neuen kleinen deutschen Reichsmarine dienten der erneuten Etablierung des Ansehens der Weimarer Republik nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Offiziere und Besatzung des deutschen Ausbildungsschiffes wurden von Vertretern des mexikanischen Präsidenten Calles, dem Gründer der „institutionalisierten Revolutionspartei“, die Mexiko bis 2000 mit harter Hand regierte, empfangen. Der Besuch war nicht unheikel, hatte doch eine dilettantische deutsche Diplomatie 1917 Mexiko auf Kosten der USA zum Bekenntnis zu den Mittelmächten gedrängt. In den USA führte das neben dem eigentlichen Hauptgrund, dem uneingeschränkten U-Boot-Krieg, zur US-amerikanischen Kriegserklärung.

Sonntag, 18. Januar 1925, Sonntags-Ausgabe, Erstes Blatt
Der 18. Januar ein deutscher Schicksalstag!
Nationale Feiertage sind Tiefenerlebnisse eines Volkes, müssen Tiefenerlebnisse sein, wenn sie im Volksbewusstsein wurzeln sollen. Parlamentsbeschlüsse und Volksentscheide können einem Volke solche Tage nicht schaffen. Feiertage vielleicht. Aber diesen fehlt das Beste, die Seele. Echte nationale Feiertage müssen aus dieser geboren sein, in ihr ihren Widerhall finden und rückwirkend sie höher stimmen, nicht als Rausch, sondern als bleibende Bestimmtheit. So wird der 9. November, der Erinnerungstag der sogenannten Revolution, niemals zum nationalen Feiertage des Volkes werden, weil er weder Tiefenerlebnis war, noch einem seelischen Volksbedürfnis entsprach. Im Gegenteil! Dem größten Teil des Volkes wird er ein „dies ater“, ein Tag des Unheils sein und bleiben, und alle Not und alles Leid wird mit ihm in Zusammenhang gebracht werden. (…) Der 18. Januar soll uns ein nationaler Feiertag sein und damit ein nationaler Erziehungstag. Er soll das deutsche Volk seiner kulturellen Doppelmission wieder zuführen und diese ihm zum Lebensprinzip und Lebensinhalt machen: Verinnerlichung und Durchgeistigung des persönlichen Lebens und dadurch Emporbildung im Sinne seiner Ewigkeitsbestimmung. Nur so erhält dann das deutsche Volk wieder einen neuen wertvollen Lebensinhalt und ein neues tragendes und kraftauslösendes Lebensziel (…)

Die heutige Leserschaft steht ratlos vor diesem Text. Er ist den übermäßigen religiösen Aufladungen nationaler Feiertage entwöhnt und steht ihnen fremd oder doch zumindest misstrauisch gegenüber. Was ist überhaupt gemeint? Das wird in dem Text (hier gekürzt) nur angedeutet, weil es damals noch jeder wusste: Am 18. Januar 1871 wurde im Versailler Schloss bei Paris das Deutsche Kaiserreich ausgerufen. Es war das Ergebnis dreier Kriege, der nunmehr sogenannten Einigungskriege. Der erste war der Deutsch-Dänische Krieg von 1864.

Der lange Text wurde prominent auf Seite eins gebracht, der Autor war das Reichstagsmitglied Heinrich Runkel (1862-1938), der im Parlament von 1919 bis 1930 für die Deutsche Volkspartei (Stresemann) einen Sitz innehatte. Er war von 1902 bis 1908 Direktor des Lehrerseminars in Tondern und von 1908 bis 1927 Provinzialschulrat und (in der Weimarer Republik) Oberschulrat in Schleswig. Schon in Tondern wurde von ihm der 18. Januar neben dem obligatorischen Sedantag gefeiert. Auch im Reichstag nahm er gelegentlich zu Fragen Nordschleswigs Stellung.

Freitag, 3. Januar 1975
Die beiden Deutschlands wetteifern um einen Dichter
Zwei sehr verschiedenartige Geister, die einander vermutlich nie begegnet sind, wird die literarische Welt im Jahre 1975 huldigen: dem Lübecker Patriziersohn, Erzähler und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann und dem in Prag geborenen Rainer Maria Rilke, der als einer der einflussreichsten Lyriker zu Beginn unseres Jahrhunderts gilt und auch heute noch eine nicht unbeträchtliche Lesergemeinde haben dürfte. Äußerer Anlass für zahlreiche geplante Ehrungen ist die hundertjährige Wiederkehr des Geburtstages der beiden Dichter.

Der Kleine Kreuzer „Berlin“ unternimmt als Ausbildungsschiff der neuen Reichsmarine zahlreiche Fahrten ins Ausland.

In einem irrt hier „Der Nordschleswiger“, nämlich dass die beiden Autoren einander nie begegnet sind. Mitte Februar 1915 fand in München eine Lesung Thomas Manns mit dem Titel „Gedanken im Kriege“ statt, an der Rilke teilnahm. Es waren Gedanken, die später Eingang fanden in Thomas Manns umstrittenes Werk „Betrachtungen eines Unpolitischen“.

Lou Andreas Salome, die Freundin Rilkes, schreibt in ihren Erinnerungen „Wege mit Rilke“: „Thomas Mann zum Beispiel ließ sich hinreißen von der patriotischen Welle, und ich höre noch, wie während seines Vortrags sein Bruder Heinrich leise zu Rilke sagte: ,Mein Bruder hat druckfähigere Gedanken als ich.’

Es gibt natürlich bei beiden Autoren zahlreiche Bezüge nach Dänemark, sogar nach Nordschleswig, sowohl in ihren Werken als auch in ihrer Biografie. Bei Rilke ist der Bezug in den Norden natürlich unübersehbar. Und zu Thomas Mann auch. Als Rilke 1902 in der Künstlerkolonie Worpswede weilte, schrieb er am 16. April im „Bremer Tageblatt“ in einer Rezension zu Thomas Manns gerade erschienenem Roman „Buddenbrooks“ die Zeilen, die man heute mit einem gewissen Schmunzeln zur Kenntnis nimmt: „Man wird sich diesen Namen unbedingt notieren müssen. Mit einem Roman von elfhundert Seiten hat Thomas Mann einen Beweis von Arbeitskraft und Können vorgelegt, den man nicht übersehen kann ...“.

Vielleicht gibt es aus dem Kreis der Leserinnen und Leser unseres heutigen „Nordschleswigers“ ein Interesse an diesem oder jenem oben genannten Aspekt zu Werk und Leben beider Dichter, denn andernorts werden diese nicht behandelt. Dann könnte das eine oder andere in Sonderbeiträgen vorgestellt werden. So wurde zum Beispiel nirgendwo, weder in einer deutschen noch in einer dänischen Zeitung, an die 100-jährige Wiederkehr von Thomas Manns Besuch in Dänemark im Dezember 1924 erinnert.

Mittwoch, 8. Januar 1975
Aufruf zur Wahl
Am morgigen Wahltag stehen wir deutschen Nordschleswiger erneut vor der Aufgabe, uns bei der Wahl zu behaupten. Wollen wir sichergehen, dass unsere Stimme Gewicht bekomme und nicht im großen Parteientopf verschwinde, dann müssen wir alle persönlich auf unsere deutschen Kandidaten Jes Schmidt oder Hans Chr. Jepsen auf der Liste m stimmen. Um ein gutes Ergebnis zu erreichen, müssen wir alle zur Wahl gehen und an einem Strang ziehen. Daher fordere ich alle Wähler unserer Heimat auf, ihr Kreuz bei einem der Kandidaten der Schleswigschen Partei auf der Liste M zu setzen. Eine Stimme für das deutsch-nordschleswigsche Mitspracherecht im Folketing in Kopenhagen.

Auch auf Deine Stimme kommt es an.

Mit freundlichem Gruß

Harro Marquardsen

Dieser Wahlaufruf des damaligen Hauptvorsitzenden des Bundes deutscher Nordschleswiger war auf der Seite eins der Ausgabe platziert. Tatsächlich konnte Jes Schmidt seinen Folketingssitz behaupten. Er verwaltete ihn bis zu seinem Tod am 1. August 1979. Die Sozialdemokraten konnten die Wahl mit 29,9 Prozent der Stimmen für sich entscheiden. Venstre mit Staatsminister Poul Hartling konnte die Stimmenzahl seiner Partei zwar verdoppeln, erreichte aber nur 23,3 Prozent der Stimmen. So wurde der Sozialdemokrat Anker Jørgensen Regierungschef.

Donnerstag, 23. Januar 1975
Vor 70 Jahren: In Sonderburg gab es 1905 eine Eisenbahnkatastrophe
Am Abend des 24. Januar anno 1905, also vor nunmehr 70 Jahren gab es im stillen Städtchen am Alsensund eine Sensation: Der Abendzug aus Flensburg durchfuhr ohne zu bremsen sowohl das Gleisgeflecht als auch den massiven Prellbock und stürzte den damals viele Meter hohen Bahndamm hinab. Merkwürdigerweise kippte weder die Lok noch der erste altmodische Waggon um, sondern sie schoben sich übereinander. Die Fahrgäste im Zug kamen glücklicherweise mit nur leichten Verletzungen davon, erlitten einen Schock und wurden ins Krankenhaus gebracht. Lokführer und Heizer des Zuges wurden teilweise von ausströmendem Dampf verbrüht, teilweise anderweitig verletzt. Der eine der beiden Bahnbeamten ist dann nach einiger Zeit im Hospital seinen Verletzungen erlegen. Eine technische Nothilfe oder eine ähnliche Organisation kannte man zu der damaligen Zeit noch nicht. So trat die Freiwillige Sonderburger Feuerwehr dem Bahnhofsdienst zur Seite. Das Gerücht, dass sich eine Bahnkatastrophe ereignet habe, flog mit Windeseile durch die Kleinstadt. Und so setzte sofort nach Bekanntgabe eine wahre Völkerwanderung über die Schwimmbrücke zum Festland ein. Man hat damals wohl kaum die Ursache dieses ersten und in späteren Friedensjahren einzigen größeren Unglücks bei der Staatsbahn in Nordschleswig feststellen können. Das Sonderburger Eisenbahnunglück blieb noch auf Jahre hinaus der Gesprächsstoff bei jung und alt und gehört zu meinen frühen Kindheitserinnerungen.

Der Bericht ist mit „dose“ unterfertigt. Wer mag der Sonderburger Autor „dose“ von 1975 mit seinen Erinnerungen von 1905 gewesen sein? Vielleicht der Sohn des damaligen Schuhmachers Friedrich Dose in der Steinstraße 9, der heutigen Stengade? Oder der Sohn des Lehrers Dose und seiner Ehefrau Katharina im Löngang 8?

Freitag, 31. Januar 1975
Probleme mit Karl May
Unstimmigkeiten um den zukünftigen Charakter der Karl-May-Spiele in Bad Segeberg hat es zwischen der Stadt als Veranstalter und dem von ihr verpflichteten Intendanten Toni Graschberger gegeben. Nach einer gründlichen Analyse der Aufführungen im vergangenen Jahr hat der Karl-May-Ausschuss der Stadt gefordert, dass die Inszenierungen durch weniger Dialoge und mehr Aktion ihren Show-Charakter stärker unterstreichen sollten. Graschberger, der bis einschließlich 1976 in Bad Segeberg unter Vertrag steht, hatte dagegen ein höheres künstlerisches Niveau der Spiele in den Vordergrund gestellt.

Die Inszenierungen des Intendanten Toni Graschberger (1915-2003), der vor seiner Segeberger Zeit Intendant der Niederdeutschen Bühne in Flensburg wie des Nordmark-Landestheaters in Schleswig war, hatte mit seinen Segeberger Inszenierungen, die 1971 mit „Winnetou“ begannen, keinen Erfolg. Die Zuschauerzahlen brachen ein, man trennte sich von ihm vorzeitig. Die Meldung gibt uns zugleich Gelegenheit, einen Blick auf den dänischen Buchhandel vergangener Zeiten zu werfen.

Las man Karl May auch im Königreich? Bereits 1886/87 erschien die ersten Karl-May-Geschichte in dänischer Übersetzung. Die Kopenhagener Familienzeitschrift „Nordstjernen“, eine dänische Nachahmung der erfolgreichen und noch heute bekannten deutschen „Gartenlaube“, brachte eine Erzählung, im nächsten Jahrgang gleich zwei weitere, alle übersetzt vom Herausgeber des Blattes, Julius Frederik Schiött (1856-1910), dem späteren Direktor des Kopenhagener Zoos.

Seine Zeitschrift mit den Karl-May-Texten enthielt auch andere Übersetzungen aus dem Deutschen, so etwa Theodor Storms „Hans und Heinz Kirch“ oder „Das Eulenhaus“ der Erfolgsschriftstellerin Eugenie Marlitt. 1897/98 erschien dann eine zweibändige, jedoch gekürzte Winnetou-Ausgabe.

So ging es mit den Übersetzungen etwas schleppend weiter. Zwischen 1908 und 1930 erschienen neun Karl-May-Bände, während der deutschen Besetzung 1943 weitere acht, 1962 dann eine sechsbändige Taschenbuch-Ausgabe in hoher Auflage, deren Einzelbände heute oft in unseren Genbrug-Läden auf neue Leserinnen und Leser warten, da im dänischen Buchhandel aktuell keine May-Bände greifbar sind.

Einen Siegeszug wie in Deutschland, der in unseren Tagen allerdings merklich verlangsamt oder besser gesagt ins Stocken geraten ist, erlebte Karl May in Dänemark allerdings nicht. Das gilt für die Bücher, die Segeberger Festspiele scheinen davon allerdings unberührt und werden erfolgreich fortgesetzt.

Das Eisenbahnunglück von 1905 in Sonderburg blieb noch lange im Gedächtnis.