Wort zum Sonntag

„Warum ist die Adventskerze rot – oder auch nicht?“

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Wie viel sagt die Farbe einer Adventskerze über unsere Erwartungen an Weihnachten aus? Pastor Axel Bargheer blickt zum Zweiten Advent zurück auf Kindheitstraditionen, entdeckt alte liturgische Bedeutungen neu – und zeigt, wie Farben unser Hoffen, Lieben und Warten prägen.

An den Adventskranz in meinem Elternhaus erinnere ich mich noch genau. Es war ein aus Tannengrün geflochtener Kranz, den meine Mutter selbst dekorierte. Dazu gab es einen roten Holzständer, eine gut dreißig Zentimeter hohe rote Stange mit einem breiten, runden Fuß und einer kleinen, eingekerbten Kugel an der Spitze. Durch diese Kerben liefen rote Bänder, mit denen der Kranz schwebend aufgehängt war. Die Kerzen waren rot, anders kannte ich es nicht; auch der Adventskranz in der Kirche meiner Kindheit hatte rote Kerzen.

Ich habe das nicht hinterfragt, das Grün der Zweige und das Rot der Kerzen waren für mich die Farben des Advents: Rot ist die Farbe der Liebe, das passt doch gut, schließlich gehen wir auf das Fest der Liebe zu. Gottes Liebe zu den Menschen wird sichtbar, wenn er als Mensch unter Menschen geboren wird. Und Grün ist die Farbe der Hoffnung: der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft, der Hoffnung auf Liebe, der Hoffnung auf Gott, der alles in seiner Hand hält. Ohne die Hoffnung, dass das, was jetzt nicht in Ordnung ist, besser werden kann, wäre vieles unerträglich. Hoffnung gehört zu den unverzichtbaren Teilen unseres menschlichen Lebens. 

Erst später entdeckte ich, dass es Adventskränze auch mit andersfarbigen Kerzen gab. In der kirchlichen Tradition ist Violett die Farbe des Advents. Da liegt es natürlich nahe, mit den Adventskerzen dieses aufzunehmen. Violett gilt als Farbe der Buße und der Besinnung, des Innehaltens und der Umkehr. Genau dafür stand die Adventszeit ursprünglich. In ihr bereiteten sich die Menschen auf Weihnachten und auf das Kommen Gottes vor. Das war Grund genug, in sich zu gehen, das Bisherige zu überdenken und für die Zukunft etwas zu verändern. Für den dritten Advent gab es auf dem Kranz allerdings oft eine rosafarbene Kerze, die die Vorfreude ausdrücken sollte. Das macht deutlich, dass diese besinnliche Zeit nicht bedrückend, sondern erwartungsfroh war.

Bei den allerersten Adventskränzen, die Johann Hinrich Wichern seit 1839 in seinem Waisenhaus für die ungeduldig wartenden Jungen aufhängen ließ, gab es für die Wochentage kleine rote und für die Sonntage große weiße Kerzen. Das Weiß symbolisiert natürlich Reinheit und Licht, spielt also darauf an, dass Jesus als Licht der Welt in unsere Dunkelheiten scheint.

Mit der Farbe unserer Kerzen wählen wir also auch ein Thema, das symbolisiert wird: Liebe, Besinnung, Hoffnung, Freude oder Licht, das in der Finsternis scheint. In diesem Jahr habe ich mich für grüne Kerzen entschieden, aber vielleicht gibt es irgendwann auch einmal einen vierfarbigen Adventskranz.

Axel Bargheer, Pastor der Deutsch Reformierten Kirche in Kopenhagen