Diese Woche in Kopenhagen

„Wieso ‚größtenteils harmlos‘ während des EU-Gipfels ein Vorteil war“

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Obwohl Hauptstandkorrespondent Walter Turnowsky den EU-Gipfel in Kopenhagen nur am Rand verfolgt hat, prägte dieser dennoch seine Arbeit in dieser Woche in Kopenhagen. Die Sicherheitsvorkehrungen bedeuteten, dass auf „Borgen“ alles anders war als sonst.

„Mostly harmless“, also „größtenteils harmlos“. So wird der Planet Erde in dem intergalaktischen Standardwerk „Per Anhalter durch die Galaxis“ bezeichnet.

Bei den „erstaunlich primitiven“ Bewohnerinnen und Bewohnern des Planeten ist es etwas unterschiedlich, doch so einige von ihnen fallen auch in die „größtenteils harmlos“-Kategorie. Als zufällig gewähltes Beispiel können wir da den Autor dieser Zeilen nehmen.

Zumindest in der Darstellung des Generalsekretärs des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), Uwe Jessen. „Der tut nichts“, sagte er dem Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) bei einem Termin der BDN-Spitze mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Freundlicherweise fügte er noch ein „meistens“ hinzu, denn als Journalist empfinde ich die vermeintliche Harmlosigkeit nicht uneingeschränkt als ein Lob.

Was meine Gewaltbereitschaft anbelangt, stimmte es allerdings schon. Und darum ging es dem für Merz‘ Sicherheit verantwortlichen BKA-Mann ja. Er schien dann auch ganz beruhigt. Wohl auch, weil vor Uwes Bemerkung der Gesandte der Botschaft, Markus Bollmohr, ebenfalls für mich gebürgt hatte. Also keine hochnotpeinliche Sicherheitskontrolle des Herrn Walter Turnowsky.

Schutz vor den Unharmlosen

Allerdings gibt es – ich habe es bereits angedeutet – auch Erdenbewohnende, denen wir die weitgehende Harmlosigkeit nicht bescheinigen können. Bei einigen trifft „so überhaupt nicht harmlos“ schon eher zu. Einer von ihnen sitzt in Moskau.

Diese Tatsache ist den dänischen Behörden selbstverständlich mehr als bewusst. Und diese Unharmlosen möchten sie ebenso selbstverständlich gerne fernhalten, wenn sie eine ganze Reihe von Staats- und Regierungschefs zu einem EU-Gipfel einladen.

Sicherheitsring um Christiansborg

Eine Mail kündigte bereits am 20. August an, dass dies den Alltag für mich und die übrigen Christiansborg-Journalistinnen und -Journalisten beeinflussen würde. Eine Sicherheitszone soll am 30. September und 1. Oktober rund um die Schlossinsel etabliert werden.

Eine weitere Mail beschreibt am 29. September, was das im Detail bedeutet. Der Sicherheitsring wird am Dienstag um 15 Uhr aufgebaut. Am Mittwoch hat die Presse keinen Zugang zum Hauptgebäude von Christiansborg. Normalerweise können wir im ganzen Folketingsgebäude über die Gänge wandeln.

Probelauf

Zum Glück befindet sich mein temporäres Büro (mein eigentliches bekommt gerade neue Fenster) im ehemaligen Reichsarchiv auf der gegenüberliegenden Seite des Haupteinganges zum Folketing. Wie ich aus der Mail entnehmen kann, dürfen wir hier sein. Die normale Tür zum Schlosshof hinaus können wir jedoch nach Dienstag, 15 Uhr, nicht mehr benutzen.

Sicherheitshalber mache ich mich bereits am Montag auf, um zu untersuchen, wie ich dann ein- und ausgehen kann. Erst einmal die Treppe in den dritten Stock hinauf, dann mit meiner Zugangskarte die Tür zum Proviantgang öffnen, wo mein Büro sich normalerweise befindet.

Da komme ich jedoch wegen der Renovierungsarbeiten nicht durch und muss deshalb über eine Wendeltreppe wieder ein Stockwerk runter, den Gang entlang und dann ins Erdgeschoss (entweder über die Treppe oder mit dem Fahrstuhl), wo sich die Ein- und Ausgangsschleuse zum Garten der Nationalbibliothek befindet.

Aktion Radbefreiung

Ich fühle mich also gut vorbereitet, als ich am Dienstag Richtung Arbeit radele. Kurz vor der Ankunft versperrt dann plötzlich ein Zaun, Modell Musikfestival, die Straße. Die Behörden haben den Sicherheitsring dann doch bereits ein wenig früher aufgebaut. Auch die Straße, die um Christiansborg führt, ist abgeriegelt. Also geht es auf der anderen Seite des Kanals über Pflastersteine zum noch offenen Zugang zum Schlosshof.

Kurz nach Mittag möchte ich dann noch ein Foto von den ganzen Sicherheitsvorkehrungen machen, doch da ist meine Tür bereits gesperrt. Also wie bereits geprobt: Treppe rauf, Treppe runter, Gang entlang, Treppe runter und raus. Doch auch die Tore vom Bibliotheksgarten zum Schlosshof sind bereits zu. Und dort steht schließlich mein Fahrrad.

Also geht es die gut 500 Meter um den Gebäudekomplex herum. Vor dem Foto heißt es dann erst einmal, mein Fahrrad aus der Sicherheitsverwahrung zu befreien. Zum Glück kennt mich der Folketingswachmann (und schätzt mich wohl ebenfalls als größtenteils harmlos ein), der gemeinsam mit drei schwer bewaffneten Polizisten am Eingang zum Schlosshof steht. So komme ich nach Vorzeigen meiner Zutrittskarte zu meinem Rad.

Sicherheitskontrolle am Eingang zum Schlosshof.

Scharfschützen

Am Morgen darauf gelange ich über den bereits mehrfach beschriebenen Weg in mein Büro. Beim Haupteingang zum Folketing liegt kein roter Teppich, also werde ich durch mein Fenster wohl keinen Blick von Merz, Macron, von der Leyen und Co. erhaschen.

Am Vormittag habe ich noch Zeit, zu einer deutsch-dänischen Wirtschaftskonferenz bei Dansk Industri zu gehen. Im Bibliotheksgarten steigen gerade Polizeibeamtinnen und -beamte mit großen Plastikkoffern aus Kleintransportern mit verdunkelten Fenstern.

Blick aus dem Fenster: Schön beflaggt, aber kein roter Teppich

Sie zeigten auf hoch gelegene Standorte auf dem Schloss, wo sie sich positionieren sollten. Das ließ auf den Inhalt der Koffer schließen. Meine Vermutung bestätigte sich später: Auf dem Dach konnte ich Scharfschützen erkennen.

Macron is in the house

Vor dem Hauptsitz von Dansk Industri war auch überraschend viel Polizei. So hochrangig war die Wirtschaftskonferenz dann auch wieder nicht besetzt. Die Moderatorin erklärte gleich zu Anfang den Grund. Zeitgleich tagten unter anderem auch der französische Präsident Emmanuel Macron, EU-Präsidentin Ursula von der Leyen und Staatsministerin Mette Frederiksen in dem Gebäude. Während der anschließenden Pressekonferenz durften wir sogar den Saal nicht verlassen. Wer pinkeln musste, sollte es vorher machen.

Als ich mich auf den Rückweg machte, hatte die Polizei die normale Route gesperrt. Also schnell das innere GPS neu programmiert und dabei die weiteren Absperrungen berücksichtigt.

Hintergrundgespräch mit dem Kanzler

Als ich wieder im Büro war, konnte ich durch meine nicht ganz sauberen Fenster die von Motorrädern begleiteten Limousinen sehen. Angehalten haben sie im Schlosshof nicht. Die Staats- und Regierungschefs sind auf der anderen Seite neben dem Staatsministerium in den Prunksaal auf „Borgen“ gelangt. Dort drüben lag nämlich der rote Teppich – aber das hat wieder einmal niemand mit mir abgesprochen.

Abgesprochen war dagegen, dass ich am späten Abend noch an einem Hintergrundgespräch mit Friedrich Merz für deutschsprachige Presse teilnehmen konnte. Auch vor seinem Hotel wieder schwer bewaffnete Polizei. Ich konnte jedoch ohne Probleme bei der Tür hineinspazieren. Die Harmlosigkeit sieht man mir bereits an.

Die Limousinen rollen an

Alles wieder normal

Auch der BKA-Beamte, der vor dem Sitzungssaal noch einmal alle Identitäten überprüfte, ließ sich ebenso leicht von ihr, also der Harmlosigkeit, überzeugen – ich bin mir unsicher, ob es ohnehin derselbe war, wie der beim BDN-Treffen am darauffolgenden Morgen.

Nach der Begegnung des BDNs mit Merz warteten vor dem Hotel bereits die Polizeimotorräder auf ihn und weitere prominente Gäste. Doch diesmal ging es nicht in Richtung Christiansborg, sondern in die entgegengesetzte Richtung zum „Bella Center“, wo der erweiterte Gipfel am zweiten Tag stattfand.

So konnte ich ohne Behinderung zur Schlossinsel rollen und mein Büro wieder durch die gewohnte Tür erreichen. Ich hätte auch über die Gänge von „Borgen“ wandeln können – aber dafür war am Donnerstag nicht so richtig Zeit – und ohnehin auch wenig los.