Das Wort zum Sonntag

„Niemand lügt, und Wasser ist trocken“

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Axel Bargheer, Pastor der Deutsch Reformierten Kirche in Kopenhagen, schreibt das Wort zum Sonntag.

Eine statistische Untersuchung sagt, dass 56 Prozent aller Lügen erkannt werden. Ist das nun beruhigend? Oder im Gegenteil beklemmend? Oder ist das möglicherweise auch gelogen?

Nicht zu wissen, ob man belogen wird oder nicht, verunsichert. Es macht misstrauisch, und es zerstört im schlimmsten Fall das Vertrauen und sogar die Beziehung zwischen Menschen.

Trotzdem lügen die Menschen. Und wir leider auch! Manche meinen, heutzutage würde mehr gelogen als früher. Vielleicht ist das so, weil man in den digitalen Medien leichter lügen kann, da man seinem Gegenüber bei der Lüge nicht in die Augen sehen muss. Vielleicht sind wir aber auch einfach misstrauischer geworden, sodass wir überall die Lüge und den Verrat wittern.

Auf jeden Fall wurde schon immer gelogen, und es wurden damit Menschen getäuscht und ausgenutzt, und das Vertrauen wurde verraten.

Denn das ist ja das Dramatische: ganz grundsätzlich baut unser Verhältnis zu anderen darauf auf, dass wir aufrichtig miteinander umgehen und uns nicht belügen. Wenn es nicht so wäre, wäre jede und jeder für sich geblieben und hätte aus Vorsicht den Kontakt mit anderen vermieden. Und die Gattung Mensch wäre schon vor Jahrtausenden ausgestorben.

Wenn ich mich die ganze Zeit über fragen muss, ob es mein Gegenüber ehrlich meint oder ob er mich frech anlügt, kann ich nur misstrauisch sein, und es liegt von Beginn an der Schatten des Argwohns auf jeder Begegnung. Aber zum Glück haben wir ja – siehe die Statistik vom Anfang – offenbar ein Sensorium für die Lüge.

Über die Frage „Was ist Wahrheit?“ haben sich kluge Menschen den Kopf zerbrochen, und wenn wir ernsthaft sind, werden wir nur von einer Suche nach Wahrheit und nicht vom Besitz derselben sprechen. Und das Gegenteil von Wahrheit kann die Lüge, aber auch der Irrtum sein.

Doch hier geht es um die Lüge, und die kann erkannt werden! Und diese Lüge macht uns unfrei: zum einen die, die mit einer Lüge um die Wahrheit betrogen werden. Aber auch diejenigen, die selbst lügen. Denn eine Lüge gebiert neue Lügen, die die alte Lüge stützen. Wenn ich mich an Fakten halte, kann ich an die Grenzen des Wissens kommen. Ich kann auch einen Irrtum einsehen und mich korrigieren. Bei einer Lüge muss ich aber entweder irgendwann sagen, dass ich gelogen habe, oder ich muss immer neue Lügen erfinden, um die alte aufrechtzuerhalten; solange, bis ich mich ganz im Netz meiner Lügen verstrickt habe. Beides ist nicht leicht und anstrengend, es belastet und macht damit am Ende unfrei.