Diese Woche (etwas südlich) von Kopenhagen

„Und Anna Lea Leth Schmidt hat doch recht“

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Mit einem – überspitzten – Kommentar über zu viele ältere Menschen in der Kommunalpolitik hat die Kandidatin der Jungen Spitzen so einige Aufregung auf Facebook verursacht. Der Boomer Walter Turnowsky stimmt ihr jedoch zu, und argumentiert, dass allein die Reaktionen Leth Schmidt recht geben.

Boomer sind häufig sehr gut darin, sich schnell eine Meinung zu bilden und so dann ebenso schnell kundzutun – ob sie nun irgendjemand darum gebeten hat oder auch nicht.

Worin sie häufig weniger gut sind, ist im Zuhören. Und wenn das Gesagte von jungen Menschen kommt, treten beide Eigenschaften noch einmal deutlicher zum Vorschein. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin selbst Boomer (eine Person aus der Babyboom-Generation). 

Wie das funktioniert, konnte ich in dieser Woche sehr schön auf der Facebook-Seite des „Nordschleswigers“ beobachten (wobei, so richtig schön war es eigentlich nicht). Die Kandidatin der Jungen Spitzen, Anna Lea Leth Schmidt, wird in einem von uns produzierten Video gefragt, was ihre „unpopular Opinion“ (Übersetzung für Boomerinnen und Boomer: unpopuläre Meinung) ist. Sie antwortet, dass Menschen über 65 nicht im Kommunalrat sitzen müssen.

Ein Lob für die Schlagfertigkeit der Kandidatin

Dieser Satz hat es in die ursprüngliche Überschrift des Artikels geschafft und führte offensichtlich bei so einigen zu der bereits erwähnten schnellen Meinungsbildung, die jene dann auch sofort auf Facebook der großen, weiten Welt mitgeteilt haben. Diese Meinungen als „differenziert“ zu bezeichnen, würde der gängigen Bedeutung des Wortes nicht so ganz entsprechen.

An dieser Stelle möchte ich zur Verteidigung meiner Generation einschieben: Die meisten sind keine Tastaturkriegerinnen oder -krieger. Aber einige eben doch.

Wer von ihnen sich nun tatsächlich das gesamte Video angesehen hat, die oder der hätte entdecken können, dass Leth Schmidt auf eine ganze Reihe von Fragen in Sekundenschnelle kurz und bündig antworten musste. 

Und selbst in dieser Situation ist ihr ein Satz eingefallen, der mehr als nur einen Kern an Wahrheit umfasst. Statt über sie herzufallen, sollten jene mit den schnellen Meinungen sie für ihre Schlagfertigkeit loben. Dies sei hiermit zumindest von meiner Seite getan.

Kaum junge Menschen in den Kommunalräten

Mein Tipp, liebe Mit-Boomerinnen und Mit-Boomer (es betrifft letztere stärker als erstere): Wischt euch zunächst einmal den Schaum vom Mund – der ist wirklich nicht sonderlich kleidsam. 

Geht danach auf die Internetseiten der vier nordschleswigschen Kommunen und zählt nach, wie viele Fotos von Menschen unter 30 Jahren ihr unter den Abgeordneten entdeckt. Ich kann schon einmal so viel verraten: Ihr werdet nicht lange zählen müssen.

Dabei kann die Politik sehr wohl mehr junge, engagierte Menschen vertragen. Von ihnen kommen häufig die frischen Impulse und neuen Ideen. Ältere Menschen sind häufig besser darin, alles so zu belassen, wie es ist – oder sogar den „guten alten Zeiten“ hinterherzuweinen. 

Boomer: Bitte Platz machen

Damit die Jüngeren zum Zuge kommen, müssen wir Boomer ihnen auch mal den Platz einräumen und eventuell sogar überlassen. Und nichts anderes besagt der Satz von Leth Schmidt, wenn man sich die Mühe macht, ein wenig über ihn nachzudenken. Ja, er ist in der Schnelle ein wenig überspitzt ausgefallen, aber das, meine Damen und Herren, solltet ihr schon einmal aushalten können. 

Die Reaktionen auf Facebook belegen an sich schon, wie präzise der Kern der Aussage ist. Ganz offensichtlich hat sie einen wunden Punkt getroffen. Schade, liebe Boomerinnen und Boomer, dass ihr das nicht anerkennen wollt – mit euren Ergüssen ermuntert ihr nicht gerade junge Menschen dazu, sich an eurer Seite gesellschaftlich und politisch zu engagieren. 

Die Solidarität der Chefin der Jungen Spitzen

Genau darüber macht sich auch die Vorsitzende der Jungen Spitzen, Wencke Andresen, Sorgen. In einem Leserbrief erinnert sie daran, dass Leth Schmidt nicht die einzige der sechs Kandidatinnen und Kandidaten der Jugendpartei ist, denen ihr Alter zum Vorwurf gemacht wird. Dass auch „Der Nordschleswiger“ dabei einen Seitenhieb abbekommt, tut uns nur gut.

Andresen stellt sich zu 100 Prozent hinter die sechs jungen Leute auf den Listen der Schleswigschen Partei und erklärt sich stolz auf das, was diese „geleistet haben und leisten werden“. Das kann sie auch getrost sein – und im Übrigen auch über sich selbst. Von ihrer uneingeschränkten Solidarität könnten sich so manche, die sich weiser wähnen, ein oder zwei Scheiben abschneiden. 

Anna Lea for the Kommunalrat

Sollte Anna Lea Leth Schmidt also – wider Erwarten – ihrem Vater Carsten das Mandat abluchsen, würde ich persönlich mir keine Sorgen um die Kommune Hadersleben machen. Im Gegenteil: Das Schlimmste, was passieren könnte, ist, dass ein wenig frischer Wind in den Kommunalrat kommt. Und das hat noch nie geschadet.

Habe ich mit dieser Kolumne nichts anderes erreicht, als meinerseits die eine oder den anderen aufzuregen, so bin ich schon ganz zufrieden. Mit etwas Glück könnte es das Kreuzfeuer ein wenig von den Jungen Spitzen ablenken. Kleiner Tipp für das Schreiben von aufgeregten Kommentaren: Sätze wie „Was mischt sich der Kopenhagener da ein?“ kommen immer gut.