LEITARTIKEL

„Wo Dänemark von Deutschland lernen sollte“

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Von Microsoft abhängig: Warum wird die öffentliche Verwaltung des Königreichs noch immer von Tech-Giganten dominiert? In Schleswig-Holstein war das auch so – doch jetzt wird umgeschaltet. Cornelius von Tiedemann sieht großes deutsch-dänisches Potenzial im Hinblick auf IT-Kooperationen.

Wenn es ums Thema digitaler Fortschritt geht, hat sich der Blick seit Langem neidvoll von Süden nach Norden gerichtet. Doch in Sachen Datensouveränität und Unabhängigkeit von (amerikanischen) Tech-Giganten dreht sich der Spieß nun um. Schleswig-Holstein gibt dem digitalen Musterschüler Dänemark Nachhilfe.

Der mutige Schritt im Norden Deutschlands

Denn was in vielen dänischen Kommunen als unüberschaubar gilt, wird südlich der Grenze bereits umgesetzt. Das Bundesland will bis Oktober – wenn die Lizenzen auslaufen – Microsoft Office auf 70 Prozent seiner rund 25.000 Arbeitscomputer löschen und durch die von einer Stiftung in Deutschland betriebene Open-Source-Alternative LibreOffice ersetzen.

Unsere Nachbarinnen und Nachbarn gehen also deutlich weiter als wir in Dänemark. Wie wir berichteten, begegnet etwa die Verwaltung der Kommune Sonderburg (Sønderborg) einem Bruch mit US-Diensten mit Zurückhaltung – und wartet ab: „Wir analysieren fortlaufend unsere digitalen Werkzeuge und prüfen genau, mit welchen Partnern wir Daten teilen. Dabei achten wir nicht nur auf die Effizienz, sondern auch auf den Datenschutz und die Sicherheit“, heißt es abwiegelnd aus dem Rathaus.

Unterdessen ruft Schleswig-Holsteins Digitalisierungsminister Dirk Schrödter (CDU) in „Akademikerbladet“ die Verwaltungen in Dänemark zu mehr Chuzpe auf. „Es ist ganz einfach: Wenn wir in Schleswig-Holstein es können, könnt ihr es auch“, zitiert ihn das Mitgliedsmagazin der Akademikergewerkschaft DM (ehemals Dansk Magisterforening). Sein Ziel ist es, die öffentlichen Arbeitsplätze unabhängig von den Tech-Konzernen zu machen.

Dirk Schrödter
Dirk Schrödter ist international als Verfechter digitaler Unabhängigkeit bekannt.

Dänemarks Microsoft-Fesseln

Die Abhängigkeit von Microsoft und Co. kommt Dänemark nicht nur in puncto Datensouveränität teuer zustehen. Mehr als eine halbe Milliarde Kronen überwiesen dänische Kommunen 2023 an Microsoft – 70 Prozent mehr als noch 2018.

Die Kommunen haben sich komplett abhängig von dem US-Konzern gemacht – und der tut alles dafür, diese Abhängigkeit auszubauen. Vom Schreibprogramm bis zur Verwaltung der internen Kommunikation: Nichts geht mehr ohne Microsoft.

Dänemark – das digitale Vorzeigemodell?

Welche traurige Ironie, dass ausgerechnet das Vorreiterland Dänemark sich derart verritten hat. Seit Jahren führt das Königreich die UN-Rankings für digitale öffentliche Verwaltung („E-Government“) an. In keinem Land der Welt sind die Haushalte so gut (und schnell!) digital vernetzt, und nirgends ist die mobile Anbindung besser als in Dänemark.

Und keine andere Bevölkerung Europas vertraut ihren digitalen Gesundheitsdiensten mehr, als die Dänemarks. Plattformen wie sundhed.dk sind herausragende Beispiele für bürgernahe öffentliche Verwaltung: Einen Mammutanteil der Informationen, die ich über meine medizinische Versorgung benötige oder vermitteln möchte, habe ich mit dem Smartphone immer bei mir.

Der blinde Fleck

Doch das digitale Paradies ist auf unsicherem Grund erblüht. Es ist strittig, ob die derzeitigen Rahmen zwischen der EU und den USA wirklich sicherstellen, dass personenbezogene Daten nach dem Übermitteln auf amerikanische Server noch einen gleichwertigen Schutz wie innerhalb der EU genießen.

Gerade angesichts des politischen Windes, der derzeit in Washington weht, sind die Sorgen groß. Und für Unternehmen und Verwaltungen droht großer Aufwand: Denn sie sind dafür verantwortlich, dass die Daten ordentlich gesichert werden.

Vorbild Deutschland

Was lange belächelt wurde, stellt sich unterdessen heute als Vorteil für Deutschlands IT-Branche heraus: die ständigen Sicherheitsbedenken.

Dänemark mag digital vorangeritten sein – doch wenn es darum geht, die digitale Infrastruktur in Europa neu aufzubauen, haben in Deutschland zum Beispiel Unternehmen wie Nextcloud – im positiven Sinne – alternative Fakten zur US-Dominanz geschaffen. Wer auf european-alternatives.eu nach sicheren Alternativen zu den Angeboten der Tech-Giganten (vom E-Mail-Dienst über Call-Software bis zu Suchmaschinen) sucht, wird feststellen, wie vielfältig die Angebote aus dem deutschsprachigen Raum sind – und wie rar gesät dänische Lösungen.

Dass wir mit den Tech-Giganten „abrechnen“ müssen, das hat auch Dänemarks Digitalisierungsministerin Caroline Stage (Moderate) begriffen. Doch konkrete Maßnahmen fehlen bislang. Genau wie in Sonderburg, so wird auch in Kopenhagen stattdessen mit Staunen beobachtet, was die anderen machen.

Und dort, wo doch gehandelt und umgestiegen wird, ist die Technik dahinter nicht selten deutsch.

Wie „Akademikerbladet“ berichtet, sind in Aarhus mehrere Bereiche der Verwaltung von Microsoft zum deutschen Anbieter Hetzner gewechselt. Und das völlig problemfrei. Der Clou: Es spart sogar Geld. Viel Geld.

Dänischer Pragmatismus?

Eine Herausforderung ist es, dass die Microsoft-Pakete oft teuer erworben und auf viele Jahre angelegt sind. Doch oft ist es möglich, sich freizukaufen und schrittweise komplett umzustellen. Schnittstellen für den Übergang sind ebenso wenig Wunderwerke wie der Beschluss, es einfach zu tun.

Es kann doch nicht sein, dass der öffentliche Sektor, der dazu geschaffen ist, uns Menschen in einer Gemeinschaft zu dienen, unser Geld und unsere Daten in die USA überweist, anstatt in unsere Sicherheit zu investieren.

Ausgerechnet die ach so trägen Deutschen erweisen sich hier also mit ihren IT-Lösungen für Verwaltungen, Unternehmen und Privatpersonen als Garant dafür, dass der digitale Fortschritt in Europa und Dänemark nicht an den Sicherheitsbedenken gegenüber den USA scheitern muss. Im Gegenteil.

Für die deutsch-dänischen (Handels-)Beziehungen ist das Gold.

Denn Dänemarks IT-Infrastruktur und das Know-how hierzulande bieten auch deutschstämmigen Unternehmen perfekte Bedingungen. Bosch SDS hat etwa jüngst ein Büro in Kopenhagen eröffnet. Das Unternehmen fokussiert sich unter anderem auf zukunftssichere digitale Infrastrukturen für die Industrie.

Der sprichwörtliche dänische Pragmatismus sollte also so langsam auch mal im Bereich der Datensouveränität greifen. Dann kann ein deutsch-dänischer Schulterschluss vieles bewegen – in Europa und weltweit.