Sankelmark

Anekdoten über das „absurde Ende“ des Dritten Reiches in Flensburg

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Gerhard Paul
Einige Exemplare seines aktuellen Buches hatte Historiker Gerhard Paul im Gepäck – sie fanden nach dem Vortrag schnell Abnehmerinnen und Abnehmer.

Die NS-Herrschaft fand an der Flensburger Förde ihr Ende. Der Historiker Prof. Dr. Gerhard Paul gab in seinem Vortrag auf der Neujahrstagung in Sankelmark einen Einblick in die Wirren der letzten Kriegswochen im Mai 1945 und die Aktivitäten der letzten Reichsregierung unter Großadmiral Karl Dönitz in der Marineschule Mürwik.

„Wir können auch eine lange Nacht des Mai 1945 in Flensburg veranstalten“, sagt der Historiker Gerhard Paul am Sonnabendmorgen in Sankelmark bei der Neujahrstagung des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), als die Zeit langsam davonläuft. Viele geschichtliche Ereignisse kann der frühere Professor der Europa-Universität Flensburg aus seinem Gedächtnis abrufen. So viele, dass sie nicht in anderthalb Stunden Programm passen.

Seit 30 Jahren beschäftigt er sich mit der Geschichte Flensburgs in den letzten Kriegswochen und danach. Das Ergebnis ist ein Vortrag mit humorvollen Anekdoten und aus heutiger Sicht absurden Geschichten über das Ende des Nationalsozialismus in Flensburg, der das Publikum beeindruckt zurücklässt. Dabei kam Paul eher zufällig zu diesem Thema, als er Anfang der 1990erJahre an die Förde zog. Zwar hatte er Geschichte studiert, hörte hier aber den Namen Dönitz das erste Mal, wie er berichtet.

Zwar endete der Krieg offiziell am 8. Mai 1945, bis zum 23. Mai 1945 war jedoch die Nachfolgeregierung Hitlers unter Großadmiral Karl Dönitz in der Marineschule Mürwik im Amt – eine „chaotische Zeit“, so Paul. Der Vortrag basiert auf seinem im vergangenen Frühjahr erschienenen Buch „Mai 1945: Das absurde Ende des Dritten Reiches: Wie und wo die Nazi-Herrschaft wirklich ihr Ende fand“ und ist somit auf dem aktuellen Kenntnisstand, wie Paul sagt.

„Mich fasziniert grundsätzlich, was ,vor meiner eigenen Haustür' passiert ist.“

Prof. Dr. Gerhard Paul

Was den Historiker an der Forschung in dem Bereich interessiert? 

Gerhard Paul
Gerhard Paul

„Mich fasziniert grundsätzlich, was ,vor meiner eigenen Haustür' passiert ist. Als ich vor drei Jahrzehnten nach Flensburg kam, war ich überrascht, dass es hierzu kaum etwas an Forschung gab und die Stadt die Geschichte eher versteckte“, sagt er dem „Nordschleswiger“. So gebe es bis heute keine Ausstellung, kein Museum und keine Überblicksdarstellung. 

Er habe dann begonnen, sich in die Geschichte der letzten Kriegswochen in Flensburg und Umgebung einzuarbeiten. „Das war wie eine kriminalistische Spurensuche“, erinnert er sich. In vielen Bereichen habe er Neuland betreten. Überall habe er Relikte aus dieser Zeit entdeckt oder sei durch Kontakte darauf gestoßen worden.

Überraschend sei dann gewesen, dass sich weder Politik noch Historikerkolleginnen und -kollegen für seine Forschungsergebnisse interessierten. „Das hat sich in den vergangenen acht bis zehn Jahren deutlich verändert“, so Paul und betont, dass das überregionale Interesse besonders gewachsen sei. So sei sein Buch auch auf der internen Bestsellerliste des Verlags (Berliner/Freiburger Herder-Verlag, Anm. d. Red.) auf Rang 2 gelandet.

Dass sein Buch im vergangenen September mit dem Preis der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte ausgezeichnet wurde, spreche ebenfalls für das gewachsene Interesse an der Thematik. „Es ist aber auch eine intellektuelle Herausforderung, ein Ereignis aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und aus den Puzzles ein Gesamtbild zu zeichnen.“

Viele Fragen noch unbeantwortet

Noch heute gibt es viele Unklarheiten über das, was in den letzten Kriegswochen zwischen Flensburg und Lübeck passiert ist. 

„Nur ansatzweise ist die Geschichte der Verklappung von Giftgasmunition in der Ostsee zwischen Kleinem Belt und der Lübecker Bucht aufgearbeitet“, nennt Paul ein Beispiel. Hier anzusetzen, sei ihm aus Zeit- und Kostengründen bisher nicht möglich gewesen, aber „es müsste dringend etwas passieren“. 

Der Grund: Die Behälter, in denen diese Munition lagert, rosten langsam durch und geben ihren Inhalt an die Ostsee ab. „Die Zeit eilt“, so der Historiker. Auch weil das politische Interesse sich derzeit auf konventionelle Munition konzentriert. Sehr viel gefährlicher sei allerdings die Giftgasmunition, „die in großen Mengen in den letzten Kriegstagen aus dem ganzen Reich zur Verklappung nach Flensburg gebracht und dann unkoordiniert in der Ostsee verklappt wurde“. So unter anderem direkt vor Mürwik oder auch am Leuchtturm in Kekenis (Kegnæs). 

Auch die Entwaffnung der deutschen Wehrmacht, also einfacher Soldaten, der Flugzeugflotte mit ihren hochmodernen Maschinen, der Raketen und Schiffe, sei kaum erforscht. „Wie wurde diese Entwaffnung organisiert? Von welchen Mengen müssen wir ausgehen, und was passierte mit den Waffen?“, fragt Paul.

Gerhard Paul
Prof. Dr. Gerhard Paul wusste die Zuhörenden mit humorvollen Anekdoten zu begeistern.

Ein drittes Thema sind Geld, Gold und Kunst. „Schließlich kamen mit den Spitzen der NS-Regierung, der SS und der Wehrmacht unglaubliche Mengen von Berlin in den Norden“, sagt er. „Das ist ein sensibles Thema, zu dem auch ich nur wenige neue Erkenntnisse ermitteln konnte, das aber weiterhin der Forschung bedarf.“ Sicher sei nur, dass ein Teil des Goldes beschlagnahmt wurde, ein anderer Teil irgendwo in Teichen, Seen, alten Scheunen oder sonst wo versteckt wurde. 

Auch die Wehrmachtsjustiz sei ein langes Kapitel, das erst in den vergangenen fünf Jahren langsam angefasst werde. Viele Soldaten seien damals in der Fehlannahme, der Krieg sei zu Ende, also sei die Dienstpflicht zu Ende, nach Hause aufgebrochen. „Das hat vielen den Kopf gekostet“, sagt Paul. Viele kamen wegen Fahnenflucht und Verrats vor Standgerichte und wurden zum Tode verurteilt. So gibt es Geschichten von jungen Marinesoldaten, die in der Geltinger Bucht auf Schiffen erschossen und in die Ostsee geworfen wurden. 

Drittes Reich endete im Chaos

Generell wird während Pauls Vortrag deutlich, welches Chaos in den letzten Wochen des Dritten Reiches im Norden herrschte. Aus Berlin flüchteten hochrangige Mitglieder der Regierung, der Wehrmacht, der Marine und der SS nach Westen. Zwischen den Briten und den Sowjets hindurch landeten die meisten am Ende in Flensburg, das dank eines glücklichen Zufalls kaum zerstört wurde. Auch die Infrastruktur blieb intakt. Flüchtlinge aus den Ostgebieten, KZ-Häftlinge auf Schiffen auf der Flensburger Förde, die Sammlung von Waffen aller Art, das Versenken von U-Booten und der Versuch, mit neuen Identitäten unterzutauchen: Vieles davon spielte sich an der Förde ab. 

Die Regierung Dönitz selbst habe noch versucht, „den Kopf aus der Schlinge zu ziehen“, in dem man einen Separatfrieden mit den Engländern anstrebte oder sie gar als Verbündete für einen gemeinsamen Kampf gegen die Sowjetunion zu gewinnen versuchte. 

Ansonsten sei die Regierung eher unbeschäftigt geblieben – von Schnäpsen am Morgen bis zu verschiedensten Denkschriften zur Zukunft des Deutschen Reichs. „Braucht es eine neue Reichsfahne, und gilt noch der Hitlergruß?“, summiert Paul die „Beschäftigungstherapie“. 

Das Dritte Reich in Flensburg habe gestunken und sei unordentlich gewesen. Quellen berichten von Saufgelagen und Alkohol zu jeder Tageszeit. „Viele haben gesoffen und dann auch nicht mehr den Weg zur Toilette geschafft.“ 

Die Ereignisse eigneten sich mitunter für einen lustigen Film oder ein Theaterstück. „Die Idee habe ich seit 20 Jahren“, so Paul. Weil er mit der Idee eines Films jedoch keine Chance bekommen hat, schrieb er das Buch.

„Das Reich geht zu Ende mit einem Griff an die Eier“, zitiert Gerhard Paul abschließend aus den Erinnerungen eines früheren Mitarbeiters der Regierung Dönitz, als die letzte Reichsregierung bei ihrer Verhaftung die Hosen herunterlassen muss.

Ein Lernort in Flensburg

Was immer noch zu wenig in Stadt, Land und Bund im Bewusstsein ist, dass das Ende des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges von Flensburg aus eingeleitet wurde.

Gerhard Paul

Nicht nur Gerhard Paul, sondern auch „Flensborg Avis“-Journalist Christian Davidsen, der sich intensiv mit der Geschichte Flensburgs im Dritten Reich beschäftigt, würden sich einen Lernort in der Fördestadt wünschen. Einen entsprechenden Ratsbeschluss hierzu gibt es bereits. An eine schnelle Umsetzung glaubt Paul allerdings nicht. „Angesichts der knappen Kassen der Stadt befürchte ich, dass die Einrichtung eines solchen Lernortes Utopie bleibt.“

Überrascht zeigt der Historiker sich, dass eigens ein Expertenteam eingerichtet wurde. Allerdings: „Es zeichnet sich dadurch aus, dass keines der Mitglieder jemals selbst zu diesem Thema gearbeitet hat.“ Seine in drei Jahrzehnten erworbene eigene Expertise sei jedenfalls nicht angefragt worden.

Sein Wunsch wäre es, dass ein Lernort nicht nur ein Ort von regionalem, sondern von überregionalem Interesse sein würde. „Was immer noch zu wenig in Stadt, Land und Bund im Bewusstsein ist, dass das Ende des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges von Flensburg aus eingeleitet wurde.“ Das sei ähnlich dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, zu dem es ein großes Museum von „europäischem Interesse“ in Danzig gibt.

Paul plädiert dafür, dass das Thema auch mehr in den Schul-Geschichtsbüchern verankert wird. „Das passiert derzeit nicht mal ansatzweise.“

Der Historiker Gerhard Paul (*1951 in Biedenkopf/Lahn) arbeitete von 1994 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2016 als Professor für Geschichte und Didaktik an der Universität Flensburg. 

In mehreren von der Volkswagen-Stiftung finanzierten Forschungsprojekten wirkte er seit Ende der 1980er-Jahre maßgeblich an der Aufarbeitung des „Dritten Reiches“ mit – „Widerstand und Verweigerung im Saarland 1935-1945“, „Die Gestapo und die deutsche Gesellschaft“ sowie „Sozialgeschichte des Terrors“ waren die Forschungsgebiete. 

Mehrfach wurden seine Bücher ausgezeichnet. 2020 erschien sein Buch „Bilder einer Diktatur: Zur Visual History des Dritten Reiches“, in dem er die Bilderwelt des Nationalsozialismus interpretiert und nach ihren Produktions- und Rezeptionsbedingungen fragt. 

Bis heute beschäftigt sich Paul mit der Macht der Bilder. Visuelle Geschichte ist sein Forschungsfeld. In „Mai 1945: Das absurde Ende des Dritten Reiches“, das im vergangenen Jahr erschien, sind 60 Schwarz-Weiß-Abbildungen zu sehen. In Begleittexten führt Paul durch die vier letzten absurden Wochen eines zerbröselnden Reiches.

Weitere Informationen unter gerhardpaul.de