Kommentar

„Über Problemdrosseln und Männer in kurzen Hosen“

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Der Wechsel zur Frühjahrskollektion steht an. Doch der Anorak von Journalist Helge Möller wandert nach der Wäsche nicht in den Schrank. Und andere lassen sich vom kalten Nordost nicht abschrecken.

Es war nur ein kurzes Stück Weg, doch er schaffte ihn nicht. Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen: ein sonniger Märztag, warm, gepaart mit einem leichten, angenehmen Lüftchen. Sprich: Zeit für eine Anpassung der Oberbekleidung und einen Wechsel zur Frühjahrskollektion.

So wanderte der Anorak erst in die Wäsche und dann auf den Heizkörper. Der Plan war, ihn von dort den kurzen Weg in den Schrank zu transportieren, für die kommenden Monate. Anorak-Sommerferien. Doch dazu kam es nicht. Mit 85 Prozent Trocknungsgrad musste er anderntags schon wieder dienen, als Bollwerk gegen Kälte und gegen den steifen Nordost, der jeden Hauch von Frühling über den Atlantik blies.

Aber: Nicht alle Menschen lassen sich den Frühling durch die Lappalie Wetter vermiesen. Auf dem Weg in die Stadt schlenderte ein junger Mann in kurzen Hosen und einem Dosenbier in der Hand in selbige Richtung. Frühling ist, was man daraus macht. Auch, wenn eher Punschwetter ist.

Wie Männer in kurzen Hosen lässt sich auch die Sonne nicht aus ihrer einmal ins Auge gefassten Bahn bringen und geht planmäßig immer früher auf. Das hat Folgen: Immer mehr Lebewesen stehen immer früher auf, beispielsweise Vögel.

Vor Jahren gab es einmal einen Bären namens Bruno, der keine Scheu vor Menschen hatte, der Schafe und Hühner riss und schließlich durch Jägershand seinen Tod fand. Beim heftig ausgeführten Schlagabtausch zwischen Freunden und Gegnern des Bären erblickte ein neues Wort das Licht der Welt: Problembär.

Wie wäre es mit Problemdrosseln? Immerhin können sie laut Medienberichten mit 100 Dezibel die Lautstärke eines Presslufthammers erreichen. Und wer will schon morgens um 6 Uhr einen Presslufthammer hören?

Andererseits: Der Ton macht die Musik. Immerhin ist der Song der Drossel melodiös und nicht so monoton wie der eines Presslufthammers. Und die armen Vögel, sie alle müssen derzeit ackern. So schön das Vogelkonzert in geeigneter Entfernung auch ist, es geht um die Verteidigung des eigenen Reviers und die Gewinnung von potenziellen Ehepartnern. Alles stressige Angelegenheiten und dann noch der Lärm der Stadt. Kein Vogel singt im November, nur wenn er muss – im Frühjahr.

Ein beflügeltes Leben ist also auch nicht immer beschwingt. Immerhin lassen sich die Flügel nutzen, um mit einem plötzlichen lauen Lüftchen in wärmere Gefilde zu entfliehen, wenn die Zeit gekommen ist. Uns bleibt meist nur, den Anorak aus den Sommerferien zu holen.