Wort zum Sonntag

„Spaziergang mit offenen Sinnen“

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Ein ganz gewöhnlicher Spaziergang – und doch voller leiser Wunder. Was passiert, wenn wir unsere Sinne öffnen und den Alltag achtsam wahrnehmen? Pastor Ole Cramer lädt dazu ein, Gottes Spuren im Kleinen zu entdecken.

Es ist morgens, ein ganz normaler Wochentag. Aus einem Impuls heraus beschließe ich, heute keine Kopfhörer beim Hundespaziergang aufzusetzen. Die Sonne scheint, es ist fast windstill.

Ich nehme mir vor, ganz besonders achtsam zu sein auf alles, was mir bei der eigentlich so routinierten Runde begegnet. Die Vögel singen, die Schulklingel der dänischen Schule läutet zum Unterrichtsbeginn. Zwischen alten Zweigen, die am Boden liegen, schauen Schneeglöckchen und Krokusse heraus. Ich höre im Osten einen Güterzug rattern, es klingt, als ob die Bahnlinie in unmittelbarer Nähe wäre. Eine Frau, die vor mir geht, bleibt unvermittelt stehen und schaut auf ihr Mobiltelefon. Der Teich liegt spiegelglatt da, es weht tatsächlich kein Wind.

Irgendwo arbeitet jemand mit einer Motorsäge, das laute Geräusch und die stille Teichoberfläche wollen nicht so recht zusammenpassen. Ein kurzes Gespräch mit einem anderen Hundebesitzer, die Hunde beschnüffeln sich und weiter geht es. Im Stadtwäldchen sehe ich aus dem Augenwinkel heraus ein Eichhörnchen einen Baumstamm hochflitzen. Zum Glück hat mein Hund es nicht bemerkt, das hätte einen ziemlichen Ruck in der Leine gegeben. Neben einem alten Baumstamm wachsen auch Krokusse, mitten im Wald. Ob dort wohl jemand einmal Blumenzwiebeln eingegraben hat - oder warum wachsen sie dort? Meine Gedanken kommen ins Fließen, und ehe ich mich versehe, bin ich wieder zu Hause.

Es ist Passionszeit und manche Menschen beteiligen sich in dieser Zeit auf die eine oder andere Weise an der Aktion „Sieben Wochen ohne“. Ich muss zugeben, ich habe es dieses Jahr verpasst. Aber sie dauert ja noch vier Wochen. Ich nehme mir vor, dass es vier Wochen mit besonderer Aufmerksamkeit und Achtsamkeit werden sollen: Achtsamkeit auf Menschen um mich herum, Achtsamkeit auf das, was mir beim Spaziergang begegnet, Achtsamkeit auf Spuren Gottes. Ich glaube, wenn ich mit offenen Augen, Ohren und geschärften Sinnen durch die Welt gehe, lässt sich vieles entdecken. Wie passend, dass der 3. Sonntag der Passionszeit „Okuli“ heißt. Er verdankt seinen Namen folgenden Worten aus Psalm 25: „Meine Augen sehen auf den Herrn“. Vielleicht mögt Ihr Euch ja einladen lassen, die Augen zu öffnen und unsere alltägliche Sichtweise und Gottes Gegenwart neu zu bedenken. Das funktioniert auch bei einem ganz alltäglichen Spaziergang.

Einen gesegneten Sonntag wünscht

Pastor Ole Cramer, Tingleff