Diese Woche in Kopenhagen

„What a wonderful world“

Veröffentlicht Geändert

Walter Turnowsky wollte in dieser Woche für seine Kolumne so gar nichts einfallen. Wie es am Ende dann doch gelungen ist, kann man hier nachlesen.

Da sitzt er nun, der Kolumnist (also ich), und überlegt, was denn in dieser Woche das Thema sein könnte. Ich bin an diesem Freitag mal ausnahmsweise nicht in Kopenhagen, sondern im Medienhaus in Apenrade.

Ich habe einen Platz an einem Schreibtisch gegenüber vom Kollegen Gerrit Hencke gefunden. Sehen kann ich ihn allerdings nicht, denn zwei Bildschirme versperren die Sicht. Dafür höre ich umso deutlicher, wie seine Finger bereits eifrig die Tastatur bearbeiten.

Er wird von meiner Tastatur nichts hören können, denn auf meiner Seite des Blindschirms wird noch nicht getippt. Dafür schweift mein Blick aus dem Fenster hinaus auf das Opnørhus schräg gegenüber. Doch dort ist auch kein Thema zu erspähen.

Es geht hier weniger um die Angst vor dem leeren Papier (beziehungsweise Bildschirm) als jene vor dem leeren Kopf. Dieser hat sich in dieser Woche nicht mit dem journalistischen Alltagsgeschäft beschäftigt, sondern mit etwas anderem. Was dies andere ist, verrate ich dir vielleicht noch später, falls ihm, also dem Kopf, sonst nichts einfällt.

Papst und Merz werden fallen gelassen

Doch erst einmal lasse ich mir die Ereignisse der vergangenen Woche durch den selbigen gehen. Da war die Wahl des Papstes. Als gebürtiger Österreicher ist mir ja der Katholizismus begegnet. Vielleicht fällt mir etwas Geistreiches zu dem Thema ein. Doch bei der eher bescheidenen Anzahl der Katholikinnen und Katholiken in der deutschen Minderheit, könnte es schwierig werden, den guten Leo für die Leserschaft des „Nordschleswigers“ interessant aufzubereiten.

„Was war noch?“, frage ich den Kopf, während Gerrit eifrig weiter tippt. Ach ja, Deutschland hat einen neuen Kanzler bekommen. Da könnte man ja etwas Gehässiges darüber schreiben, dass das lange genug gedauert hat und dann im ersten Wahlgang doch schiefgegangen ist.

Ich könnte mich über die langwierigen Koalitionsverhandlungen auslassen und mir und der Leserschaft (also dir) ausmalen, wie um jedes Komma gerungen worden ist. Kommas, die anschließend niemand mehr liest. Und daraufhin darüber ironisieren, dass der langwierige Prozess nicht gerade von einem großen Krisenbewusstsein unter den deutschen Politikerinnen und Politikern zeugt.

Aber letztendlich gefällt mir das Thema auch nicht. Die Kolumne könnte allzu leicht ins Besserwisserische abgleiten, und so etwas ist todlangweilig zu lesen.

Die Strategie des Aufschiebens

Zum Glück ist gleich Redaktionskonferenz und danach kommt mir mit Sicherheit die zündende Idee. Also trage ich meinen Kopf zunächst dorthin, dann hat er erst einmal etwas anderes zu tun.

So recht will er mir das jedoch nicht danken, denn auch danach bleibt die Leere. Allmählich ist später Vormittag und es bleibt immer weniger Zeit zum Schreiben.

Da ist es ein Segen, dass ich noch Workshops zur Videoproduktion mit der Kollegin Lene Neumann Jepsen planen muss.

Wir ziehen uns also in einen Sitzungsraum zurück und lassen uns in dem dort aufgestellten Sofa nieder. Lene hat den Entwurf für das Programm auf ihrem Laptop liegen und wir feilen erst an der einen Ecke, dann an der anderen. Reflektieren, planen, tauschen uns aus.

Den Kopf freut es, denn im Gegensatz zur Kolumne geht hier eindeutig etwas voran. Und so nähern wir uns allmählich der Mittagspause.

Bereits während ich am Vormittag begleitet von den Tipplauten aus dem Fenster starrte, überlegte ich, ob ich eine Kolumne darüber schreiben könnte, dass mir für die Kolumne nix einfällt. Ich hatte jedoch keinen Schimmer, wo so ein Text hinführen sollte.

Drei Tage auf dem Hausboot

Vielleicht hängt die (hoffentlich temporäre) Arbeitsverweigerung des Kopfes damit zusammen, dass er sich an den ersten drei Tagen auf einem Hausboot des Kopenhagener Stadtteils Christianshavn befunden hat. Während wir bei schönstem Sonnenschein auf dem Deck sitzen, schlendern Einheimische wie Touristen vorbei.

So einige lassen sich auch mit einem Bier nieder, um die Weltlage oder einfach auch nur die Pläne für das Wochenende zu erörtern. Eine Gruppe chinesischer Touristen gleitet in einem Boot der Kanalrundfahrt vorbei.

Nicht, dass du jetzt denkst, dass der Kopf und ich da auf dem Deck im Sonnenschein gefaulenzt haben. Im Gegenteil: Wir haben uns mit Kolleginnen und Kollegen darüber ausgetauscht, wie man Themen möglichst spannend erzählen kann. Mit anderen Worten, ich war auf Fortbildung.

Und jetzt, wo ich an die drei Tage zurückdenke, erscheint nicht nur das Erlernte auf dem inneren Bildschirm. Die Gedanken schweifen auch zu einer Reihe von Erzählungen, die uns begegneten.

Wundersame Erzählungen über das Tonband

Auf dem Kurs war der Podcaster Simon Adler dabei, der eine Serie über Tonkassetten produziert hat. Leserinnen und Leser meines Jahrgangs werden sich an die Dinger erinnern, die man mit einem Bleistift spulen musste, wenn sie sich vertüddelt hatten.

Wusstest du zum Beispiel, dass durch die Kassetten die Rockmusik nach China gelangt ist – gegen den Widerstand des Regimes? Ich wusste es nicht. Sie waren als Abfall zum Recycling dorthin geschickt worden.

Die kleinen Magnetbänder waren auch auf der ersten Mondreise dabei. Während Neil Armstrong und Edwin Aldrin über die Oberfläche des Mondes wanderten, schwebte der dritte Astronaut, Mike Collins, im Raumschiff um den Himmelskörper. Auf der Rückseite hatte er keine Funkverbindung zur Erde. Seine einzige Gesprächspartnerin war die Kassette.

Die fantastischen Erzählungen

Simon Adler hat auch Informationen darüber ausgegraben, wie die Magnetbänder Bing Crosby geholfen haben, die Erfindung des Heimcomputers zu ermöglichen und die Erzählungen eines geflüchteten Volks zu bewahren.

Es erinnert mich daran, wie viele fantastische, überraschende und ermunternde Geschichten es auf dieser wundervollen Welt gibt. Geschichten, die wir in so kleinen Gegenständen wie einer Tonkassette entdecken können und immer wieder erzählen sollten.

Das ist gerade in einer Zeit wichtig, in der die anderen, die düsteren und bedrohlichen Erzählungen so viel Raum einnehmen.