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Tödlicher Polizeieinsatz bei Tondern: Angehörige legen Beschwerde ein

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Der Byvej in Groß-Emmerschede war nach den tödlichen Schüssen stundenlang gesperrt.

Nach den tödlichen Polizeischüssen auf einen psychisch kranken 32-Jährigen in Groß-Emmerschede hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Die Familie akzeptiert die Entscheidung nicht und wendet sich nun an den Generalstaatsanwalt.

Knapp elf Monate nach dem tödlichen Polizeieinsatz in Groß-Emmerschede (Store Emmerske) nahe Tondern (Tønder) hat die Staatsanwaltschaft in Viborg entschieden, die Ermittlungen gegen einen beteiligten Polizeibeamten einzustellen. Die Angehörigen des 32-jährigen getöteten Mannes haben nun Beschwerde beim Generalstaatsanwalt eingelegt, schreibt die Nachrichtenagentur „Ritzau“ am Donnerstag.

Der Mann war am 28. Februar vergangenen Jahres von der Polizei erschossen worden. Ein Arzt hatte ihn als psychotisch eingeschätzt. Nach Angaben der Familie war ein zuvor angesetzter Arztbesuch „schiefgegangen“. Der Arzt beantragte eine Zwangseinweisung des Mannes in die Psychiatrie.

Zwei Polizeibeamte rückten an jenem Mittag zu dem Haus in Groß-Emmerschede aus. Nach den Ermittlungen der Unabhängigen Polizeibeschwerdestelle (Den Uafhængige Politiklagemyndighed, DUP) war der Mann mit einem Dolch bewaffnet aus dem ersten Stock in einen schmalen Hauswirtschaftsraum gekommen, in dem sich die Beamten aufhielten. Einer von ihnen gab daraufhin Schüsse ab, da er sich in akuter Lebensgefahr sah. Der 32-Jährige verstarb noch am Einsatzort.

Notwendig und verhältnismäßig

DUP kam zu dem Schluss, dass der Beamte die Situation berechtigt als einen begonnenen oder unmittelbar drohenden lebensgefährlichen Angriff wahrgenommen habe. Der Einsatz der Schusswaffe sei notwendig und verhältnismäßig gewesen. Auf dieser Grundlage entschied die Staatsanwaltschaft nun, das Verfahren einzustellen.

Zu den konkreten Ergebnissen der Ermittlungen wollte sich die Staatsanwaltschaft am Donnerstag nicht äußern. Auch zur rechtlichen Begründung, das Verfahren einzustellen, wurden keine Details genannt.

Bekannt ist jedoch, dass der Getötete bereits ein Jahr zuvor im Mittelpunkt eines größeren Polizeieinsatzes in Tondern gestanden hatte. Damals bestand der Verdacht, er sei bewaffnet. Die Polizei setzte unter anderem Gasgranaten ein und zog eine Verhandlungsperson hinzu. Nach Einschätzung der Polizeibeschwerdestelle hätte der oder die diensthabende Mitarbeitende der Einsatzzentrale sicherstellen müssen, dass die ausrückende Streife über diese Vorgeschichte informiert war. Zudem hätte eine konkrete Einsatzplanung erfolgen müssen.

Einer der beiden Polizeimitarbeitenden vor Ort hatte nach DUP-Angaben Kenntnis von dem früheren Vorfall. Dennoch sieht die Beschwerdestelle darin kein strafbares Verhalten.

Traurig und tragisch

Die Familie des 32-Jährigen akzeptiert diese Bewertung nicht. Ihr Anwalt, Frederik Blicher Jepsen, bereitet derzeit eine Beschwerde beim Generalstaatsanwalt vor. Details dazu möchte er laut „Ritzau“ noch nicht nennen. „Es ist eine traurige und tragische Sache“, sagt er. Aus seiner Sicht hätte der Einsatz einen anderen Ausgang nehmen können, wenn dieser besser vorbereitet gewesen wäre. Kritisch äußert er sich insbesondere dazu, dass offenbar nicht das polizeieigene Konzept für Einsätze mit gefährlichen, psychisch kranken Menschen angewandt wurde, das unter anderem den Einsatz von Schutzschilden und Spezialausrüstung vorsieht.

Der Fall hatte bereits kurz nach dem tödlichen Einsatz eine Debatte über den Umgang der Polizei mit psychisch Erkrankten ausgelöst. In mehreren dänischen Polizeibezirken werden derzeit alternative Einsatzmittel wie Elektroschockpistolen, sogenannte Taser, getestet, um Schusswaffeneinsätze zu vermeiden.