Leserinnenbrief

„Wer Minderheit nur unter dem Kostenfaktor betrachtet, springt entschieden zu kurz“

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Was ist ein „Minderheitenmensch“ wert – und lässt sich Vielfalt wirklich in Kronen oder Euro berechnen? Claudia Knauer hinterfragt eine Kostenrechnung, die den gesellschaftlichen und kulturellen Wert der deutschen und dänischen Minderheiten verkennt, und plädiert dafür, auch die „weichen Faktoren“ fair zu berücksichtigen.

In einem Vorabartikel zum „DK4“-Interview „Dansk-Tysk med Matlok“ auf der Webseite des „Nordschleswigers“ erläutert Minderheitenexperte und Gründungsdirektor der AP Møller-Skole in Schleswig, Jørgen Kühl, wie viel ein Minderheitenmensch südlich und nördlich der Grenze kostet. Er kommt dabei auf rund 28.000 Kronen oder 3.700 Euro pro Nase. Das ist nicht wirklich viel Geld, wenn man bedenkt, was der deutsche und der dänische Staat dafür bekommen: gut ausgebildete, zweisprachige Menschen, die in beiden Kulturen zu Hause sind, Toleranz von klein auf gelernt haben, die wissen, wie es sich anfühlt, Minderheit zu sein und sich auf beiden Seiten der Grenze und weltweit bewegen können. In seinem Leserbrief hat Peter Asmussen bereits darauf hingewiesen, dass zu solch einer Berechnung deutlich mehr gehören muss, denn „Minderheitenpolitik bewegt sich in einem hochkomplexen Feld gesellschaftlicher, historischer und politischer Parameter, das sich nicht auf einfache Pro-Kopf-Rechnungen reduzieren lässt“, so Asmussen.

Möglicherweise liegt es an der verkürzten Darstellung, aber es drängen sich bei der Berechnung, die in diesem Artikel genannt wird, Fragen auf: Was kostet denn so der durchschnittliche Däne oder Deutsche? Sind die Angehörigen der Minderheit per se teurer? Und wenn ja, warum? Wer ist Minderheit wo? Zählen unsere jungen Menschen, die jetzt etwa auf Seeland leben und arbeiten und Steuern zahlen, mit? Welche Parameter sind in die Berechnung eingegangen? Sicherlich, wie geschrieben, die Kosten zum Beispiel im Bildungssektor, die wegen der Zweisprachigkeit höher sind. Aber die gibt es auch in deutschen und dänischen Mehrheitsschulen mit hohem Migrantenanteil.

Aber werden auch, und wenn ja, wie, die >Gewinne< berücksichtigt, die – siehe oben und siehe Asmussens Leserbrief – entstehen, weil die Angehörigen der Minderheit vermutlich mehr und höhere Schulabschlüsse erreichen, da sie in unseren ausgezeichneten Minderheitenkindergärten und -schulen so gut gefördert werden? Das Deutsche Gymnasium für Nordschleswig erreicht mit schönster Regelmäßigkeit Spitzenwerte.

Solche Berechnungen lassen sich nicht nur unter dem Aspekt der Betriebswirtschaft anstellen. So etwas lässt sich schwerer erheben, denn es handelt sich um sogenannte „weiche Faktoren“. Aber wir können und dürfen sie nicht weglassen. Ähnliches hat Emma Holten in ihrem von Marieke Heimburger übersetzten Bestseller „Underskud“ auf Deutsch „Unter Wert“ für die Care-Arbeit geleistet, die meist von Frauen ausgeführt wird. Weil diese Werte so schwer zu fassen sind, lässt man sie in unseren fragwürdigen ökonomischen Berechnungsweisen gerne weg. Das darf nicht sein.

Aber sogar dann, wenn es wirklich hieb- und stichfest nachweisbar wäre, dass Angehörige der Minderheit auf den ersten Blick mehr kosten würden als Staatsbürger*innen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung in Deutschland oder Dänemark, wäre damit nichts über den Wert der Minderheiten für plurale Gesellschaften ausgesagt.

Wer Minderheit nur unter dem Kostenfaktor betrachtet, springt entschieden zu kurz.

Claudia Knauer
Kandidatin für den Hauptvorsitz des Bundes Deutscher Nordschleswiger
Jørgensgaard 28
6200 Aabenraa

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