Leitartikel

„Stifte dort Frieden, wo du Frieden stiften kannst“

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Die Entwicklungen in der Weltpolitik können wir nicht so schnell ändern, aber wir können vor Ort etwas tun, schreibt Journalist Gerrit Hencke in seinem Leitartikel. Denn nur ein Füreinander macht uns als Gesellschaft stark – egal ob Mehrheit oder Minderheit.

„Wir sind im Krieg“, sagte Donald Tusk in dieser Woche angesichts der zahlreichen Drohnensichtungen in EU-Ländern in den vergangenen Tagen und Wochen. Es sei ein neuer, anderer Krieg, ergänzte er. Dass sich die Weltlage verändert, bemerken wir auch in Nordschleswig. Hier flogen in den vergangenen Tagen vermeintlich russische Drohnen über Flugplätze – unter anderem in Skrydstrup, wo F-16- und F-35-Kampfjets ihre Basis haben.

Dienstag drehte ein amerikanisches Militärflugzeug seine Runden über Nordschleswig. Von der Fighter Wing Skrydstrup hieß es, es handele sich um eine Übung, bei der die Luftbetankung ausprobiert wurde. An der deutsch-dänischen Grenze wurde die Überwachung in dieser Woche angesichts des EU-Gipfels in Kopenhagen verstärkt – erstmals seit mehr als einem Jahr musste ich meinen Ausweis vorzeigen, als ich auf dem Weg ins Büro war.

Zwischen Autokraten und Rechtsruck

Es sind verrückte Zeiten, in denen wir leben. Ein russischer Präsident testet mit Kalkül die Reaktionsfähigkeit der Nato. Europa ist bemüht, sich angesichts der Bedrohungen möglichst schnell verteidigungsfähig zu machen. Dann ist da noch ein US-Präsident, der amerikanische Generäle und Admiräle auf einen „Krieg im Inneren“ einschwört und eine autoritäre Agenda, eine ideologische Wende im Militär vollziehen will. So werden beispielsweise alle Programme für Gleichstellung und gegen Diskriminierung beendet.

In Europa driften gleichzeitig einige Staaten weiter nach rechts – unter anderem Dänemarks wichtigster Handelspartner Deutschland, wo die erwiesen rechtsextreme AfD immer stärker Zuwächse verzeichnet und Migration – nicht nur von ganz rechts – als Wurzel allen Übels propagiert wird. Toleranz, Vielfalt, Gleichberechtigung und sogar Umweltschutz werden systematisch kritisiert.

Veränderte Stimmung auch in Nordschleswig

Diese Entwicklungen sind hier im Grenzland bisher nur in Maßen zu beobachten. Sicher, die Beleidigungen und Anfeindungen im Kommunalwahlkampf, etwa gegen die SP-Politikerin Dorthe Andresen, zeugen von einer veränderten Stimmung auch hier im Landesteil. Es fallen Begriffe, bei denen man dachte, sie gehörten der Vergangenheit an. Auch Vandalismus und ein Hakenkreuz am Deutschen Kindergarten Rapstedt sorgten in den vergangenen Tagen für Aufsehen – und für Kritik aus Minderheit und Mehrheit.

Doch noch leben wir hier auf einer Insel der Glückseligen. Wie friedliches und respektvolles Zusammenleben funktioniert, erlebe ich tagtäglich auf beiden Seiten der Grenze. Nicht zuletzt Projekte wie „Team Grænzland“ tragen zu Toleranz und einem Füreinander bei. Erst gestern saß ich beim Elternabend in der dänischen Schule, auf die meine Tochter in Flensburg geht, und dachte: Wie toll ist es, dass sie in Frieden aufwachsen und mit zwei Sprachen und zwei Kulturen im Herzen groß werden kann und dabei von so engagierten Menschen begleitet wird.

Mut und Zuversicht leben

Ja, die Zeiten sind kompliziert. Die Nordschleswigerinnen und Nordschleswiger, die Menschen im Grenzland, sollten dennoch ihren Mut und ihre Zuversicht nicht verlieren. Ein Leitsatz, den ich mir immer wieder sage, ist: Wo du Frieden stiften kannst, stifte Frieden. Denn der fängt im ganz Kleinen an – zu Hause, im Straßenverkehr, an der Supermarktkasse, aber auch im Netz. Helft Menschen und lasst sie nicht allein. Widersprecht Hass und Hetze, zeigt Zivilcourage, steht füreinander auf und deeskaliert, wo ihr könnt. Die Weltpolitik können wir nicht so schnell ändern, aber wir können vor Ort etwas tun. Denn nur ein Füreinander macht uns als Gesellschaft stark – egal ob Mehrheit oder Minderheit.