Leserinnen- oder Leserbrief

„Schuss und weg“

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Unsere Leserin Nathalie Engel-Arlt findet, dass Kritik konstruktiv geäußert werden sollte. Das Verhalten mancher, auch in der Minderheit, findet sie nicht nur in Wahlkampfzeiten unangebracht.

Der aktuelle Wahlkampf führt es uns wieder vor Augen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir das Internet nutzen, um uns, vermeintlich anonym, unserer Meinungsfreiheit ganz und gar hinzugeben. Wir vergessen, dass am anderen Ende Menschen sitzen. Menschen mit Gefühlen. Wir hauen unsere Meinung raus und vergessen dann, dass wir sie je kundgetan haben. Wir feuern den Schuss und sind dann weg.

Widerspricht jemand unserer Meinung, schreien wir: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“, „Das ist Meinungsfreiheit!“. Ja, das Recht auf Meinung, das haben wir, aber es bedeutet in keinster Weise, dass uns alle zustimmen müssen – oder dass wir ohne Respekt losschießen können.

Das Internet ist ein Raum für unkontrollierten Hass geworden, und ich bin heilfroh, dass ich – Algorithmus sei Dank – in einer rosaroten Bubble unterwegs bin. Frei von düsteren Nachrichten und Tastaturkriegern. Aber meine Bubble liegt weit entfernt von der Realität. Denn außerhalb dieser Bubble greifen Mechanismen, die unsere Kommunikation Schritt für Schritt verrohen.

Nachrichtendienste wollen so dramatisch wie möglich klingen. Klickt ja sonst auch keiner mehr an. In Talkshows müssen alle repräsentiert werden, also laden wir zu jeder Haltung eine Person ein. Egal, ob diese Haltung nur von einer Person vertreten wird oder von Tausenden. Und in den sozialen Medien werden Bots eingekauft, die wie echte Menschen wirken, um extreme Meinungen zu befürworten. Und das führt dazu, dass diese Haltungen gleichwertig wirken – und Extreme genauso laut und normal erscheinen wie alles andere.

Kein Wunder, dass wir in unseren Haltungen auch immer extremer und aggressiver werden. Wir fühlen uns in unserem Extremismus bestätigt, verfallen in Muster von „Nur ich habe recht und alle anderen sind einfach nur dumme Schlafschafe!“. Unsere Empathie stumpft ab. Es ist ein Krieg um Aufmerksamkeit. Kein Kampf. Krieg. Je aggressiver, polarisierender, wuterregender das Narrativ, desto mehr wird es verbreitet – und das spiegelt sich in unserem gesellschaftlichen Ton wider.

Die Konsequenz? Wir verlieren das Zwischenmenschliche. Es wird immer schwieriger, menschlich zu bleiben und den Unterschied zwischen Realität und Propaganda zu erkennen.

Meine Bitte: Denkt bitte noch einmal nach, bevor ihr zum Tastaturkrieger werdet. Stellt euch einfach die Frage: „Würde ich das dieser Person auch ins Gesicht sagen?“

Wie Klopfers (der kleine Hase aus Bambi) Papa schon sagte: „Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, sollte man lieber gar nichts sagen.“ Und ja – auch Kritik kann konstruktiv formuliert werden.

Nathalie Engel-Arlt, 
Kommunikation & Social Media, 
Bund Deutscher Nordschleswiger

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