Leitartikel

„Sprachencharta: Nach den schönen Worten muss nun gehandelt werden“

Veröffentlicht Geändert

Minderheitenpolitik: Dänemark erweitert seine Verpflichtungen der Sprachencharta. Warum dies allein nicht reicht, kommentiert Chefredakteur Gwyn Nissen in seinem Leitartikel.

Mehr Rechte für die deutsche Minderheit in Dänemark. In Tagen, in denen dänische Politikerinnen und Politiker alle Hände voll zu tun haben, um das Königreich zusammenzuhalten, ging diese positive Nachricht fast unter. Doch Außenminister Lars Løkke Rasmussen (Moderate) und sein Minister- und Parteikollege Jakob Engel-Schmidt ließen es sich nicht nehmen, mitten im Grönland-Trubel lobende Worte an die Minderheit in Nordschleswig zu richten.

Vielleicht passte es sogar ganz gut zum Thema, dass Dänemark unter dem Druck des amerikanischen Präsidenten Donald Trump endlich im eigenen Land Flagge zeigt und der deutschen Minderheit mehr Rechte einräumt. Irgendwie passt es in die Zeit – und ist auch an der Zeit.

Denn Dänemark hat bei der Umsetzung der Europäischen Sprachencharta von 1992 getrödelt. Mehr als das: Die deutsche Minderheit ist, was schriftlich festgehaltene Rechte angeht, vernachlässigt worden. Erst im September 2000 hat Dänemark die Sprachencharta ratifiziert – und ist dabei nur das Minimum an Verpflichtungen eingegangen, nämlich 35 von 67.

Sogar Ungarn und Rumänien sind mehr Verpflichtungen eingegangen, wobei es natürlich nicht nur darum geht, was auf dem Papier steht, sondern auch darum, wie es umgesetzt wird. Und da kann die deutsche Minderheit in Dänemark von Glück reden, dass sie in einer Vertrauensgesellschaft lebt, in der Politikerinnen und Politiker stets ein offenes Ohr für die Herausforderungen der Minderheit hatten.

Nun kommen elf neue Verpflichtungen für Dänemark hinzu. Endlich, denn die Minderheit, allen voran der Leiter des Sekretariats der deutschen Minderheit in Kopenhagen, Harro Hallmann, pocht seit fünf Jahren darauf, dass die Sprachencharta erweitert wird. Und an dieser Stelle sei verraten: Der Sekretariatsleiter war sowohl wütend als auch verzweifelt und enttäuscht. Zu Recht.

Die Charta ist nämlich ein wichtiges Werkzeug, um die Rechte der Minderheiten zu sichern und zu unterstützen. Doch das Nachreichen der neuen Verpflichtungen allein verschafft der deutschen Minderheit noch keine Vorteile.

Die neuen – und die alten – Verpflichtungen müssen jetzt vor allem von den vier nordschleswigschen Kommunen umgesetzt werden. Und das, so zeigen die Erfahrungen der vergangenen Jahre, war nicht immer leicht.

Ja, es geht der deutschen Minderheit in Nordschleswig gut. Im Vergleich zu anderen Minderheiten in Europa sind wir geradezu privilegiert. Aber es geht eben noch mehr – als Schutz und als Anerkennung der einzigen autochthonen Minderheit im Lande.

Das weiß auch das sozialdemokratische Folketingsmitglied Jesper Petersen aus Hammeleff (Hammelev), der als Vorsitzender des Folketingsausschusses für die deutsche Minderheit dem Kulturminister in einer parlamentarischen Anfrage eine Reihe von Fragen zur Umsetzung der Sprachencharta gestellt hat.

Sicherheitshalber, damit nicht wieder ganze Jahre verstreichen, bevor die Minderheit etwas von ihren Rechten hat.