Gastkommentar

„Und ewig grüßt das Murmeltier“

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„Kunst darf vielleicht nicht alles, aber sie darf sehr viel“, schreibt Claudia Knauer in ihrem Kulturkommentar.

Wenn ich auf die Reihe meiner Gastkommentare zurückschaue, dann werde ich das Gefühl nicht los: Und ewig grüßt das Murmeltier. Ich wiederhole ein ums andere Mal: Kultur ist wichtig, Kultur kostet Geld, ja, aber das ist sinnvoll ausgegeben – wie auch Leif Curdes von der Schleswigschen Partei im Kommentar vergangene Woche als junger Mensch richtig betonte. Ohne Kultur geht unsere Gesellschaft den Bach runter und dabei ist damit alles gemeint: die Band, das Buch, die Veranstaltung, die Lesung, die Ausstellung, der Comic, das Game, der Manga, Theater, Oper, Musical, Rock, Pop, Folk …

Nicht umsonst machen sich rechtsradikale bis -extreme Politiker/innen über die Kultur her, mischen sich in den Bestandsaufbau in Bibliotheken und in Spielpläne der Theater ein. Hier werden Narrative geschaffen und ein Boden gedüngt, auf dem nur noch gedeihen soll, was dem teils völkischen Gedankengut zupasskommt.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums – wenn diese aus dem ersten gesamtdeutschen Parlament in der Frankfurter Paulskirche 1848 geborene Einteilung noch Sinn ergibt – stehen diejenigen, die extrem laut proklamieren, dass zum Beispiel kulturelle Aneignung ein Übel ist, das es auszurotten gilt. In einer gesellschafts- und nicht nur kulturpolitisch wichtigen Lesung mit Feridun Zaimoglu, Ehrenprofessor des Landes Schleswig-Holstein, jüngst im Apenrader Ruderverein (wegen des Umbaus im Haus Nordschleswig bekamen die Literatur-AG des Kulturausschusses des Bundes Deutscher Nordschleswiger und die Zentralbücherei dort „Asyl“) wurde ein Schlaglicht auf die Situation von Schriftstellern/innen geworfen. Wer, wie Zaimoglu, die „Geschichte der Frau“ schreibt, muss sich vorwerfen lassen, dass er davon als Mann gar nichts wissen kann. Doch genau das kann er, weil er Kunst schafft, weil er sich den Figuren, ob Frau, ob Luther, ob Hitler anverwandelt.

Genau solche Kunst wird auch geschaffen, wenn eine Heterofrau eine Lesbierin spielt oder ein Afrikaner einen weißen Schauspieler. Wir dürfen auch darüber diskutieren, wer Frau, wer Mann ist, was Frausein bedeutet und was Mannsein – solange wir unser Gegenüber als Mensch respektieren. Kunst darf vielleicht nicht alles, aber sie darf sehr viel. Wenn wir sie – egal von welcher Seite – einschränken, werden wir bald ganz große Probleme haben. Mit der Freiheit zum Beispiel. Und das wollen wir nicht noch einmal erleben.