Ehrenamt

Mut, der ansteckt: Was Selbsthilfe Apenrade für 600 Menschen im Jahr verändert

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Die Räume der Apenrader Selbsthilfe haben die Freiwilligen und Mitarbeitenden mit viel Einfühlungsvermögen gestaltet.

Wenn Menschen in Apenrade an einen Punkt kommen, an dem sie nicht mehr weiterwissen, dann landen sie oft an einem Ort, der ganz leise hilft. Kein großes System, keine Diagnose, kein Zeitdruck – nur Zuhören, Verstehen und die Erfahrung: „Ich bin nicht allein.“ Warum das so ist, erklärt Leiterin Jutta Carstensen.

Manche kommen wegen Einsamkeit, andere sind nach einem Jobverlust in sich zusammengefallen. Wieder andere tragen Verletzungen, die Jahrzehnte zurückliegen – wie Frauen, die Gewalt in der Beziehung erlebt haben – und zum ersten Mal in ihrem Leben darüber sprechen. Jutta Carstensen ist Leiterin der „Aabenraa Selvhjælp“. Sie erlebt seit zehn Jahren täglich, wie unterschiedlich Krisen aussehen können. 

„Wenn Frauen in der Gruppe merken, dass andere genau dasselbe erlebt haben – und gleichzeitig sehen: Das sind kluge, starke, ganz normale Frauen –, dann verschwindet die Scham plötzlich“, sagt Carstensen. „Sie spiegeln sich in der anderen.“

Dass dieses Spiegeln wirkt, ist keine Apenrader Besonderheit. In Norwegen und Kanada etwa gelten unterstützte Selbsthilfegruppen längst als fester Bestandteil der psychosozialen Versorgung – als leicht erreichbare Ergänzung neben klassischen Angeboten – und dazu noch kostenlos. 

Wenn Männer ihre Worte wiederfinden

Besonders herausfordernd sei die Gruppe für arbeitslose Männer, sagt Carstensen. „Viele von ihnen haben ihr Leben lang funktioniert. Plötzlich bricht alles weg – und sie wissen gar nicht, wie man über Gefühle spricht.“ In der Selbsthilfe lernen sie das wieder, Schritt für Schritt. Manchmal dauert es Wochen, bis der erste Satz fällt.

Stricken, Schnacken, Stabilisieren

Jutta Carstensen in der Teeküche der Selbsthilfe

Während einige Gruppen schwere Themen tragen, geht es im „Hjerterum“ deutlich leichter zu: Seit vielen Jahren treffen sich dort Frauen um gemeinsam zu stricken – ein Wohnzimmer-Ort, an dem Gespräche entstehen, ohne dass man sie „führen“ muss. Handarbeit wird hier zum Türöffner für Nähe, Gesellschaft und gegen Einsamkeit. 

Insgesamt zählt der Verein jährlich rund 600 Besucherinnen und Besucher, hinzu kommen etwa 200 Teilnehmende bei Vorträgen. Die Nachfrage steigt – und mit ihr das Bewusstsein der Kommune, die zunehmend Menschen direkt an die Selbsthilfe vermittelt. Auch Zuschüsse und Projektmittel sind in den vergangenen Jahren gewachsen.

Freiwillige, die wachsen – und wachsen lassen

Getragen wird die Arbeit von gut ausgebildeten Freiwilligen. Viele kommen aus sozialen Berufen, inzwischen auch einige Männer. Sie besuchen Fortbildungen, erhalten Supervision und sind für die Teilnehmenden oft mehr als Gruppenleitende: Sie geben Halt und sind Wegbegleiterinnen und -begleiter.

„Es ist ein großer Erfolg, wenn wir sehen, wie sich Menschen entwickeln“, sagt Carstensen. „Aber auch die Freiwilligen wachsen an ihren Aufgaben.“

Trotz der starken Basis gibt es weiterhin Lücken: Für die Homepage, für administrative Aufgaben und für Finanzberatung sucht der Verein zusätzliche Ehrenamtliche.

Wo Selbsthilfe an Grenzen stößt

Auch wenn niemand weggeschickt wird – die Selbsthilfe ist kein Ersatz für professionelle Behandlung. Carstensen erinnert sich an einen Fall, in dem sie nicht helfen konnte, als ein Mensch mit akuter Psychose in die Räume kam. „Den habe ich dann ins Krankenhaus begleitet.“

Genau dieses Bewusstsein – zuhören, aber Grenzen kennen – macht das Angebot verlässlich. Es schafft Sicherheit für diejenigen, die kommen, aber auch für die Freiwilligen.

Ein Blick nach vorn: Mentorenprogramm geplant

Aktuell arbeitet der Verein an einem neuen Mentorprogramm in Zusammenarbeit mit dem „Fonden Bindeled“ (Stiftung Bindeglied). Die Idee: Ehrenamtliche sollen junge Menschen begleiten, die den Anschluss an ein „normales“ Leben verloren haben – indem sie gemeinsam Kulturangebote besuchen, Strukturen schaffen und einfach eine verlässliche Bezugsperson sind.

Solche Mentorprogramme funktionieren andernorts bereits gut: In Island und den Niederlanden haben sie nachweislich dazu beigetragen, Jugendliche wieder in Ausbildung oder soziale Gemeinschaften zu bringen. Apenrade könnte damit an eine erprobte Ordnung anknüpfen.

Ein Ort, der mit wächst

Die Geschichte der Selbsthilfe in Apenrade war nicht immer einfach. Es gab Zeiten, in denen das Geld knapp war. Doch der Verein hat sich immer wieder neu aufgestellt – auch dank eines starken Vorstandes. Heute ist er fester Bestandteil des sozialen Netzes der Region – ein Ort, an dem Menschen nicht verwaltet, sondern begleitet werden.

Aabenraa Selvhjælp – Apenrader Selbsthilfe

Die „Selvhjælp“ (Selbsthilfe) in Apenrade ist ein selbstständiger Verein, der kostenlos anonyme Gespräche für Personen anbietet, die sich in einer Krise befinden. Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden bieten Erwachsenen und Jugendlichen Hilfe in schweren Situationen oder Lebensphasen. 

Die Apenrader Selbsthilfe ist am Kystvej 36a zu finden.

Weitere Informationen gibt es auf www.aabenraa-selvhjaelp.dk.