Diese Woche in Ilulissat

„Warum wir Menschen aus Europa das grönländische Wort ,Sila’ lernen sollten“

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Wale beobachten: Es gibt schlimmere Arten, Wartezeit zu verbringen.

Walter Turnowsky arbeitet in dieser Woche von Grönland aus, wo er wetterbedingt festsitzt. Er überlegt, ob es uns nicht manchmal ganz guttut, darin erinnert zu werden, dass es Kräfte gibt, auf die wir keinen Einfluss haben.

Diese Zeilen schreibe ich in einem Hotel in Grönlands drittgrößter Stadt Ilulissat (5.000 Einwohnende). Eigentlich sollte ich ja in Kopenhagen sitzen.

Aber mit „eigentlich“ ist es in Grönland so eine Sache. Das „eigentlich“ in Europa eigentlich auch. Nur vergessen wir das nur allzu gerne. Grönland bietet Besucherinnen und Besuchern gerne einen Crash-Kurs zu dem Thema an.

Sturm über Westgrönland

Unser „eigentlich“ begann am Sonntagmorgen, als wir uns in Richtung Flughafen Ilulissat begaben. „Wir“, das sind zwei Freunde und ich. Als der versierte Grönlandreisende der kleinen Gruppe habe ich selbstverständlich vorher die Flugzeiten kontrolliert: Sieht alles bestens aus.

Das hatte sich alles während der 15 Minuten, bis wir im Flughafen waren, geändert. Auf der Anzeigetafel wurde ausschließlich „cancelled“ angezeigt. Ein Sturm wütete entlang großer Teile der grönländischen Westküste. Der Flugverkehr im gesamten Land war eingestellt worden.

Und damit war klar, dass wir uns die schönen Pläne, an diesem Tag über die Hauptstadt Nuuk nach Kopenhagen zu fliegen, abschminken konnten. Denn hier in der Arktis herrscht „Sila“, das Wetter. Da können wir Menschen uns noch so sehr einreden, wir würden die Welt beherrschen.

Die freundliche Dame am Check-in händigte uns Essengutscheine aus und bat uns zu warten, bis sie uns eine Unterkunft beschafft hatte. Da wir Gutscheine bis Montagabend erhalten hatten, war klar, dass „Sila“ uns wohl auch am kommenden Tag nicht wohlgesonnen sein würde.

Nun ist Ilulissat die Touristik-Stadt Nummer 1 des Landes. Im Sommer ist hier alles restlos ausgebucht. So hatte das Air Greenland-Personal alle Hände voll zu tun, um zu ermitteln, wo Unterkünfte frei wurden, weil die Gäste wegen des Sturms nicht anreisen konnten.

Studien im Flughafen

Mit anderen Worten: Wir mussten geraume Zeit im Flughafen warten. Wobei man sich bei Flughafen nicht Kastrup oder Fuhlsbüttel vorstellen sollte, sondern eher den Bahnhof Fredericia.

So blieb uns reichlich Zeit, soziologisch-psychologische Studien anzustellen. Ja, sie wurden uns geradezu aufgedrängt. Da war zum Beispiel die vierköpfige dänische Familie am Nebentisch. Die junge Frau um die 30 Jahre war so gar nicht zufrieden damit, dass ihnen ein Appartement angeboten wurde, das sie sich mit der älteren Generation teilen musste.

Nun, sie musste sich damit abfinden. Denn unter freiem Himmel ist es bei unter 10 Grad und bei strömendem Regen (40 Millimeter) dann doch nicht sonderlich gemütlich.

Ich will nicht behaupten, dass wir drei Freunde von der Situation unbeeindruckt waren. Aber es gelang uns relativ schnell, uns gegenseitig davon zu überzeugen, dass es wenig Sinn ergibt, sich über Sila aufzuregen. Mittlerweile stand endgültig fest, dass auch die Flüge am Montag abgesagt waren.

Die Bedeutung von „Sila“

Das war einer Frau aus Italien, die wie wir unter den letzten Wartenden war, nicht so ganz bewusst. Als ich ihr erzählte, dass es am kommenden Tag auch keine Flüge geben werde, fiel sie aus allen Wolken. In ihrer Muttersprache schimpfend, machte sie sich auf die Suche nach jemandem, den sie dafür verantwortlich machen konnte.

Sie wird diese Person nicht gefunden haben.

So erhielten wir alle in unserem Blitzkurs einen klitzekleinen Einblick in die Bedeutung des Wortes „Sila“, das nicht nur Wetter bedeutet. Vielmehr beschreibt es die gesamte Ordnung der Welt – im konkreten wie im spirituellen Sinne.

„Sila“ bezeichnet auch das Verhältnis zwischen den Menschen und der Natur. Und es beschreibt außerdem die Eigenschaft, klar zu denken und kluge Entscheidungen zu treffen.

Ob unsere Entscheidung, den Wartetag für eine Walsafari zu nutzen, nun klug war oder nicht, möchte ich nicht beurteilen. Faszinierend war es allemal. Ein Buckelwal-Weibchen mit ihren beiden Jungen kam ganz nah an unser Boot. Fast schien es, als wollten die beiden Kleinen (die so klein dann auch wieder nicht sind) uns mit ihren Brustflossen zuwinken.

Die Eisberge im Ilulissat Icefjord stoßen in 200 bis 300 Meter Tiefe auf Grund.

Erneute Verspätung

Am Dienstag hatten wir bereits eine gewisse Vorahnung – in Nuuk stürmte es erneut. Ein Flug nach dem anderen wurde abgesagt – und letztlich auch unser. Die drei stürmischen Tage haben den Flugplan dermaßen durcheinandergewirbelt, dass erst Freitag für uns Platz in einem Flugzeug nach Nuuk ist. Und am Sonnabend dann weiter nach Kopenhagen.

So arbeite ich also jetzt einige Tage mit Blick auf riesige Eisberge.

Wenn du diese Zeilen liest, befinde ich mich also möglicherweise auf dem Flug nach Nuuk, in Nuuk selbst oder irgendwo über dem Nordatlantik.

Sofern „Sila“ will.