Kunst

Wie ein Wikipedia-Projekt ein übersehenes Kunstwerk in Tondern neu ins Licht rückt

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Bei Tageslicht sind die Details des Kunstwerks kaum zu erkennen.

Ein vergessenes Glasmosaik, ein Jubiläum und ein Wikipedia-Autor, der auf überraschende Funde stößt: Vor 60 Jahren wurde Albert Elmstedts Fenster im Tonderner Gymnasium eingebaut. Warum das Kunstwerk und seine Geschichte heute wieder relevant sind – und welche Spuren bis Lügumkloster führen.

Ein Kunstwerk, das täglich von Hunderten gesehen wird – und doch in fast keiner Publikation vollständig dokumentiert ist. Das Glasmosaikfenster des dänischen Künstlers Albert Elmstedt, 1965 im Treppenhaus des naturwissenschaftlichen Flügels am heutigen Tønder Gymnasium eingebaut. Das ist  60 Jahre her. Ausgerechnet eine Anfrage des Wikipedia-Autors Ingo Strutz hat das Werk nun wieder ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Ein Fenster ohne Abbild – bis jetzt

„Leider gibt es von diesem Fenster keine vollständige Abbildung“, schrieb Strutz an die Lokalredaktion Tondern. Die einzige bekannte Abbildung findet sich in einer alten Festschrift – und zeigt nur ein Detail. Die Einweihung des neuen Fachtraktes 1965 wurde damals offenbar weder journalistisch begleitet noch später aufgearbeitet; im Archiv des „Nordschleswigers“ finden sich keine entsprechenden Artikel.

Die Redaktion stellte dem Wikipedia-Autor nun aktuelle Fotos zur Verfügung – von außen, innen, bei Tageslicht und bei Dunkelheit. Damit existiert erstmals eine vollständige fotografische Dokumentation des Kunstwerks. Strutz wird die Bilder jetzt in seinem Beitrag in dem Online-Nachschlagewerk einbauen.

Ein Kunstwerk der Moderne – mit Lichtproblemen

Das Glasmosaik von innen betrachtet

Das Mosaik zeigt eine Gruppe junger Menschen unter einer großen Baumkrone. Entworfen wurde es von Elmstedt, gefertigt von der Tonderner Glaserei Laurits Freese & Sønner, finanziert über die staatliche Kunststiftung (Statens Kunstfond). Installiert wurde es während der Herbstferien 1965.

Doch schon kurz darauf zeigte sich ein Problem: Das Glas ließ zu wenig Licht durch. Der damalige Schulleiter Hans Otto Jensen schrieb 1970 in der Jubiläumsschrift der Schule, die Treppe sei so dunkel geworden, dass tagsüber die elektrische Beleuchtung eingeschaltet werden müsse. Die künstliche Beleuchtung wiederum lasse das Kunstwerk nicht optimal zur Geltung kommen.

Ein Künstler mit Verbindungen nach Nordschleswig

Im Parterre…

Albert Elmstedt (1895–1976) war Maler, Zeichner, Grafiker und später Hochschullehrer an der Technischen Schule in Odense. Sein Werk umfasst naturalistische Studien, expressionistische Landschaften, modernistische Stillleben und abstrakte Kompositionen. In den 1940er-Jahren gestaltete er außerdem Bilderserien für das Freilichtmuseum Den Fynske Landsby, später die Altarfigur und das Taufbecken der Bolbro-Kirche in Odense.

Seine Verbindungen nach Tondern und Lügumkloster (Løgumkloster) sind eng: In den Jahren 1924 bis 1926 lebte er in der Storegade 16 in Lügumkloster – schräg gegenüber von seinem Freund Frode Nielsen, Maler, Restaurator und später bekannt unter dem Namen Frode Nielsen Dann. Beide arbeiteten an der Restaurierung der Klosterkirche, deren Abschluss sich übrigens in diesem Jahr (2025) zum 100. Mal jährte.

Frode Nielsen war zu der Zeit übrigens mit der Kunstmalerin Kirstine – genannt Kirsten – Kjær Andersen verheiratet. Sie soll – laut Strutz’ Recherchen – ihre Schwägerin Marie, die Schwester ihres Mannes, mit gewissem Hintergedanken mit Albert Elmstedt zusammengebracht haben. Der dänische Begriff für eine Ehestifterin ist übrigens „Kirsten Giftekniv“ – nomen est offensichtlich omen. Aus den beiden wurde ein Paar.

…und im 1. Stock

Ingo Strutz war bei seinen Recherchen zudem eine lokalhistorische Chronik des gebürtigen Lügumklosteraners Bent Beim über die Storegade seines Geburtsortes in die Hände gekommen. Besonders ein Detail ließ ihn aufmerken: Laut Beim hatte Nielsen in dieser Zeit ein bislang unbekanntes Verhältnis zu einer jungen Lügumklosteranerin. Aus der Verbindung soll eine Tochter hervorgegangen sein. Dieser Aspekt ist in keiner Fachliteratur dokumentiert. Strutz versucht derzeit, die Hinweise quellenkritisch zu prüfen und – falls belegt – in den Wikipedia-Artikel über Frode Nielsen Dann einzubauen.

Ein selten beachtetes Schulkunstwerk wird wieder sichtbar

Bei völliger Dunkelheit kommen die Details in Elmstedts Glasmosaik erst zur Geltung.

Für viele Tonderanerinnen und Tonderaner ist das Mosaik zum Kongevej ein vertrauter Anblick – und dennoch ein weitgehend unbekanntes Kapitel der dänischen Kunstgeschichte. Der 60. Jahrestag bietet die Gelegenheit, dieses Werk neu wertzuschätzen.

Gleichzeitig zeigt die aktuelle Wikipedia-Recherche, wie viel lokales Kulturerbe noch immer unzureichend dokumentiert ist – und wie wichtig regionale Archive und Erinnerungsorte für die öffentliche Geschichtsbildung sind.

Wer in den Nacht- und Abendstunden über den Kongevej am Gymnasium vorbeispaziert, sollte bewusst nach links oder rechts – je nach Gehrichtung – schauen, um das Kunstwerk in voller Pracht betrachten zu können.