Jürgen OstwaldJürgenOstwaldJürgen OstwaldFreier Mitarbeiter
VeröffentlichtGeändert
Ausschnitt aus der bekannten ersten Ansicht von Christiansfeld aus dem Jahre 1780. Gegenüber dem noch unvollendeten Bethause vorne rechts findet sich auf der anderen Seite des Kirchplatzes das Spritzenhaus der Brüdergemeine. Auch diese Partie ist noch nicht vollendet. Vor 50 Jahren wurde das kleine traditionsreiche Gebäude entgegen zahlreichen Widerstands zur öffentlichen Toilette umgebaut. Dazu lese man mehr unter dem 12. Febraur 1975.Foto: DN
Die Schlagzeilen von diesem Februar sind ganz anders als noch vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv die Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.
Montag, 9. Februar 1925
Foto: DN
Der „Nordpolentdecker“ Dr. Cook als Petroleum-Schwindler entlarvt Aus Neuyork kommt die Nachricht, dass der Nordpolfahrer Dr. Cook, dem die Kopenhagener Universität auf seinen erlogenen Bericht über seine Nordpolentdeckung hin die Ehrendoktorwürde verlieh, wegen Schwindeleien bei der Gründung einer Petroleum-Gesellschaft zu 14 Jahren und 9 Monaten Gefängnis verurteilt worden ist.
Der amerikanische Arzt und Polarreisende Frederick Albert Cook (1865-1940) behauptete, im Jahre 1906 den Mount McKinley bzw. den Denali in Alaska bestiegen zu haben und am 21. April 1908 noch vor dem Polarforscher Robert Edwin Peary von Island aus den Nordpol erreicht zuhaben. Der Mount McKinley ist der höchste Berg Nordamerikas und erfährt daher besondere Aufmerksamkeit. Als Alaska noch zu Russland gehörte hieß der Berg noch „Bolschaja Gora“. Die Russen übernahmen die Bezeichnung der Ureinwohner, die den Berg in ihrer Sprache einfach „Denali“ nannten. 1917 wurde der Berg nach dem 1901 durch ein Attentat ermordeten amerikanischen Präsidenten William McKinley umbenannt. 1980 wiederum wurde er aus Respekt vor den Ureinwohnern wieder „Denali“ genannt. Eine der ersten Amtshandlungen des heutigen Präsidenten der USA zu Beginnseiner esten Amtszeit war die Umbenennung zum Mount McKinley. Die Entdeckung des Nordpols muss man Peary zuschreiben, Cook hatte ihn um einiges verfehlt. Seine Behauptungen wurden bereits 1910 angezweifelt. Bis zu seinem Tod versuchte Cook jedoch seine Version durchzusetzen. Die Gefängnisstrafe bezog sich jedoch auf eine tatsächliche Straftat und verminderte sein ohnehin beschädigtes Ansehen weiter.
Montag, 9. Februar 1925
Mittwoch, 11. Februar 1925
In ganz Nordschleswig brannten damals bei der herrschenden Winterkälte die Öfen, Herde und Hexen. In den Schulen hatten die einzelnen Klassenräume vielfach noch eigene Öfen in den Klassenräumen. Auch die großen Zentralheizungen der Kliniken, Kasernen usw. verfeuerten Kohle. So bestimmten Kohlenhandlungen und Kohletransporte deutlich das Aussehen und das Straßenbild im winterlichen Alltagsleben der Städte und Dörfer.Foto: Sonderburger Zeitung
Vortrag eines deutschen Dramaturgen in Kopenhagen Der Dramaturg am Dresdner Schauspielhaus, Dr. Carl Wolff, sprach in der „Gesellschaft von 1916“ in Kopenhagen über moderne deutsche Dramatik und Literatur. Insbesondere beschäftigte sich Dr. Wolff mit Hasenclever, Toller, Georg Kaiser und Fritz von Unruh. Dem Vortrag wohnten unter anderem der deutsche Gesandte, Herr v. Mutius, Gesandtschaftsrat Frhr. v. Weißecker, Presseattachee Dr. Dietrich und viele dänische Freunde deutscher Dichtung bei.
Vielleicht war es ein Übertragungsfehler, aber ein Blick ins Theater-Jahrbuch der Zeit (Sonderburg war die führende Theaterstadt in Nordschleswig – egal ob deutsches oder dänisches Theaterleben) hätte dem Redakteur gezeigt: Der Mann hieß Wollf. Karl Wollf (1876–1952) war damals Dramaturg am Staatstheater Dresden und zugleich ein beliebter Vortragsreisender in der Zeit der Weimarer Republik. Seine Vorträge sind von der Klassik-Stiftung-Weimar ins Netz gestellt worden und jedermann zugänglich. Nach 1933 musste Wollf Deutschland verlassen und konnte mit seiner Familie der Verfolgung entkommen. Ein anderer Fehler neben dem Namen Wollfs war der Name des Gesandtschaftsrates. Der hieß mit seinem richtigen Namen Ernst von Weizsäcker (1912–2007). Er war gerade Ende 2024 nach Kopenhagen versetzt worden und hatte zu Hause gemeinsam mit seiner Ehefrau Marianne einige Kinder zu versorgen. Nämlich den achtjährigen Karl Viktor, die neunjährige Adelheid und den dreizehnjährigen Carl Friedrich, der zwei Jahre später durch seinen Vater in Kopenhagen Werner Heisenberg kennenlernen wird, welcher einige Jahre bei Niels Bohr in der dänischen Hauptstadt arbeitete und den Fünfzehnjährigen auf seine Lebensbahn geleitete. Er ist vielen Lesern unserer Zeitung als Philosoph, Friedensforscher und Physiker bekannt. Und last not least ist noch der damals fünfjährige Richard von Weizsäcker zu erwähnen, der spätere deutsche Bundespräsident. Alle Kinder besuchten eine Zeit lang die deutsche St. Petri-Schule in Kopenhagen. Der „Gesellschaft von 1916“ sind wir in unserer Chronik schon oft begegnet. Sie wurde von Karl Larsen begründet und geführt und hatte sich der deutsch-dänischen Annäherung in Dänemark verschrieben, einer in der stark frankophilen geistigen Atmosphäre Dänemarks und namentlich Kopenhagens und den grenzrevisionistischen Attacken der deutschen Minderheit schwierigen Aufgabe.
Mittwoch, 11. Februar 1925
Am 10. Februar 1925 starb der große Chanconnier Aristide Bruant in Paris, der seine Lieder in Cafe-concerts und in seinem eigenen Kabarett in den Jahren um 1900 zu Gehör gebracht hatte. Am 11. Februar begannen die Zeitungen weltweit Nachrufe zu bringen. Auch in Dänemark, voran die Hauptstattpresse mit Berlingske Tidende und Politiken. Jyllandsposten, damals ein großformatiges Blatt, gewährte dem Sänger eine halbe Seite! Die Stiftstidende aus Aarhus, Randers Dagblad, Svendborg Avis und weitere Provinzblätter schlossen sich an. Nur die deutschen Blätter in Nordschleswig schwiegen. Die kleinbürgerliche Ablehnung von Can Can und Kabarett mag eine Rolle gespielt haben .Alles irgendwie Anarchische erlebte man als Bedrohung. Mehr noch spielte die Frankophobie eine Rolle, die die Zeitungen der deutschen Rechten, zu denen wir die hiesigen deutschen Blätter zählen müssen, beherrschte.
Donnerstag, 12. Februar 1925
Aristide Bruant, 1851 geboren, war um 1900 und bis heute berühmt für seine Chansons, die das Leben sozialer Randgruppen zum Thema nahmen. Er besang anteilnehmend das Leben der Prostituierten usw., namentlich im Pariser Künstlerkabarett „Chat noir“. Die Plakate von Toulouse-Lautrec, die ihn wie hier um 1900 darstellen, gehören zu den Inkunabeln der Plakatkunst. In den dänischen Zeitungen Kopenhagens erschienen ausführliche Nachrufe. Aber auch in jenen vorn Aarhus, Aalborg, Ribe usw. In unserer Zeitung erschien nichts, man verachtete alles Französische, schon gar sozialkritisches Kabarett.Foto: Wikipedia.com
Theodor Storm verfilmt Aus Berlin wird geschrieben: „Die Chronik von Grieshus“. Theodor Storms bekannte Novelle wurde nunmehr für den Film gewonnen, und die Ufa hat ihm den unerlässlich spezifisch deutschen Namen gegeben. Die Handlung spielt bei Storm in den Marschen. Diese Landschaft hätte nur bildhaft zu schwer, zu eintönig gewirkt, daher entschloss sich der Spielleiter von Gerlach, den Schauplatz in die an malerischen Reizen reiche Lüneburger Heide zu verlegen. Die deutsche Natur ist noch lange nicht im deutschen Film gewürdigt worden. Über die besondere Eigenart des Stofflichen äußerte sich der Regisseur zu einem Mitarbeiter: „Es galt vor allem, unaufdringlich durch das Auge des Objektivs reine Schönheit zu geben. Der Stoff umfasst alles, was durchaus menschlich ist: Liebe, Hass und Vergeltung, und zwar in einer für jedermann verständlichen Handlung, umkleidet mit einfacher deutscher Moral. Er bietet Einblicke in eine ferne Kulturepoche der Heide und in das Leben und Treiben in einer Ritterburg. Dieses Leben ist uns durch die deutschen und niederländischen Maler bereits vertraut. Es liegt in der Einfachheit des deutschen Wesens dieser Zeit begründet. Die Regie musste daher auf großen technischen Ausbau sowie auf Tricks aller Art verzichten, dafür aber umso mehr die Naturstimmung unterstreichen. Um diese Stimmung filmisch zu erreichen, war natürlich die Beleuchtungstechnik von ganz besonderer Bedeutung und von förderndem Wert. Ich denke zumal an die fahlen Lichter beim Sturm in der Natur, an die Stimmung bei Sonnenuntergang usw. In der absolut natürlichen und ganz einfachen Wiedergabe dieser Stimmung liegt der künstlerische Aufbau und die Absicht des naiven Vorgangs.“
Der ausführliche Kommentar ist zu bemerkenswert, als dass er nicht hier vollständig wiedergegeben werden sollte. Denn der Film, in der Lil Dagover (1887–1980) eine Hauptrolle spielte, zählt zu den letzten Meisterwerken des deutschen Stummfilm-Expressionismus. Der Regisseur Arthur von Gerlach (1876–1925) konnte für die Film-Architekturen Hans Poelzig (1869–1936) gewinnen, der bald darauf zu den Protagonisten der Neuen Sachlichkeit in Deutschland zählen wird. Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung konnte in unseren Jahren das Stummfilm-Drama aufwendig restaurieren und ins Netz stellen. Er ist so in Teilen jedermann zugänglich.
Dienstag, 17. Februar 1925
Ein neuer Roman Selma Lagerlöfs Die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf hat einen neuen großen Roman mit dem Titel „General Lövenskölds Ring“ geschrieben. Die Handlung spielt in den Tagen Karls des Zwölften. Der Roman wird in diesen Tagen sowohl auf Schwedisch als auch auf Dänisch in der Kopenhagener „Berlingske Tidende“ erscheinen.
Auf Deutsch wird er erst im Herbst des Jahres untere dem Titel „Der Ring des Generals“ erscheinen. Er ist Teil der Lövensköld-Trilogie, mit der Selma Lagerlöf ihre großen Romane, in denen es stets um heftige Leidenschaften und quälende Religiosität geht, abschließen wird. „Anna, das Mädchen aus Dalarne“, der letzte Teil, wird 1928 in Deutschland erscheinen. Der Roman hatte in Deutschland sehr viele Leser, besonders Leserinnen. Die Auflage ging in die Hunderttausende!
Sonnabend, 21. Februar 1925
Ein Goethe-Abend in Kopenhagen Vor einigen Tagen wurde in der Kopenhagener Universität ein Goethe-Abend abgehalten. Der Schriftsteller Sophus Michaelis las Bruchstücke seiner noch nicht veröffentlichten Faust-Übersetzung vor, während der Schauspieler Thorkild Roose einige Briefe aus den „Leiden des jungen Werther“ vorlas. Der Abend wurde später noch einmal im Festsaal der Zeitung „Politiken“ wiederholt.
Goethes Faust erschien in der Übersetzung von Sophus Michaelis (1865–1929), dem bekannten Autor des dänischen Symbolismus um 1900, erst 1929, in einer wohlfeilen zweibändigen Ausgabe mit der buchkünstlerischen Ausstattung vom alten Jugendstilkünstler Gudmund Hentze. Die Bücher von Sophus Michaelis wurden auch in Deutschland gelesen, seine Theaterstücke hier vor dem Ersten Weltkrieg erfolgreich aufgeführt. Er selbst hielt in Deutschland 1929 einen Vortrag über „Goethes Faust in Dänemark“, den er im Lübecker „Deutsch-nordischen Jahrbuch“ veröffentlichte.
Sonnabend, 21. Februar 1925
Wie man uns aus Rostock mitteilt, ist die in weiten Kreisen als Übersetzerin skandinavischer Literatur bekannte Schriftstellerin Frau Mathilde Mann in der Universitätsklinik einem schweren Leiden erlegen.
Mathilde Mann, weitläufig verwandt mit Thomas Mann, war in den Jahrzehnten um 1900 eine der meistbeschäftigten Übersetzerinnen aus den skandinavischen Sprachen. In Rostock, wo sie lebrte hat sie von Andersen bis Pontoppidan und Andersen Nexö Dutzende Bücher aus dem Dänischen übersetzt. 1910 hatte sie vom dänischen König die Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft für ihre Übersetzerverdienste überreicht bekommen.
Mittwoch, 25. Februar 1925
Das 350-jährige Jubiläum der deutschen Gemeinde in Kopenhagen
Unter dem Hinweis „Aus Kopenhagen wird uns geschrieben“ veröffentlichte unsere Zeitung einen ausführlichen Glückwunsch aus der Hauptstadt, in dem es u. a. heißt:
… die Kopenhagener St. Petri-Gemeinde hat allen Stürmen getrotzt und ihre Kirche steht noch heute als Denkmal des deutschen Lebens, das durch 3 ½ Jahrhunderte unter ihrem Schutze geblüht hat. Ihre Geschichte ist die Geschichte des Deutschtums in Kopenhagen. Es ist hier nicht der Platz, näher auf diese einzugehen. Durch zwei Jahrhunderte genoss die deutsche Gemeinde und die deutsche Kolonie die Gunst der dänischen Könige gleichen Geblüts. Die Reformation, das Unwetter des Dreißigjährigen Krieges, die Souveränitäts- und Merkantilpolitik der Könige, die Großmachtbestrebungen der Minister Moltke und Bernstorff und endlich die zentralistischen Gesamtstaatsideen Friedrichs VI. Und Christians VIII. – alle diese Faktoren waren mitwirkend, um Deutschen aller Gaue und jedes Berufes nach Kopenhagen zu ziehen. (… …). Das Jubelfest der deutschen St. Petri-Gemeinde ist ein Fest der ganzen deutschen Kolonie Kopenhagens. Unserem Glückwunsch fügen wir den Ausdruck der Erwartung hinzu, dass die St. Petri-Gemeinde stets ihrer wichtigsten Aufgabe, als Pflegestätte deutsch-evangelischen Geistes zu wirken, treu bleiben möge.
Diese Aufgabe wird in den auf dieses Jubiläumsfest bald folgenden Jahren auf die härteste Probe gestellt werden. In unseren Tagen, zum 450-jährigen Jubiläum, wo auch diese Jahre zur Sprache kommen werden, wird an anderer Stelle berichtet werden.
Donnerstag, 6. Februar 1975
Abschaffung der Rabattmarken erleichtert das Einkaufen Die Einstellung der Markenausgabe ist auf das neue Marketinggesetz (Markedføringslov) zurückzuführen, das am 1. April in Kraft tritt und die bisherige Praxis der Ausgabe von Rabattmarken drastisch ändert. Bisher war es jedem Einzelhandelskaufmann, jedem Supermarkt und auch jeder Ladenkette möglich, nach eigenem Gutdünken Marken auszugeben und die vollgeklebten Hefte wieder einzulösen. Bei Abgabe mehrerer gefüllter Rabattkarten – das war speziell bei einigen Supermärkten und landesweiten Ladenketten gang und gäbe – lockten Kaffeemaschinen oder Kleinfernseher die Kundschaft und hielten sie bei der Stange.
Freitag, 7. Februar 1975
Weltberühmte Gemälde gestohlen Aus dem Palast des Herzogs von Urbino in Mittelitalien haben Kunstdiebe in der Nacht zum Donnerstag drei weltberühmte Gemälde gestohlen. Sie entwendeten das Bild „Die Stumme“ von Raffael sowie „Die Geißelung“ und die „Madonna von Senigallia“ von Piero della Francesca. Die Diebe gelangten über ein kürzlich angebrachtes Baugerüst an eines der Fenster des oberen Stockwerkes. Die Kulturbehörden haben gestern an die Diebe appelliert, ihre Beute mit höchster Vorsicht zu behandeln. Sie gaben fachmännischen Rat für die Verpackung und Lagerung der unschätzbaren Kunstwerke.
Wenige Tage darauf wusste unsere Zeitung zu berichten, dass, nachdem ein Verdächtiger verhaftet worden war, die Diebe auf Bestellung gestohlen hatten. Die Gemälde wurden jedoch noch nicht wiedergefunden. Auch der Auftraggeber blieb unbekannt. Doch tauchten die Werke zu einem späteren Zeitpunkt weitgehend unversehrt wieder auf. Heute hängen sie wieder an ihrem angestammten Ort, dem ehemaligen Palast der Herzöge, dem Palazzo Ducale, der heutigen Galleria Nazionale delle Marche, also der Nationalgalerie der Marken. Die Madonna ist ein Spätwerk des Piero della Francesca und stammt aus dem Jahre 1475. Er steht mit am Anfang der Moderne und weiß mit dem konstruktiven Aufbau seiner Darstellungen und der Perspektive bereits souverän umzugehen. Um 1900 befand sich das Gemälde aus dem Quattrocento noch in der Klosterkirche Santa Maria delle Grazie in Sangallia, einem kleinen Ort an der Adriaküste.
Foto: DN
Mittwoch, 12. Februar 1975
„Anrüchige“ Debatte in der christiansfelder Bevölkerung Gegenwärtig schlagen die Wogen in der christiansfelder Bevölkerung in einer „anrüchigen“ Debatte meterhoch. Es geht um den Plan, im alten Feuerwehr-Spritzenhaus am Kirchplatz, das im Jahre 1778 erbaut wurde und in die Denkmalschutzklasse B eingeordnet ist, eine öffentliche Toilette einzurichten, die so dringend im Ortskern des Herrnhuter-Fleckens benötigt wird. Bürgermeister Bent Skriver hält den Plan für gut. Der Stadtrat sieht den Vorteil darin, dass man einerseits ein Haus erhalte, andererseits einen zentralen Platz für diese notwendige Einrichtung gefunden hat. Die Toiletten-Gegner sind weitestgehend der Ansicht, ein bauhistorisch derart wertvolles Gebäude dürfe man nicht einfach zu einem solch „profanen“ Zweck umfunktionieren – auch wenn es in seiner Substanz erhalten bleibe. Das Personal des Kindergartens der Brüdergemeinde, der unmittelbar neben dem Spritzenhäuschen liegt, das ursprünglich Wachstube war und später kurze Zeit als zweizelliges Gefängnis genutzt wurde, ist ebenfalls gegen die Umbaupläne. Jugendschulinspektor Erik Mylin, der Zweite Vorsitzende des Christiansfelder Kunst- und Museumsvereins, wendet sich ebenfalls gegen das Projekt. Er trommelte am Sonnabend den Vereinsvorstand zusammen … Der Vorstand fasste jedoch den Beschluss, der Verein solle sich aus dieser strittigen Debatte ganz heraushalten.
Der Umbau wurde durchgezogen. Jahrzehntelang diente der Bau der neuen Bestimmung. Aber seit Langem gibt es Widerstand gegen die Nutzung. Es sollte eigentlich schon längst ein Informationszentrum in das alte Spritzenhaus eingezogen sein. Hätte man vor 50 Jahren auch die Tatsache ins Feld geführt, dass der bedeutendste Künstler Christiansfelds, der Maler Jeppe Madsen-Olsen (1891–1948), jahrelang in dem Gebäude gewohnt hat, wäre der Umbau zu einer öffentlichen Toilette wohl unterblieben und andernorts verwirklicht worden. Das Gebäude hat der Maler in zahlreichen Fassungen festgehalten. Wir zeigen hier eine Darstellung mit Scherenschleifer und Mädchen aus den Jahren um 1935.
Jeppe Madsen-Olsen: Scherenschleifer beim Alten Spritzenhaus. Gemälde. Um 1935.Foto: Privatbesitz