Minderheiten in Europa

Nationalisten gehen in Spanien gegen Minderheitensprache vor

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Benidorm
Benidorm kennen viele als Badeort und Sinnbild für Massentourismus. In der Stadt – und vor allem im Umland – leben zugleich viele Menschen, für die das Valencianische die Muttersprache ist.

Valencianisch ist als Varietät des Katalanischen anerkannt. In den Schulen der Region war es lange Pflichtfach. Doch das ist nun vorbei. Aus dem Europaparlament kommt Unterstützung – allerdings auf leisen Sohlen.

In Spanien gibt es Streit ums Valencianische. Das ist die regionale Sprache in der Autonomen Gemeinschaft Valencia. Manche Menschen betrachten Valencianisch als eigene Sprache, andere als Teil des Katalanischen. Besonders Menschen, die gegen Katalonien und dessen Unabhängigkeitsbestrebungen eingestellt sind, wollen nicht, dass Valencianisch als Katalanisch bezeichnet wird. Denn dann, so fürchten sie, könnten sich auch die Menschen im Valencianischen Land katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen anschließen.

Ein neues Gesetz erschwert entsprechend nun den Fortbestand des Valencianischen.

Das Europaparlament hat sich eingeschaltet – mit der interfraktionellen Arbeitsgruppe traditionelle Minderheiten, nationale Gemeinschaften und Landessprachen. Dort wurde das Thema besprochen. Ihr Vorsitzender, der zugleich Präsident des Minderheitendachverbandes FUEN (Föderalistische Union Europäischer Nationalitäten) ist, scheut jedoch die politische Auseinandersetzung – und setzt auf Diplomatie. Das berichtet die Midas, ein Zusammenschluss europäischer Minderheitenmedien.

Valencianisch war lange verboten

Früher, während der Diktatur von Franco, die bis 1975 andauerte, war Valencianisch verboten. Auch durch Zuwanderung ging die Zahl der Sprecherinnen und Sprecher stark zurück. Heute wird Valencianisch vor allem entlang der Küste gesprochen, im Landesinneren und Süden dominiert das kastilische Spanisch. Viele Städte und Orte in der Region haben zweisprachige Namen, was auch auf Ortsschildern deutlich gemacht wird.

Die Organisation „Escola Valenciana“ setzt sich seit 1990 für die Förderung des Valencianischen ein. Sie besteht aus 26 Gruppen und will, dass Valencianisch in allen Lebensbereichen normal gesprochen werden kann. Seit 1982 ist Valencianisch neben Spanisch Amtssprache in Valencia. In Schulen gibt es seit den 1990er-Jahren zweisprachigen Unterricht. Eine Erfolgsgeschichte – bis jetzt.

Nationalkonservative sind gegen Minderheitensprachen

Valencianische Sprachgemeinschaft

Denn politisch gibt es inzwischen Gegenwind. Nach der Regionalwahl 2023 hat eine neue Regierung aus der Volkspartei und der nationalkonservativen Partei VOX die Führung übernommen. Die VOX ist gegen Sonderrechte für Regionen und gegen die Förderung anderer Sprachen als Spanisch. Ein erstes Gesetz der neuen Regionalregierung schaffte die Pflicht zum mehrsprachigen Unterricht ab. Dagegen klagen die Befürworterinnen und Befürworter des Valencianischen vor dem spanischen Verfassungsgericht.

Adriana Gil Puig gründete mit anderen eine neue Organisation, weil sie befürchtet, dass Valencianisch in den Schulen stark zurückgedrängt wird. Sie sagt, das neue Gesetz schade der Sprache. „Es handelt sich um ein unnötiges und aggressives Gesetz, wir müssen nun für etwas kämpfen, das wir schon hatten“, so Gil Puig bei der Sitzung der Intergruppe des Europaparlaments.

Viele Menschen unterstützen ihren Protest. Die Regierung sagt, sie wolle den Eltern mit der Abschaffung des Pflichtunterrichts in Valencianisch mehr Wahlfreiheit geben. Doch die Kritikerinnen und Kritiker sehen darin eine Einschränkung des Valencianischen. Denn wenn nicht mehr alle Kinder in der Region Valencianisch lernen, bedroht das die Existenz dieser Ausprägung der katalanischen Sprache.

Europaparlament: Unterstützung – aber mit Samthandschuhen

Unterstützung für sie könnte nun aus Europa kommen. Der Vorsitzende der bereits genannten Intergruppe, Loránt Vincze, der zugleich Präsident des Minderheitendachverbandes FUEN ist, unterstützt die valencianischen Organisationen. Er betont jedoch, dass alle Parteien zusammenarbeiten sollten, um Minderheitensprachen zu schützen. Politische Streitigkeiten hätten in der Arbeitsgruppe keinen Platz, so Vincze angesichts des Wahlerfolges vieler nationalistischer Parteien bei der Europawahl 2024 – der sich auch in der Intergruppe personell widerspiegelt.

Dass nationalistische Parteien und Politikerinnen und Politiker oft gegen Minderheitensprachen vorgehen, zeigt Forschenden zufolge, dass Sprache mehr ist als nur Kommunikation. Sie ist Teil der Identität und Kultur einer Region und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Nationalisten sehen dies als Gefahr für die Einheit der Bevölkerung eines Staates.