Heimatgeschichte

600 Gäste, Seifenspäne auf dem Tanzboden und große Gefühle am Wattenmeer

Veröffentlicht Geändert
Das frühere Strandhotel vor einigen Jahren

„Æ Klev“ war mehr als ein Hotel: Es war Treffpunkt, Tanzsaal und Dating-Ort der 1960er- und 1970er-Jahre. Erinnerungen an volle Säle, Musik und ein Familienunternehmen, das in Emmerleff-Kliff Geschichte schrieb, finden sich im neuen Jahresheft des Lokalhistorischen Vereins in Hoyer.

Legendär waren die Tanzbälle seinerzeit im Hotel in Emmerleff-Kliff (Emmerlev Klev) in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wattenmeer. Junge Menschen aus Nordschleswig kamen dort in den 1960ern und 1970ern zum Feiern zusammen und wurden aus verschiedenen Orten in Bussen angekarrt. 

Wer sich in die Zeit zurückversetzen und in Erinnerungen schwelgen möchte, hat dazu mit dem Jahresheft des Lokalhistorischen Vereins in Hoyer die Möglichkeit. 

Die drei Geschwister Dorthe und Ove Lyhne Kristensen und Christa Lyhne Abild gewähren unter dem Titel „Ein Hotelabenteuer in Emmerleff“ einen anschaulichen Einblick in ihr Leben und das ihrer Eltern Ethel und Jens Lyhne Kristensen. 

Ethel und Jens Lyhne Kristensen betrieben das Hotel von 1961 bis 1986. Im Volksmund erwarb es sich damals den Namen „Æ Klev“ oder „Æ Straand“ (mit langgezogenem A), und an der Westküste und auch am Mittelrücken wussten nahezu alle, wo es war. 

Für die feierfreudigen jungen Menschen aus der Mehrheitsbevölkerung und der Minderheit von damals ist es weiterhin ein Begriff. 

Als ein Westjüte nach Hoyer kam

Dabei lag es nicht auf der Hand, dass das Ehepaar mal ein Hotel besitzen würde. 

„Wer hätte gedacht, dass ein Junge von einer armen Häuslerstelle in Kvong in Westjütland mal gemeinsam mit seiner Ehefrau weit abseits von allem Bälle mit Tanz und guter Musik ausrichten würde? Dort, wo die Sturmflut gemeinsam mit großen Vogelschwärmen herrschte, lockten sie jeden Sonnabend und Sonntag viele junge Menschen an", geht aus den Erinnerungen hervor.

Während seine Frau aus Gramm (Gram) stammte, kam Jens Lyhne Kristensen im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft dort hin, um in der örtlichen Teppichfabrik zu arbeiten. 

Zuvor war er auf einem Bauernhof im Umfeld beschäftigt. Der Arbeit wegen verschlug es die Familie einige Jahre später nach Hoyer, wo Lyhne Kristensen dann in der dortigen Teppichfabrik beschäftigt war.

Ein Zuhause mit modernem Komfort

Seine Frau sorgte nicht nur für Haus und Familie, sondern war nebenbei als Heimschneiderin tätig. Ihr Nebenerwerb trug laut der Kinder sicher zum Bau des neuen Eigenheims am Nørrevej bei – mit allen damaligen Bequemlichkeiten wie Zentralheizung und einer Toilette mit Spülung. Die Kinder erinnern sich auch an die Sitz-Badewanne, in der sie alle drei einmal in der Woche geschrubbt wurden. 

Die Eheleute blickten zuversichtlich ins Leben und begegneten allem Neuen, wie dem Auto und dem Fernseher, aufgeschlossen und hatten beim Erwerb dieser Errungenschaften die Nase vorn.

Da die Teppichbranche nicht stabil war, suchte sich Jens Lyhne Kristensen gemeinsam mit einem Kollegen in Herning eine Arbeit und war nur an den Wochenenden im Marschenort.

Ein wegweisender Besuch

Eines Tages wurde der Uhrmacher Theodor Hyldtoft bei der Familie in Hoyer vorstellig und schlug ihr vor, den Sommerpavillon in Emmerleff mit fantastischem Blick über das Wattenmeer zu kaufen. Dieser Vorstoß führte dazu, dass Ethel und Jens Lyhne Kristensen das zum Verkauf angebotene Hotel von Mathias Hansen kauften. 

„Welche Veränderung“, beschreibt das Trio den Sprung in die Selbstständigkeit. Im neuen Zuhause gab es keinen Komfort. Kein Bad und keine Toiletten. Die öffentlichen Klos im Saal durfte die Familie nicht nutzen.

Der Herd wurde mit Kohlen befeuert, und es gab keine Kinderzimmer. „Es muss sehr schwer gewesen sein. Besonders für unsere Mutter. Wir Kinder haben sie aber nie klagen gehört.“ Nach und nach wurde jedoch renoviert und ausgebaut.

Pfingsten gab es einen außerordentlichen Run

Emmerleff-Kliff war auch Pfingstmorgen ein beliebtes Ziel. Die Tochter Christa, die beim Umzug neun Jahre alt war, erinnert sich, dass der Vorbesitzer ihren Eltern erzählt hatte, dass traditionell um die 20 bis 30 Personen zum Frühstück kommen würden. Es wurden aber weit mehr. Die Wirtsleute bestellten sicherheitshalber für 60 Menschen Brötchen. Letztendlich kamen aber ungefähr 200 Leute.

Der Pfingstmorgen erfreute sich über die Jahre großer Beliebtheit, und bei der Höchstmarke „pilgerten“ bis zu 600 Gäste nach Emmerleff-Kliff.

Anfang der 1960er-Jahre gab es sonnabends Vereinsbälle. Später liefen die Bälle in Regie der Wirtsleute. Nicht nur die jungen Musiker, sondern auch die tanzfreudigen Gäste kamen unter anderem aus Bredebro, Wiesby (Visby), Tingleff (Tinglev), Apenrade (Aabenraa), Hoyer und aus kleinen Ortschaften rundherum.

Eine ungewöhnliche Aufgabe für Tänzerinnen und Tänzer

So sah das Anwesen um 1964 herum aus.

Während die jungen Menschen tanzten, sich zuprosteten, schnackten oder flirteten, vertrieben sich viele Busfahrer und Taxifahrer die Wartezeit in der Küche bei Ethel Lyhne Kristensen. Dort gab es stets Kaffee, und in großen Töpfen wartete die Spargelsuppe. 

Die Tanzenden wurden für die Pflege des fantastischen Tanzbodens im Saal eingespannt. „In den Pausen ging unser Vater herum und streute Seifenspäne auf den Boden. Wenn das Tanzen wieder anfing, wurden die Seifenspäne von den Tanzenden in den Holzboden eingearbeitet. Den Tänzern gefiel das zwar nicht besonders gut, nach ein, zwei Tänzen war es aber vergessen“, schreiben die drei Geschwister. Es sei sogar ein Tanz nach der Tanzstätte benannt worden.

In einer Zeit, in der es keine gesetzlichen Restriktionen gab, wurde es mit 600 bis 700 Tanzfreudigen im Saal bald zu eng in der Bar, und es wurde laufend ausgebaut.

Eine Stätte mit Kultstatus

„Æ Klev” war der Dating-Treffpunkt der damaligen Zeit. Überall gab es viele heimatverbundene junge Leute, die es nicht in die Ferne zog. Nicht nur in der Landwirtschaft gab es viele Beschäftigte, sondern auch die kleinen Handwerksunternehmen, Geschäfte und Banken hatten Lehrlinge. 

„Das Potenzial, mit Tanzbällen Erfolg zu haben, war groß, wenn man den Jugendlichen Musik bot, die sie mochten. Das war auf ,Æ Klev’ der Fall“, heißt es in dem Beitrag. 

In den 1970er-Jahren wurden die Tanzfeste mit Wochenendaufenthalten und Veranstaltungen für 40-Jährige (de unge på fyrre) sowie mit Essen ergänzt.

Ära klang mit Tanzfest aus

Für das frühere beliebte Ausflugsziel hat es über die Jahre verschiedene Pläne gegeben (Archivfoto).

Das letzte Tanzfest stieg 1986 mit dem Verkauf des Hotels. Das ließen sich viele Gäste aus den Anfangsjahren nicht entgehen. Unter den Teilnehmenden waren gut und gerne 30 Paare, die sich seinerzeit dort kennen- und liebengelernt hatten. 

Über die Jahre hatten im Hotel auch viele – vor allem junge Mädchen und Frauen –  ihren Arbeitsplatz. Der Job als Türsteher sah auch etwas anders aus als in der heutigen Zeit. 

Die Männer, wozu auch der Großvater mütterlicherseits gehörte, sorgten in der Regel mit einem Gespräch für Ruhe und Ordnung. Wenn das nicht funktionierte, half meistens die Drohung, dass potenzielle Raufbolde am kommenden Sonnabend nicht hereingelassen werden würden. 

Das Hotel hat auch in Filmen eine Rolle gespielt. Somit wurde zum Beispiel eine Szene aus Erik Jepsens Film „Kunsten at græde i kor“ dort aufgenommen.

Ethel und Jens Lyhne Kristensen verkauften das Hotel an Dansk Hotelinvest ApS. Ethel verstarb 2002, ihr Mann 2012. 

Der Werdegang des Strandhotels seit 1986

• 1986 verkauften Ethel und Jens Lyhne Kristensen das Hotel an Dansk Hotelinvest ApS, eine Tochtergesellschaft der 6. Juli Banken.
• Das Hotel wurde an Grethe und Ralf Uerkvitz verpachtet.
• Beim Konkurs der 6. Juli Banken 1987 übernahm Sydbank das Hotel.
• Die Bank verkaufte es an Gurli und Andreas Svensen, Hoyer.
• Im Oktober 1989 übernahmen Pia und Albert Pedersen das Hotel.
• 2010 übernahm Peter Bergmann Linnet die Immobilie.
• Seit 2015 läuft das Anwesen in Regie von „Emmerlev Klev Strandhotel 2015 ApS“ mit  Peter Bergmann Linnet als Direktor und wird als großes Ferienhaus vermietet. 

(Quelle: Højeregnens Lokalhistoriske Forening)