August 1925 und 1975 – Nordschleswig zwischen Befreiung, Diplomatie und Denkmalstreit
Jürgen OstwaldJürgenOstwaldJürgen OstwaldFreier Mitarbeiter
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Helmut Schmidt, Erich Honecker und andere unterschreiben in Helsinki einen wichtigen Vertrag. Mehr dazu unter dem 2. August 1975.Foto: Bundesarchiv, Bild 183-P0801-026 / Horst Sturm / CC-BY-SA 3.0
Die Schlagzeilen dieses Augusts unterscheiden sich deutlich von denen vor 100 und vor 50 Jahren. Jürgen Ostwald hat im Archiv alte Zeitungen durchforstet und nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit.
Montag, 3. August 1925
Foto: DN
Das Ruhrgebiet ist frei!
Aus Essen, 31. Juli, wird gemeldet: Die letzten französischen Truppen haben heute Nachmittag mit klingendem Spiel das Ruhrgebiet verlassen und sind in der Richtung Landau und Germersheim (Pfalz) verladen worden. Damit ist das Ruhrgebiet mit Ausnahme der Sanktionsstädte vollständig geräumt. Aus Anlass der endgültigen Befreiung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets von fremder Besatzung begann gegen 12 Uhr, dem offiziellen Zeitpunkt des Ablaufs der Besatzungszeit, feierliches Glockenläuten sämtlicher Kirchen der Stadt, das etwa eine Viertelstunde andauerte. Die Straßen, insbesondere die des Zentrums der Stadt, waren überaus reich beflaggt. - Über den Zustand der Gebäude liegen vorläufig noch keine Berichte vor. Dagegen wird aus Mülheim gemeldet, dass die dortige Kaserne in einem Zustand vollkommener Verwahrlosung gelassen worden ist. Die Fensterscheiben in dieser Kaserne fehlten vollkommen. - Derartiges kennen wir ja von der Anwesenheit französischer Truppen im Schleswigschen.
Wegen geldlicher Schulden und Rückständen in Sachgütern besetzten französische und belgische Truppen Anfang 1923 das Ruhrgebiet. Der französische Ministerpräsident Poincaré vollzog damit seine „Politik der produktiven Pfänder“, um die Reparationen der Siegermächte nach dem Ersten Weltkrieg sicherzustellen. Der „Ruhrkampf“, der passive Widerstand der Bevölkerung, musste jedoch wegen der drückenden Inflation zunehmend eingestellt werden. Nach schwierigen Verhandlungen unter Vermittlung der Amerikaner (Dawesplan) wurde das Ruhrgebiet im August 1925 geräumt. Die Ruhrbesetzung war immer ein vorherrschendes Thema in der Berichterstattung unserer Zeitung und der anderen hiesigen deutschsprachigen Zeitungen. In gewisser Weise erlebten die deutschen politischen Protagonisten und viele ihrer Anhänger auch ihre eigene Situation im Sinne ihrer grenzrevisionistischen Ideen als Besetzung ihres Heimatlandes.
Mittwoch, 5. August 1925
Die Garderobe der Zarin unter dem Hammer
In Petersburg werden die Garderobenbestände der Zarin versteigert. Es kommen mehr als 100 Gesellschaftstoiletten unter den Hammer, ferner etwa 2.000 Dienerlivreen. Unter den Kauflustigen sollen sich auch Vertrauensleute der Fürstenhäuser befinden.
Die Zarin Alexandra Fjodorowna (vgl. unsere Abb.), geborene Alix von Hessen-Darmstadt, ließ sich zehn Jahre vor ihrer Ermordung 1918 in Staatsrobe, die wohl 1925 auch zur Versteigerung kam, ablichten. Ihr Schmuck und andere Preziosen und Accessoirs kamen in einer gesonderten Auktion unter den Hammer. - Der (offenbar aus Deutschland stammende) Fotograf Fritz O. Eggler leitete von 1890 bis 1917 das Fotoatelier „Boissonas & Eggler“ in Sankt Petersburg. Er war der offizielle Hoffotograf des Zarenhauses (das Foto der Zarin entstand bei ihm), wurde 1917 nach Sibirien deportiert, konnte aber später in die Schweiz entkommen. Das renommierte Fotoatelier residierte um 1900 natürlich auch an einem prominenten Ort; wer auf sich hielt, ließ sich dort fotografieren. Es befand sich am Anfang des Newsky-Prospekts, der noch heute wohl berühmtesten Straße Russlands, 35 Meter breit, fünf Kilometer lang, unter der Nr. 24, umringt von edlen Boutiquen, Goldschmieden, üppigen Warenhäusern, privaten Palais usw.
Dienstag, 11. August 1925
Das Ende eines Ozean-Riesen
Zarin Alexandra Fjodorowna vor dem Ersten WeltkriegFoto: Library of Congress, Washington/USA
Eines der berühmtesten Schiffe Deutschlands, der ehemalige Hapag-Dampfer „Deutschland“, geht auf der Vulkanwerft seinem Ende entgegen, Die „Deutschland“ hat 25 Jahre im Dienst gestanden und während dieser Zeit zweimal den Namen gewechselt. Sie legte im Anfang ihrer Laufbahn die Strecke von Newyork nach England in fünf Tagen und sieben Stunden zurück und errang durch diesen Aufsehen erregenden Rekord das „Blaue Band“ des Ozeans. Später wurde sie unter dem Namen „Viktoria Luise“ Touristendampfer und nach dem Kriege trug sie den Namen „Hansa“. Nunmehr ist sie von der Werft auf Abbruch verkauft worden.
Mittwoch, 12. August 1925
Apenrade. Dem hiesigen Tierschutzverein wurde vom Justizministerium mitgeteilt, der Justizminister habe seiner scharfen Missbilligung darüber Ausdruck gegeben, dass der Apenrader Polizeimeister einen Bäcker nur mit 10 Kronen Geldstrafe belegt, der eine lebende Katze zweimal ins Feuer des Backofens geworfen hat. Der Justizminister habe den Reichsadvokaten beauftragt, dem Polizeimeister einen Tadel auszusprechen.
Der Hapag-Doppelschrauben-Schnelldampfer „Deutschland“ in besseren Zeiten, und zwar im Jahre 1900Foto: wikipedia.de
Wer diese frevlerische Tat begangen hat, ist nicht bekannt. Es gab damals in und um Apenrade immerhin fast ein Dutzend Bäcker. Getier in Bäckereien war damals offenbar nicht ungewöhnlich. Schon am Tag darauf, am 13. August 1925, findet sich folgende Meldung in unserer Zeitung: „Ein unsauberer Bäcker auf Seeland hatte eine tote Ratte in ein Brot hineingebacken. Den unappetitlichen Fund musste ein Holzschuhmacher in Harritshöh entdecken, als er mit seiner Familie beim Kaffee
saß.“ Mit Harritshöh ist vermutlich das ehemalige Dorf Harrishøj gemeint, das in Nordseeland zwischen dem Esrom-See und dem Gurre See liegt und heute ein Stadtteil von Tikøb ist. Der Holzschuhmacher hat das Brot damals wahrscheinlich in dem von seinem Haus ein Kilometer entfernten Tikøb gekauft. Ob aber die heutige Tikøb Bageri im Hornbæksvej 455 die Nachfolgerin der damaligen Bäckerei ist, wollen wir nicht weiter verfolgen, da wir ihre leckeren Backwaren gerade eben im Netz unter „tikobbageri.mitbageri.dk“ angesehen haben.
Donnerstag, 20. August 1925
Lügumkloster. Eine interessante historische Urkunde ist unter dem alten Dachreiter der Klosterkirche zu Lügumkloster, der einer Ausbesserung unterzogen wird, gefunden worden. Es handelt sich um ein in deutscher Sprache abgefasstes Schriftstück, das aus dem Jahre 1844 stammt und folgenden Wortlaut hat: „Anno 1844, den 23ten July ist der Turm errichtet worden von dem Zimmermeister M. F. Möller aus Flensburg und den Zimmergesellen Christian August Jürgensen, Jürgen Petersen, Christian Ohlsen und Hans Jensen Roos aus Flensburg. Der Abnehmer des Baues ist der Zimmermeister J. H. Wilms aus Flensburg. Das Holz ist aus Polen gekommen und in Flensburg verzimmert. Die Fuhrleute Hans Westergaard und Christian Schmidt von Lügumkloster haben es hergefahren.“ - Man kann nicht gerade behaupten, dass dieses Schriftstück die dänische Behauptung von dem „urdänischen Charakter Nordschleswigs“ erhärtet.
Der letzte Satz ist natürlich dem Grenzkampf geschuldet; jede Meldung, gibt sie nur irgendwie Anlass zur Attacke, wird mit solcherlei Äußerung versehen. Ernsthafte Dänen waren im Gegensatz zu ihren eifernden journalistischen Kollegen mit dieser apodiktischen „Behauptung“ allerdings auch schon damals nicht hervorgetreten.
Sonnabend, 22. August 1925
Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ ist vom Stinneskonzern an ein Konsortium verkauft worden. Sie wird ihre bisherige Richtung bewahren.
Die kurze Meldung bezieht sich auf eine herausragende, zugleich aber auch umstrittene Gazette der Weimarer Republik. Auch unsere Zeitung benutzte sie gern zur Berichterstattung. Der Zeitungshistoriker und Thomas Mann-Biograph Peter de Mendelssohn sagte über sie: „Die Lebensgeschichte der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ stellt ein einzigartiges Phänomen im Berliner Zeitungswesen und zugleich ein Schulbeispiel der „ungesunden“ Zeitung dar, wie es so charakteristisch kaum irgendwo anzutreffen ist. Auf dieser Zeitung lag eine Verwünschung“. Im Einzelnen: Die DAZ ging aus der Konkursmasse der berühmten „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ hervor, einstmals Bismarcks Hausorgan („Kanzlerblatt“) und noch bis zu ihrem Ende 1918 vom Auswärtigen Amt kontrolliert. Ende 1918 erwarb ein umtriebiger Verlagsbuchhändler das Blatt und entwickelte mit neuem Personal ein neues Blatt. Sein ehrgeiziges (aber vergebliches) Ziel war, ein Blatt wie die englische „Times“ zu machen, damals der Inbegriff einer Zeitung. Nach dem frühen Tod des DAZ-Gründers erwarb Hugo Stinnes die Zeitung. Hugo Stinnes, Ruhr-Industrieller, erster Milliardär Deutschlands, Reichstagsabgeordneter, baute das Blatt tatsächlich zu einer Qualitätszeitung aus. Politisch vertrat sie einen bürgerlichen Konservatismus mit liberalem Einschlag. Stinnes war aber daran gelegen, mit der Zeitung vornehmlich die eigenen wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen, und dabei gewissermaßen nebenher alles andere auf hohem Niveau abzuhandeln. Die Zeitung trug sich nicht, jährlich musste Stinnes Millionen zuschiessen. Da er andere Ziele als primär journalistische mit der Zeitung verfolgte, störte das nicht. Er nahm bei der Durchsetzung seiner Interessen keine Rücksicht. Er war Besitzer von Kohlegruben, Eisen- und Stahlwerken, Elektrizitätswerken, Großreedereien, Hotels, riesigen Waldkomplexen. Nun kam eine Zeitung hinzu, die in den Dienst seiner Reichtümer zu treten hatte. Deutlich wurde das bei der Stinnes-Kampagne zur Übernahme der Deutschen Reichsbahn vom Staat, also der Privatisierung der Bahn zugunsten des Ruhrmilliardärs. Um dieses Ziel zu erreichen, schreckte die Zeitung nicht vor fake news, die es natürlich damals schon gab, zurück. Der Coup misslang jedoch. Auf der anderen Seite ließ Stinnes seinen Presseverantwortlichen Freiraum, so dass sie mit seinem Geld „Niveau kaufen“ konnten. Die Auflage stieg. Es erschienen täglich in Berlin eine Morgen- und eine Abendausgabe, daneben zwei Reichsausgaben. Diese Zusammenhänge meinte Mendelssohn mit dem obigen Urteil. Stinnes war im April 1924 überraschend gestorben (wir berichteten), die Erben verkauften das Blatt. Da es ein ungesundes Unternehmen war, wechselten die Besitzer und Finanziers immer wieder. Wir werden dem Blatt in den nächsten Jahren immer wieder begegnen.
Freitag, 1. August 1975
Hansburg gefunden
Die Grabungen des Haderslebener Museums auf dem von der Holzhandlung Hansborg A/S geräumten Gelände haben mehr Erfolg gehabt, als es die Archäologen zu hoffen gewagt hatten: am Mittwochnachmittag, kurz vor Feierabend, wurden sichere Spuren des Schlosses Hansburg freigelegt. Mehr als dreieinhalb Meter tief musste gegraben werden, bevor die Erde die Burgreste freigab.
Die verlorene Hansburg, auch Haderslevhus genannt, war einstmals eines der schönsten Renaissancebauten im Norden. Es muss ein sehr harmonischer Baukörper gewesen sein, nur zu vergleichen mit dem weit später errichteten Rosenborg Slot. Errichtet wurde es seit 1555 von Hercules von Oberberg (1517-1602), dem königlichen Architekten, im Auftrag von Herzog Johann dem Älteren (1521-1580). 1565 konnte der Herzog den Westflügel beziehen und einrichten. Auch die weiteren bald fertiggestellten Teile wurden sehr angemessen ausgestattet. Als der Kupferstecher Frans Hogenberg 1585 das fertige Schloss in dem großen bekannten Städtebuch „Civitates orbis terrarum“ veröffentlichte (es ist die einzige Abbildung des Schlosses, die wir haben, vgl. Abb.), war Johann d. Ä. bereits verstorben. Die Fortschrittlichkeit der Hansburg zeigt sich auch darin, dass das ebenfalls schöne symmetrische Glücksburger Schloss, das um 1585 vollendet war, auf noch mittelalterlichen Grundideen fußte (es ist ein Dreihaus), während die Hansburg eine fortschrittlichere Dreiflügelanlage war. Nach dem Tod Johanns d. Ä. fiel sein Herzogtum wieder zurück an das dänische Königshaus. Von der überaus kostbaren Ausstattung hat sich wenig erhalten, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde das Schloss abgetragen und wurde vergessen. Durch die Grabung von 1975 wurden die Forschungen des Architekten und späteren Altonaer Stadtplaners Hans Berlage (1896-1984) und des Haderslebener Museumsdirektors Hans Neumann (1908-1982), der die Grabung initiiert hatte, glänzend bestätigt. Viele unserer Leser werden sich noch an die Ausstellung „Det forsvundne hertugdømme. Hans den ældre 500 år“ von 2021/2022 erinnern. In dieser Ausstellung waren zahlreiche Artefakte der damaligen Grabung zu sehen. Der damals erschienene Katalog gibt darüber Aufschluss.
Foto: DN
Sonnabend, 2. August 1975
H. Schmidt unterzeichnete als erster, dann Honecker und dann Präsident Ford
Helsinki. Mit der feierlichen Unterzeichnung der Schlussakte ist die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa zu ende gegangen. In einer vom Fernsehen direkt übertragenen Zeremonie besiegelten die politischen Spitzen von 35 Staaten Europas und Nordamerikas durch ihre Unterschrift eine Art Carta, in der – wenn auch völkerrechtlich unverbindlich – die Normen des künftigen Zusammenlebens festgelegt sind. Als erster Delegationschef unterzeichnete Bundeskanzler Helmut Schmidt die in grünes Leder gebundene Akte. Ihm folgte SED-Chef Honecker (durch das französische Alphabet [der seit dem 17. Jahrhundert vorherrschenden französischen Diplomatensprache] waren die beiden Staaten „Allemagne“ an die Spitze der Unterzeichner gerückt). Als dritter setzte US-Präsident Ford seine Unterschrift in die Akte, die dann gemäß dem (französischen) Alphabet weitergereicht wurde.
Die erfolgreiche Beendigung der Konferenz markiert für uns heute das Ende des Kalten Krieges (vgl. die Unterzeichnung des Vertrages in der Abb. oben). So ist ihre Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Daher wird in unseren Tagen in anderen Medien ausführlich darauf eingegangen werden. Die Konferenz fand ihren Nachfolger 1995 in der Organisation über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die heute noch besteht. Durch den Ukraine-Krieg ist sie aber unter ihrem jetzigen Generalsekretär und Erdogan-Vertrauten Sinirlioglu gelähmt und ohne Einfluss. - Helmut Schmidt blieb dem Norden im August 1975 treu. Anfang des Monats unterzeichnete er die Schlussakte, Ende August besuchte er Nordschleswig. Weltgeschichte und Heimatgeschichte reichen sich die Hände. Man lese mehr unter dem 30. August.
Die Hansburg in Hadersleben in einer Ansicht von vor 1585Foto: wikipedia.de
Freitag, 22. August 1975
Ein „Kraftakt aus Bronze“ erregt derzeit die Gemüter der niedersächsischen Großstadt Braunschweig. In der Fußgängerzone der Löwenstadt wurde diese Ringerskulptur des einheimischen Bildhauers Jürgen Weber aufgestellt. Neben der immerwährenden Frage, ob man die Darstellung dieser Muskelprotze als Kunst bezeichnen kann oder nicht, richtet sich die Kritik auch gegen den stattlichen Preis von 150.000 Mark. Außerdem fragen sich die Braunschweiger, warum man für die Innenstadt ausgerechnet solch ein Werk aussuchte …
Die heftige Auseinandersetzung über die damalige Aufstellung der Skulptur erstreckte sich über mehrere Monate und entwickelte sich zu einem bundesweit beachteten Streit, der sogar im Ausland registriert wurde. (Unsere Meldung bestätigt das.) Dass dergleichen öffentliche Bildhauerarbeiten auch in Nordschleswig zum Volkszorn aufstachelten, beweist etwa der Streit um das Alsenmädchen vor dem Sonderburger Rathaus, das 1951 errichtet wurde. Die weibliche unbekleidete Frauenfigur erschien vielen Sonderburgern als zu füllig usw. und entsprach nicht ihrem Empfinden bzw. ihrer angelernten Weiblichkeitsnormen, sodass sie die Bronze ablehnten. Doch wie es immer so ist, wenn man sich mit einem Kunstwerk länger und ernsthaft beschäftigt, erfährt man dadurch viel für sein eigenes Leben und es wird erfüllter. Und so sind längst die Aufschreie verstummt. Die Figur der Alsenpige ist nunmehr ein, wenn nicht das Wahrzeichen der Stadt und der Region. Der Bildhauer und Maillol-Schüler Adam Fischer (1888-1968) sah sich vor die schwierige Aufgabe gestellt, für einen Freibrunnen eine allansichtige Figur zu schaffen. Dasselbe galt für Jürgen Weber (1928-2007) in Braunschweig. Seine Gruppe ist rundansichtig, man kann sie umschreiten und die Bewegungen der Ringer erst dadurch, durch Umschreiten, verstehen. Längst ist auch in Braunschweig der Zorn von 1975 einer Anerkennung gewichen. Wären die Braunschweiger damals in ihr Herzog-Anton-Ulrich-Museum gegangen und hätten sich dort die einschlägigen Kleinbronzen des Manierismus angesehen, wären sie wohl früher versöhnt gewesen. Das gilt auch für die Sonderburger: Wären sie mit der dänischen Bildhauerkunst der damals vergangenen 50 Jahre vertraut gewesen und hätten sie die vielen Beispiele des weiblichen Aktes in der Plastik gekannt, also verstanden und gewürdigt, wären sie sofort von ihrer Alsenpige überzeugt gewesen.
Sonnabend, 30. August 1975
Bundeskanzler: Wünsche werden aufgeschlossen behandelt
Bundeskanzler Helmut Schmidt hat gestern in einem Gespräch mit Vertretern des Bundes deutscher Nordschleswiger, das im 30 qm großen Lehrerzimmer der deutschen Schule Sonderburg stattfand und zum Ärger des Protokolls zehn Minuten länger als die vorgesehenen 25 Minuten dauerte, die Zusage gegeben, die Wünsche der deutschen Minderheit – insbesondere der Zeitung - „aufgeschlossen zu behandeln“. Das bestätigte der Bundeskanzler nach dem Gespräch mit dem „Nordschleswiger“.
An dem Gespräch im oben genannten sehr engem Rahmen in Sonderburg nahmen neben dem Hauptvorsitzenden des BdN (heute ja BDN) Gerhard Schmidt und seinem Generalsekretär Peter Iver Johannsen sowie Jes Schmidt und Siegfried Matlok vom Nordschleswiger der dänische Staatsminister Anker Jørgensen, sein Verkehrs- und Kultusminister Niels Matthiasen, der Bonner Staatssekretär für innerdeutsche Beziehungen Karl Herold, der Oppositionsführer im Kieler Landtag Klaus Matthiesen und allerlei andere Zelebritäten teil. Zum Abschluss des Treffens überreichten die beiden Töchter des damaligen Sonderburger Schulleiters, Alexius Pilnay, Claudia und Christina dem Bundeskanzler und dem Staatsminister jeweils einen Strauß dunkelroter Blumen, schließlich waren die beiden Beschenkten Sozialdemokraten.