Porträtserie

Allan leitet einen dänischen Kindergarten mit über 100 Kindern – und kann Deutsch

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Allan V. Nielsen ist seit Oktober 2024 Leiter der Stübbeker Kindertagesstätte „Stubbæk Børenhus“.

Er ist Däne, hat 2024 die Leitung der Kindertagesstätte „Stubbæk Børnehus“ übernommen, hat aber viele Schnittflächen zu Deutschland und zur deutschen Minderheit. Welche das sind und wie es ist, eine so große Einrichtung zu leiten, erzählt der 50-Jährige im Interview.

Es hätte auch ein deutscher Kindergarten sein können, den er als Leiter übernimmt, sagt Allan Vallenthin Nielsen. Denn: Er spricht Deutsch, kennt die deutschen Gepflogenheiten und kennt die deutsche Minderheit. Im Oktober vergangenen Jahres wurde er neuer Leiter des Kindergartens „Stubbæk Børnehus“ mit aktuell 110 Mädchen und Jungen.

Allan Nielsen kehrte damit zufällig an den Ort zurück, in dem er aufgewachsen ist. „Da drüben habe ich als Junge Fußball gespielt“, sagt der 50-Jährige in seinem Büro in der Skolegade und zeigt durchs Fenster auf den benachbarten Sportplatz.

Allan Nielsen am Haupteingang der Stübbeker Einrichtung

Abstecher ins Schwabenland

Die Sprache Deutsch und Deutschland rückten bei ihm als Jugendlicher etwas plötzlich in den Mittelpunkt. „Als ich in der 8. Klasse war, bin ich mit meiner Mutter und meinem Bruder für zwei Jahre in den Stuttgarter Raum gezogen. Das war zunächst nicht einfach, weil ich Deutsch nur von der Sesamstraße kannte. Ich habe mich reingefuchst und schließlich den deutschen Hauptschulabschluss gemacht“, erzählt der Kindergartenleiter schmunzelnd.

Zurück in Nordschleswig nutzte er die neuen Deutschkenntnisse. „Ich bin an die Deutsche Nachschule Tingleff gegangen und anschließend ans Deutsche Gymnasium in Apenrade. Ich fand es naheliegend, das Deutsche im Fokus zu behalten“, so Allan Nielsen, der heute in Starup bei Hadersleben (Haderslev) wohnt.

Schicksalshafte Begegnung am Gymnasium

Am DGN sollte sich die nächste große Schnittfläche ergeben. Allan Nielsen: „Ich lernte meine heutige Frau kennen, die Tochter des ehemaligen BDN-Hauptvorsitzenden Hans Heinrich Hansen.“

Die Verflechtung nahm noch weiter zu. „Ich war eine Zeit lang auch Vorsitzender der Jungen Spitzen“, erzählt der 50-Jährige mit einem Lachen. Er habe es als normal empfunden, sich im Umfeld seiner Schule auch politisch zu engagieren. Dass er sich dabei als Däne in der Minderheit und damit in einem anderen kulturellen Terrain bewegte, habe für ihn nie die große Rolle gespielt.

Der Kindergartenleiter in seinem Büro. Von dort kann er auf den Sportplatz blicken, auf dem er als kleiner Junge Fußball spielte.

Er halte auch nicht viel vom Identitätsgerede. Wann man und wie man Angehöriger der deutschen Minderheit ist und dass man sich dazu zu bekennen hat, das habe ihn immer gestört, so Nielsen. „Dieses Ultimative, sich für eine Seite entscheiden zu müssen, ist doch überzogen.“ 

Mit dem Begriff „Angehöriger“ der deutschen Minderheit könne er nichts anfangen. „Däne, Nordschleswiger, Sønderjyde oder auch Europäer – ich sehe da eine Vielfalt ohne Einschränkung, zumindest für mich“, sagt Nielsen.

Es war trotz der Schnittflächen und der familiären Verbundenheit zur Minderheit für ihn keine Selbstverständlichkeit, für die beiden mittlerweile erwachsenen Kinder eine deutsche Einrichtung zu wählen. „Wir haben uns für den deutschen Kindergarten und später für die deutsche Schule in Hadersleben entschieden. Eines unserer Kinder wechselte dann aber an die dänische Schule. Wir haben zu Hause Dänisch gesprochen, und der Wechsel erwies sich als gute Lösung. Das Wohlbefinden und die Entwicklung des Kindes stehen nun mal an erster Stelle“, so Nielsens Philosophie.

Deutsch in der dänischen Einrichtung

Diese Philosophie ist auch sein Leitfaden als Leiter des „Stubbæk Børnehus“. Obwohl es sich um eine kommunale dänische Kindertagesstätte handelt, ist Deutsch dort ebenfalls präsent. 

„Wir haben Kinder von Zuzüglerfamilien aus Deutschland und sind bemüht, ihre Fertigkeiten in der Muttersprache zu fördern, damit sie optimal ins Dänische hineinfinden", so Nielsen, für den das eine mit dem anderen zusammenhängt.

Dass er selbst Deutsch spricht, komme dem Austausch mit den Eltern dieser Kinder zugute, ergänzt der Kita-Leiter.

Die Stellenausschreibung für die Leiterposition in seiner alten Heimat Stübbek hatte ihm sehr zugesagt. „Gesucht wurde jemand, der Lust hat, den Kindergarten mit neuen Ideen weiterzuentwickeln und eigene Schwerpunkte zu setzen. Das war genau das, was zu mir passte“, sagt Nielsen. Wäre es die Ausschreibung eines deutschen Kindergartens gewesen, hätte er keinen Unterschied gemacht.

Allan Nielsen vor der Pinnwand mit Jahresplan. Koordinieren, planen, führen und die bestmöglichen Bedingungen für die Kleinen schaffen, das sieht der Kindergartenleiter als seine Passion.

Seit Oktober 2024 ist Allan Nielsen für die Stübbeker Einrichtung mit zwei Kleinkind- und drei Kindergartengruppen verantwortlich. Der Erzieher (pædagog), der für führende Positionen diverse Zusatzausbildungen drangehängt hat, war zuvor in einer Einrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene in Hadersleben (Haderslev) tätig und hatte dort bereits Leitungsfunktion. Von 2012 bis 2023 leitete er dann die Kindertagesstätte in Hammeleff (Hammelev), ehe der Wechsel in seine alte Heimat erfolgte.

Mitsprache und Eigenverantwortung

Er versuche, in Stübbek seinen Stempel aufzudrücken und eigene Vorstellungen in die organisatorischen Abläufe und in die pädagogische Arbeit einfließen zu lassen.

Für Nielsen ist aber auch Teamwork ein zentraler Faktor: „Ich delegiere viele Sachen an die Mitarbeitenden und lege Wert auf Eigenverantwortung. Die Kolleginnen und Kollegen sind gewissermaßen Miteigentümer der Einrichtung. Das motiviert und bringt uns und allen voran den Kindern viel.“

Das Wohlbefinden und die Entwicklung des Kindes stehen nun mal an erster Stelle.

Allan Nielsen

Wert legt Allan Nielsen zudem auf die interne Verständigung, auf die Kommunikation mit den Eltern und auf gegenseitiges Vertrauen. „Es gehen regelmäßig Mitteilungen heraus, und Eltern können sich jederzeit an uns wenden. Darüber hinaus finden Vorstandssitzungen mit der Elternvertretung statt. Wir haben eine sehr aktive Elternschaft, was für den gesamten Kindergarten sehr förderlich ist.“

Kindern das bestmögliche Umfeld bieten

Allan Nielsen auf der Schaukel, die normalerweise den Kindern vorbehalten ist. Schaukeln und andere Formen der Bewegung haben für den Kindergartenleiter beim täglichen Umgang mit den Jungen und Mädchen einen hohen Stellenwert.

Spricht man den neuen Leiter auf den praktischen Alltag an, auf die Abläufe im Hause, auf die pädagogischen Schwerpunkte und die vielen Sonderaktivitäten, dann sprudelt es nur so aus ihm heraus. Die Begeisterung für seine Arbeit und die Motivation, den Kindern ein bestmögliches Umfeld zu bieten, sind dem 50-Jährigen deutlich anzumerken. 

So auch bei einem Rundgang durch das Gebäude. Ganz entspannt geht er den Gang entlang, öffnet mit einem leisen Hallo die Türen und gewährt einen Blick auf die verschiedenen Gruppen. Die Kinder hocken vor den Erzieherinnen und hören ihnen ruhig und aufmerksam zu. Es ist gerade Stuhlkreiszeit, und man spricht über ein Thema. 

In anderen Räumen sitzen die Krippenkinder gerade vor ihrem Essen. Auch bei ihnen geht es im Austausch mit den Erzieherinnen und Erziehern ruhig und geregelt zu. Ganz im Sinne des neuen Leiters. „Wir haben tüchtige Mitarbeitende. Viele sind schon 20 Jahre oder länger im Haus.“

Wenn es nach Allan Nielsen geht, kommen viele weitere Dienstjahre dazu – zum Wohle der Kinder.