Diese Woche in Kopenhagen

„Walters Wahltipp: der Negationstest“

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Derzeit wimmelt es nur so von politischen Parolen. Doch welche Botschaften verdienen es, dass Wählende sich näher mit ihnen befassen, und welche nicht? Kopenhagen-Korrespondent Walter Turnowsky hat eine Methode entwickelt, mit der sich in Sekundenschnelle die Spreu vom Weizen trennen lässt.

Auf dem Weg zur Arbeit radele ich täglich über die Dronning Louises Bro, die den Stadtteil Nørrebro mit der Kopenhagener Innenstadt verbindet.

Ich bin nicht die einzige Person, die das tut. Die Brücke hat den dichtesten Radverkehr der Stadt. Daher bleibt ein ganzer Tross auch allmorgendlich bei der (aus unerfindlichen Gründen immer) roten Ampel am Ende der Brücke stehen.

Das haben Menschen, die einem irgendetwas – zum Beispiel eine politische Meinung – andrehen möchten, durchschaut. Passen Radelnde nicht auf, wird ihnen schnell ein Flyer in die Hand gedrückt. Das hat in den vergangenen Wochen deutlich zugenommen, was wohl irgendwas mit der nahenden Kommunalwahl am 18. November zu tun hat.

Fehlendes Angebot für Unterstützende eines rassistischen Kopenhagens

Beim Rückweg am Nachmittag zerstreut sich die Fahrradmeute mehr. Eine Kleinpartei – der Name tut hier nichts zur Sache – ist deshalb auf die schlaue Idee gekommen, sich mit Schildern auf die Brücke zu stellen. 

Auf einem dieser stand kürzlich: „Rassismusfreies Kopenhagen.“ Sie setzen darauf, dass so einige der radelnden Nørrebroer denken werden: „Das ist doch eigentlich eine sympathische Botschaft.“ 

Dem radelnden Nørrebroer, der diese Zeilen verfasst hat, erging es jedoch ein wenig anders. Ich dachte, selbst in der reichhaltigen Auswahl an Parteien und Listen, die bei der Wahl in Kopenhagen auf dem Stimmzettel stehen, werden kaum welche dabei sein, die für ein rassistisches Kopenhagen eintreten.

So funktioniert der Negationstest

Der Grund: Ich habe  einen von mir entwickelten Test verinnerlicht. Von irgendjemandem (ich weiß nicht mehr von wem) habe ich nämlich einmal gehört, dass politische Standpunkte nur ernst genommen werden sollten, wenn es möglich ist, auf sinnvolle Weise die Gegenposition zu vertreten. Ansonsten sind es Wortblasen, die jeglichen Inhalt entbehren. 

Ich habe den Test den Negationstest genannt und kann ihn dir nur wärmstens weiterempfehlen (zumal er vollkommen kostenlos ist). Ermöglicht er doch in Sekundenschnelle, die politische Spreu vom Weizen zu trennen. Und da meist mehr Spreu als Weizen vorhanden ist, ist der Berg an politischen Aussagen, den du überblicken musst, sofort sehr viel überschaubarer geworden.

Test der Schleswigschen Partei

Falls du noch ein wenig Zeit hast, kann ich dir den Test an einer zufällig gewählten Partei demonstrieren. Die Schleswigsche Partei (SP) möchte zum Beispiel in Tondern (Tønder) „Politik mit Wirkung“ machen. „Politik ohne Wirkung“ wird niemand plakatieren. Wobei ich, bei näherem Nachdenken, einer solchen Liste eventuell sogar meine Stimme geben würde – alleine des Witzes wegen. 

Danach führt die SP Tondern aus, dass sie die Zusammenarbeit – unter anderem die grenzüberschreitende – gefördert hat und fördern möchte. Die Aussage kann den Test schon eher bestehen, auch wenn sie ein wenig konkreter sein könnte. 

In Apenrade (Aabenraa) tritt die SP für Klassengrößen unter dem Landesdurchschnitt ein. Es ist ein vollkommen legitimer Standpunkt, zu sagen, das Geld solle anders eingesetzt werden. Test bestanden. In Hadersleben (Haderslev): Umwandlung von leeren Büros in Wohnungen. Test bestanden. Sonderburg (Sønderborg): Eine neue Schule, die Alsundschule. Test bestanden.

Doch heißt es eben auch mehrfach: „Die Schleswigsche Partei ist eine Partei der Mitte, die Verantwortung übernimmt und Lösungen schafft, die vor Ort in Nordschleswig Sinn ergeben.“

Zwar verorten sich längst nicht alle Parteien in der Mitte. Doch auch am linken und rechten Flügel wird man vergeblich nach Parteien suchen, „die keine Verantwortung übernehmen und Lösungen schaffen, die vor Ort absolut sinnlos sind.“

Für die Wahl gerüstet

Wenn du dann mithilfe des Negationstests, die Aussagen sortiert hast, kannst du in die nächste Runde gehen. Sind die Versprechen konkret oder schwammig? Kann die Partei erklären, wie sie finanziert werden?

Vor allem aber: Bin ich mit der Politik einig oder nicht?

So gerüstet kannst du dann am 18. November ins Wahllokal schreiten – oder vorher bereits deine Briefstimme abgeben.