Vor 100 und vor 50 Jahren

Chronik April

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Die Explosion des dänischen Linienschiffs „Christian VIII“ vor Eckernförde am 5. April 1849 in einem Holzstich der „Illustrierten Zeitung“ vom 21. April 1849. Am 1. April 1925 wird berichtet, dass der wohl letzte Teilnehmer und Beobachter der Explosion von 1849 verstorben ist. Ein Zeichner war damals nicht zugegen, das Schiff ist der besseren Anschaulichkeit auf dem Holzstich unmittelbar an die Küste herangerückt.

Die Schlagzeilen von diesem April sind ganz anders als noch vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv die Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.

Mittwoch, 1. April 1925

Der letzte Nassauer von Eckernförde

In Nauheim bei Limburg an der Lahn starb im Alter von 98 Jahren Johann Christian Müller. Er dürfte der letzte nassauische Veteran von 1849 und Teilnehmer an dem Gefecht von Eckernförde sein, bei der eine nassauische Batterie sich durch Inbrandschießen des dänischen Linienschiffes „Christian VIII.“ auszeichnete.

Unter der Führung von Herzog Adolf von Nassau-Weilburg waren – das Herzogtum Nassau war Mitglied des Deutschen Bundes – Teile von zwei nassauischen Regimentern nach Eckernförde entsandt worden. Sie nahmen mit 126 Mann an der Beschießung der dänischen Flotte in der Eckernförder Bucht am 5. April 1849 teil. Der Herzog stiftete für seine 126 Kriegsteilnehmer eine Erinnerungsmedaille. Sie zeigt auf der Vorderseite das Porträt des Herzogs, auf der Rückseite eine Darstellung des gesprengten Linienschiffs mit der Umschrift in Versalien „Meinen tapfer´n Kanonieren“ und „Eckernförde 5. April 1849“. Das Datum erklärt sich wohl von der Ankunft der Regimenter. Die silberne Medaille wurde um 1900 gerne gefälscht (wegen der Schiffsdarstellung), denn es wurden 1849 nur 126 Exemplare geprägt. Auch unser 1925 verstorbener Kanonier bekam eine. Übrigens: Herzog Adolph, ein reaktionärer und stockkonservativer Zeitgenosse, schickte seine Soldaten nach den Eckernförder Ereignissen wieder ins unruhige Baden, wo sie schon zuvor waren. Und zwar zur Niederschlagung der Revolution, die eine demokratische Republik durchsetzen wollte. Die Revolution endete mit dem Fall der Festung Rastatt im Juli 1849. Im dortigen Museum im Schloss wird gerade am 6. April 2025 die Sonderausstellung „Die badische Revolution 1848/49“, die fast ein Jahr lief, geschlossen.

Mittwoch, 1. April 1925

Medaille für das Gefecht bei Eckernförde (Rückseite).

Hoyer. Pastor Braren aus Aastrup bei Hadersleben ist zum Pastor in Hoyer ernannt worden.

Jürgen Braren, dem wir in unseren Chronik-Spalten schön öfter begegneten, wurde 1879 auf Föhr geboren und trat nach dem Studium seine erste Pastorenstelle 1907 in Bülderup-Bau an. Er gehörte einer neuen Pastorengeneration an, die als liberale Theologen andere Wege einzuschlagen gedachten als etwa Johannes Schmidt-Wodder (Jahrgang 1869). Zu seinen Generationsgenossen gehörte G. Horstmann (seit 1908 Pastor in Skrave), L. M. Lauritzen (1906 auf Röm, dann in Tingleff), Karl Nielsen (1908 in Sonderburg), Johannes Tonnesen (1909 in Bedstedt). Von ihnen wanderten einige weiter, andere, wie Tonnesen, Nordschleswiger von Herkunft, behielten auch außerhalb der Heimat Kontakt. Viele endeten im Nationalsozialismus oder stimmten, wie Tonnesen, Mitglied der Bekennenden Kirche, mit Zielen der NS-Bewegung überein. Horstmann war seit 1934 NSDAP-Mitglied und hatte leitende Stellungen bei den Deutschen Christen inne. Braren hingegen war einer der wenigen Gegner des NS-Regimes im Gemeindeleben Nordschleswigs. Er begann seit 1913 (seit 1912 war er Pastor in Aastrup) auch überregional publizistisch zu arbeiten und nahm an der Renaissance Sören Kierkegaards in Deutschland lebhaften Anteil. Er war lange Jahre Mitarbeiter an der „Christlichen Welt“, der einflussreichen Zeitschrift des Theologen und Linksliberalen Martin Rade. In seiner Gemeinde geehrt, gab es auch im „Nordschleswiger“ Artikel über ihn. Doch liest sich etwa der Beitrag zu seinem 80. Geburtstag in seiner Sinnleere eher wie eine Parodie auf die Gattung Geburtstagsartikel. Eine kritische Biographie und Würdigung des Wirkens von Jürgen Braren wäre sehr wünschenswert. Übrigens: Sein Nachfolger im Amt in Hoyer 1943, als Braren emeritiert wurde, war Andreas Schau. Über ihn lese man unten unter dem 8. April 1975.

Freitag, 3. April 1925

Schutzbundtagung

Zum sechsten Male bereitet der Deutsche Schutzbund seine alljährlich zu Pfingsten stattfindende große Bundestagung des Grenz- und Auslandsdeutschtums vor. Auf der vorjährigen Tagung, die in Graz in der Steiermark stattfand, wurde beschlossen, im Rahmen der Schutzarbeit des Binnendeutschtums stärker als bisher mit dem Gedanken der volklichen Selbsterhaltung des Grenz- und Auslandsdeutschtums zu durchdringen. In Durchführung dieses Beschlusses wird die diesjährige Bundestagung im Reiche und zwar, im Zusammenhang mit der Jahrtausendfeier der Rheinlande, auf Einladung der Stadt Münster hin, in der Hauptstadt Westfalens stattfinden.

Der Deutsche Schutzbund war eine Sammelorganisation für alle grenzrevisionistischen und nationalistischen Verbände. Natürlich waren die Verbände und Vereine Nordschleswigs, wie der Wohlfahrts- und Schulverein, Mitglied. Auf den Bundestagungen des Schutzbundes, die immer zu Pfingsten stattfanden, war auch stets Johannes Schmidt-Wodder zugegen und hielt seine Vorträge, so 1921 in Klagenfurt, 1922 in Allenstein in Ostpreußen, 1923 in Flensburg, 1924 in Innsbruck. Das Hauptgewicht der Arbeit des Schutzbundes war aber eher im Südosteuropäischen zu suchen, im ehemaligen Österreich-Ungarn und in den verlorenen Ostgebieten. Über die Pfingsttagung werden wir berichten.

Sonnabend, 4. April 1925

Ein Nordschleswiger, der frühere Kriegsflieger Nis Nissen, dessen Nerven im Kriege zusammengebrochen sind, ist in letzter Zeit in Nordseeland umhergeirrt. Er wurde kürzlich in sehr verkommenem Zustand in der Gegend von Hillerød gefunden, wo er sich drei Tage lang aufgehalten hatte. Er war sehr schwach und wurde in das Krankenhaus in Hillerød gebracht. Die Polizei hat sich nun mit seinem Vormund in Apenrade in Verbindung gesetzt, und Nissen wird wahrscheinlich in einem Heim untergebracht werden, wo er Ruhe hat und geheilt werden kann. Er hat rund herum im Lande eine Reihe von Vorträgen über seine Kriegserlebnisse gehalten.

Montag, 6. April 1925

Sonderburg. Zum Spielabend der Laienspielgruppe des Bühnenvolksbundes wird uns geschrieben: Immer deutlicher tritt in den vergangenen Jahren der Verfall der Schaubühne in Erscheinung. Das Theater, das ursprünglich einmal in der Kirche seinen Anfang nahm, eine Stätte der Erhebung und Erbauung war, wird immer mehr reines Unterhaltungs- und Vergnügungsinstitut. Das sogenannte wertvolle, künstlerische Theater aber ist volksfremd, eine Angelegenheit kleiner, literarisch interessierter Kreise. Der Bühnenvolksbund, der seit sechs Jahren in ganz Deutschland arbeitet, versucht, das Theater wieder zu dem zu machen, was es ursprünglich war, zu einem Volkstheater. Einige eigene, hochstehende Wandertheater versorgen die kleinen theaterlosen Städte mit guter Kunst, ein eigener ausgedehnter und aufstrebender Verlag lässt die junge, aus christlich-deutscher Weltanschauung herausgewachsene Dichtergeneration zu Wort kommen.

„Das „Gudrunlied“, dass uns die Kieler Gruppe vorführen will, ist eines jener Spiele, die aus dem Kreise der Jugendlichen selbst hervorgegangen sind. Ernst, streng und geradlinig hält es sich an den Charakter des Liedes, eingeschobene alte Volkslieder verbinden sich mit ihm zu einer Einheit. Einfach in Wort, Geste und Farbe soll so das Hohelied deutscher Treue, das Lied von Gudrun, uns erstehen.“ So lautet die eigene Einschätzung der Redaktion unserer Zeitung, der der obige Leserbrief zugeschickt worden war. Die Aufführung richtete sich also auch gegen das neue sich entwickelnde deutsche Theaterleben in Berlin usw.. Der politisch rechte Bühnenvolksbund war eine „Vereinigung zur Theaterpflege im christlich deutschen Volksgeist“, wie er sich selbst nannte. Dabei war man in Sonderburg auch schon weiter, hatte man doch bereits zur deutschen Zeit ein eigenes Theaterleben. Nach der Abstimmung beteiligten sich z. B. die Maler Blunck und Sandkamm-Möller mit ihren expressionistischen Arbeiten an den Aufführungen in Sonderburg. Vor 1925 war sogar eine Zusammenarbeit mit Mitgliedern der „Volksbühnenbewegung“, die politisch eher links stand, möglich.

Montag, 6. April 1925

Das Ende des Augustenburger Lehrerinnenseminars

Am Dienstag wurde das Augustenburger, jetzt Schleswiger Lehrerinnenseminar, geschlossen. Sämtliche vierzehn Seminaristinnen haben die Prüfung bestanden, darunter C. Callesen-Tondern. Damit hat das zweitälteste Lehrerinnenseminar Preußens seine Pforten für immer geschlossen. Im Jahre 1878 in Augustenburg errichtet, musste es im Dezember 1919 seine Wirkungsstätte nach Schleswig verlegen. Hier fand im Marthahaus ein großer Teil der Lehrbeflissenen Aufnahme, während der Unterricht in den Räumlichkeiten der Wilhelminenschule vor sich ging. Fast ein halbes Jahrhundert hat das Augustenburger Seminar deutsche Frauen zu deutschen Lehrerinnen ausbilden können. Vorbildlich in der Wahrung des Deutschtums in der Nordmark haben fast 1.300 Lehrkräfte hier ihre Ausbildung erhalten. Nun gehen die Letzten in die Welt hinaus. Mögen sie gerne an die in Augustenburg und Schleswig verbrachten Lern- und Lehrjahre zurückdenken.

Frau C. Callesen aus Tondern war wohl später im deutschen Schulbetrieb anzutreffen. Sollte es jene sein, die noch um 1961 in der Schule in Tingleff arbeitete und an die sich ein Schüler erinnerte, wie uns die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Tingleffer Schule 1925 mitteilt: „Lehrerin Frl. Callesen hatte die unangenehme Angewohnheit, Schülern mit dem Fingerknöchel an die Schläfe zu klopfen – unsanft.“

Donnerstag, 23. April 1925

Der kommunistische Massenmord in Sofia: Bulgarien vor der Revolution

Die Ereignisse in Bulgarien spitzen sich, wie aus den vorliegenden Meldungen hervorgeht, immer mehr zu. Man erwartet den Ausbruch der Revolution. Die jugoslawische Regierung hat einige Armeeformationen mobilisiert und an der Grenze aufgestellt, damit den aus Bulgarien kommenden Flüchtlingen Einhalt geboten wird und weiterhin die Banden an der serbisch-bulgarischen Grenze von Plünderungen abgehalten werden. Die Ausreise bulgarischer Staatsangehöriger ist vorläufig verboten. Auch den Ausländern ist die Ausreise aus Bulgarien sehr erschwert.

Freitag, 24. April 1925

Die Opfer

Ein erster Abgesang auf das Augustenburger Lehrerinnenseminar war der Aufsatz von Katharina Petersen in der vielgelesenen Monatsschrift, den sie mit warmherzigen privaten Erinnerungen darbot. Katharina Petersen (1889-1970) war seit 1907 selbst Seminaristin und nach 1910 eine der jüngsten Lehrerinnen am Seminar. Nach der Abstimmung wurde sie Schulleiterin und Schulrätin in Deutschland. Da sie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten als Christin den Amtseid ablehnte und entlassen wurde, wich sie an eine Quäkerschule in Holland aus und kümmerte sich dort besonders um Vertriebene aus Deutschland. Das unterschied sie von den Seminaristinnen, die nach der Abstimmung in Nordschleswig als Lehrerinnen tätig waren und die bald mehrheitlich dem NS-System zustimmten. Zur Person Katharina Petersens und ihrer späteren internationalen Tätigkeit und Reputation (sie war „Member of the Order of the British Empire) an anderer Stelle.

Der ehemalige Präfekt von Sofia, Prutkin, und der frühere Kriegsminister Murawiew, die beide zu den hervorragenden Führern der Agrarbewegung zählten, sind von politischen Gegnern erschlagen worden. Einer neuen Verschwörung ist man auf die Spur gekommen, in die viele aktive Offiziere der bulgarischen Armee verwickelt sind. Eine große Anzahl Offiziere ist verhaftet worden. Nach weiteren Nachrichten aus Sofia sind die Trümmer noch nimmer nicht gänzlich fortgeräumt. Es werden noch dauernd Leichen geborgen. Bisher sind 203 Opfer erkannt worden. Unter den Getöteten sind vierzehn Generäle, neun Oberste, fünf Oberstleutnants, zwei Majore, vier Hauptleute, zwei Leutnants und drei Unteroffiziere. Die Mehrzahl der Offiziere gehörte der Reserve an. Ferner wurden drei Abgeordnete, drei Ingenieure, zwei Journalisten, drei Privatsekretäre von Ministern sowie mehrere hohe Beamte getötet.

Der Bombenanschlag in Sofia am 16. April war wohl das größte Attentat in der Zwischenkriegszeit in Europa und beschäftigte mit seinen Folgen die Zeitungen über Monate.

Freitag, 24. April 1925

Apenrade. Wie wir hören, hat der Verein Deutsche Privatschule einen an der Norderchaussee belegenen, 14.000 Geviertmeter großen Bauplatz von der Firma Voetmann gekauft. Dort soll im Laufe dieses Sommers mit dem Bau eines Schulhauses begonnen werden.

Der geplante Bau des Deutschen Gymnasiums in Apenrade geht voran. Er wird einer der größten Neubauten Apenrades nach der Abtretung Nordschleswigs sein. Es konnte nicht ausbleiben, dass auch diese deutliche Manifestation des deutschen Schulwesens sich im damaligen deutsch-dänischen Pressekrieg niederschlug. Man lese dazu und überhaupt die umfangreiche, gründliche und aus den Quellen erarbeitete Darstellung von Immo Doege „Das Deutsche Gymnasium in Apenrade von seinen Anfängen bis 1945“ in der Jubiläums-Festschrift von 1980.

Sonnabend, 25. April 1925

Hindenburg im Rundfunk

Gestern Abend um acht Uhr hielt Generalfeldmarschall v. Hindenburg von Hannover aus über sämtliche deutschen Rundfunksender eine kurze, geradlinige Ansprache, die letzte vor der Reichspräsidentenwahl am Sonntag.

Die für die deutsche Geschichte wichtige Reichspräsidentenwahl von 1925 wird an anderen Stellen kommentiert und gewürdigt. Der Sieg Hindenburgs war der erste Schritt zur Auslieferung der Demokratie der Weimarer Republik, die für Hindenburg und Deutschland mit der Übergabe der Macht in Potsdam am 21. März 1933 endete. Die Zustimmung zu Hindenburgs Sieg 1925 war in den deutschen Zeitungen Nordschleswigs allgemein, stellenweise euphorisch.

Dienstag, 8. April 1975

Gemeinde Hoyer nahm Abschied von ihrem langjährigen Pastor Schau

Wohl selten war ein Gemeindeabend in Hoyer so gut besucht wie am Sonnabend, als es von Pastor Schau Abschied nehmen hieß. Die Turnhalle der deutschen Schule war bis auf den letzten Platz besetzt und zusätzlich mussten Stühle in den Raum gebracht werden. Von nah und fern waren sie gekommen, um dem Ehepaar Schau für seine langjährige treue Arbeit in der deutschen Gemeinde zu danken. So ganz in den Ruhestand wird Pastor Schau aber doch nicht treten. Auf Gemeindeabenden und anderen Veranstaltungen wird er auch in Zukunft seine beliebten Bildervorträge halten. Und im Übrigen: wer Pastor Schau kennt, weiß, dass er noch lange aktive Arbeit leisten wird und immer für seine Mitmenschen da ist. Er bleibt im Lande. Mit seiner Frau Ilse ist er vor kurzem in die Abnahme am Alten Deich gezogen. Sein neues Heim wird den Hoyeranern auch in Zukunft offenstehen.

Andreas Schau ist vielen älteren Lesern noch in deutlicher Erinnerung. Er wurde 1911 in Tondern geboren und starb vor 30 Jahren am 22. April 1995, zwanzig Jahre nach seiner Emeritierung. Nachdem er nach dem Studium in Wenningstedt, Lindholm und Buhrkall/Rapstedt tätig gewesen war, übernahm er im Oktober 1943 die Pastorenstelle in Hoyer. Die Stelle war vakant geworden, weil Pastor Jürgen Braren in den Ruhestand verabschiedet wurde. (Über ihn lese man hier unter dem 1. April 1925.) Die Pastorenstelle wurde nun geteilt. Den deutschen Gemeindeteil übernahm Andreas Schau, den dänischen Niels Peter Nielsen, der aus Seeland stammte und bis 1952 blieb. Schau wurde 1945 in Faarhus interniert, aber erst am 23. Dezember 1946 in Hoyer emeritiert. Er konnte seine Hoyeraner Pastorenstelle dann 1951 wieder aufnehmen. Eine kurze Biographie findet sich im Netz in der Nordschleswig Enzyklopädie.

Freitag, 11. April 1975

Prag gedachte Rainer Maria Rilkes

Prag gedachte im überfüllten Sitzungssaal der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften dieser Tage des 100. Geburtstages von Rainer Maria Rilke. Namhafte tschechoslowakische Literaturwissenschaftler unterstrichen das moralische Profil des am 12. Dezember 1975 in Prag geborenen Dichters und seine Bemühungen um eine weltweite Verständigung zwischen den Völkern. Auch des Einflusses Rilkes auf die tschechische Poesie wurde gedacht.

Wieso die Nachricht so in die Zeitung gelangen konnte, ist unerfindlich. Den Clou der Sache hat der Redakteur nicht begriffen. Denn „das innere Ringen des abseits vom Leben stehenden Dichters und seine ihn bedrängende Problematik, so zum Beispiel die Auseinandersetzung mit der eigenen fragwürdigen Existenz, die dem Dichter offenbar macht, dass wir nicht sehr verlässlich zuhaus sind/in der gedeuteten Welt´“ (wie ein damaliges DDR-Lexikon den Dichter charakterisierte) zeigt, dass Rilke in der sozialistischen Welt nicht sehr willkommen war und die Prager Tagung eher einer politischen Widerständigkeit geschuldet ist als den „Bemühungen um eine weltweite Verständigung zwischen den Völkern“, die wohl als offiziell verlangte Begründung herhalten musste. Denn solcherart „Bemühungen“ hat Rilke als Lebensthema nie interessiert, weil er keine politischen Ziele verfolgte, es sei denn, dass Literatur und Übersetzungen per se diesen Zwecken dienen. Auch die Redaktion unserer Zeitung war von dem Dichter nicht so recht angetan. Das Deutsche Literatur-Archiv in Marbach widmete dem damals noch sehr bekannten Dichter eine große und fundierte Ausstellung mit einem noch heute immer wieder benutzten Katalog, eine Ausstellung, wie der „Nordschleswiger“ mokant schrieb, „die der Neuentdeckung Rilkes dienlich sein kann.“

Donnerstag, 17. April 1975

Geburtstagsfest im Regen

8.000 Menschen, hauptsächlich Kinder, huldigten gestern Vormittag im strömenden Regen auf dem Amalienborger Schlossplatz der dänischen Königin. Margrethe II. feierte ihren 35. Geburtstag. Die Kinder schwenkten kleine Fähnchen, und sie nahmen den Regen mit Humor. Als die Leibgarde mit ihren roten Galauniformen aufzog, stieg die Stimmung noch mehr, und als sich dann die Königin auf dem Schlossbalkon zeigte, brach ein Jubelgeschrei aus. Die Königin winkte und rief Prinz Henrik und die beiden kleinen Prinzen Frederik und Joachim auf den Balkon. Margrethe II. rief den Kindern zu: „Heute an meinem Geburtstag will ich gern allen Dank sagen, die gekommen sind, um mit mir diesen für mich so glücklichen Tag zu feiern.“ Schließlich spielte noch das Musikkorps der Leibgarde „Kong Christian stod ved højen mast“. Zum Schluss ließen sich auch Königin Ingrid und Prinzessin Benedikte auf dem Balkon blicken.

Freitag, 18. April 1975

Die Hitparade

Die Platzierungen im April: 1. Griechischer Wein/Udo Jürgens (Vormonat: 1), 2. I can help/Billy Swan (2), 3. Rosamunde/Danney Christian (-), 4. Rot ist die Liebe/Vicky Leandros (-), 5. Es war einmal ein Jäger/Katja Ebstein (3), 6. Fox on the run/Sweet (-), 7. Ein Lied zieht hinaus in die Welt/Jürgen Marcus (-), 8. Shame, shame, shame/Lina and Funky Famply (-), 9. January/Pilot (8), 10. Ich trink auf dein Wohl/Frank Zander (-).