Gastbeitrag

„Wollen wir denn gar nicht lernen?“

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Büchereidirektorin Claudia Knauer warnt in ihrem Gastkommentar: Wer Geschichte verdrängt, riskiert die Zukunft. Ein grenzüberschreitendes Projekt zeigt, wie wichtig Erinnern und Zuhören heute sind.

Wenn man Vergangenheit nur als verschüttete Milch betrachtet, die man ohnehin nicht mehr in die Kanne zurückbekommt, dann hat man in der Gegenwart und der Zukunft ein Problem.

Was geschehen ist, hat entschieden Einfluss auf das, was jetzt ist. Das ist natürlich eine Binsenweisheit, die keiner Zeile bedarf. Eigentlich. Wenn man sich dann aber anschaut, wie viel vergessen, unter den Teppich gekehrt, ignoriert wird, anstatt daraus zu lernen, dann wird es durchaus gruselig.

In einem einmaligen Projekt, an dem dank einer Interreg-Unterstützung vier Büchereien in Nord- und vier in Südschleswig beteiligt sind, gibt es in diesem Frühjahr etliche Vorträge zum Thema „Die Fremden“. Das umfasst Schilderungen über die Flüchtlinge aus Ostpreußen, die in Nordschleswig strandeten, über das Leben in der Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg, über den Vater, der eine Nazi-Größe war, oder darüber, wie es sich anfühlte, als Ferienkind nach Dänemark verschickt zu werden.

Der Themenkreis ist groß, aber eines wird in jeder Veranstaltung deutlich: Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber es gibt Erfahrungen, die uns davor bewahren sollten, wieder auf großmäulige Populisten zu hören, die Keile in die Gesellschaft treiben, die einfache Lösungen präsentieren und den Graben zwischen „wir und die anderen“ immer weiter vertiefen wollen. Die demokratischen Werte, die wir für selbstverständlich gehalten haben, laufen Gefahr, massakriert zu werden.

Die Veranstaltung in unserer Zentralbücherei in Apenrade zum Thema „Flüchtlinge“, auf der Hans Christian Bock eindringlich von seinem elterlichen Bauernhof in Broacker berichtete, auf dem Flüchtlinge untergebracht wurden, erlangte noch eine zusätzliche Dimension durch die Worte von Carsten Lund. Er war bei Kriegsende 15 Jahre alt und Hitlerjunge in Tondern. Er hat geholfen, die Flüchtlinge an der Westküste unterzubringen, und er ließ keinen Zweifel zu: Hitler war ein Verbrecher, das Naziregime eine Unmenschlichkeit. Nie wieder darf es dazu kommen.

Wir haben nicht mehr viel Zeit, Menschen, die dabei waren und davon noch erzählen können, kennenzulernen. Wir sollten uns keine Chance entgehen lassen, gelebte Geschichte zu hören.

Genauso war es beim Vortrag des Haderslebener Mediziners Ernst August Hansen, der in Flensburg erzählte, wie es war, als Minderheit nach 1945 in Nordschleswig zu leben. Er führte anhand der Historie des Grenzlandes vor Augen, wie es dazu kam, dass Nationalgedanken zu Nationalismus wurden. Jetzt erleben wir nicht nur ein Miteinander, sondern fast schon ein Füreinander. Aber der Untergrund ist vulkanisch. Ein Populist auf dänischer Seite, eine Populistin auf deutscher und schon kann es auch hier wieder ganz anders aussehen. Umso wichtiger ist es, den Menschen, die aus eigener Erfahrung berichten können, zuzuhören und dann auch die richtigen Schlüsse zu ziehen. Am 4. Mai erfuhr Dänemark von seiner Befreiung, Deutschland am 8. Mai vor 80 Jahren. Es ist an der Zeit, sehr laut „Nie wieder“ zu sagen. Unsere Vortragenden haben mehr als deutlich gemacht, warum.