Diese Woche in Kopenhagen

„Nicht auch noch Arne“

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Der ehemalige Fuglsang-Mitarbeiter Arne Juhl wurde zum Symbol für eine Sozialdemokratie, die unter Mette Frederiksen zu ihren Wurzeln zurückgefunden hatte. Daher trifft seine öffentliche Abkehr die Partei und die Chefin besonders hart. Das meint zumindest Kopenhagen-Korrespondent Walter Turnowsky, der am Ende der Kolumne noch eine Kiste Bier verwettet.

Mette Frederiksen liebt Roggenbrot mit Makrelen in Tomatensoße – zumindest, wenn man ihren Posts in den sozialen Medien Glauben schenken darf. Am Mittwochmorgen könnte ihr beim Schmieren der Stulle das Messer vor Schreck aus der Hand gerutscht sein. 

Zumindest wird ihr wohl ein Fluch, wenn schon nicht entfahren, dann doch zumindest durch den Kopf gefahren sein, als „DR“ von einem ehemaligen Brauereiarbeiter berichtet hat. Einem Brauereiarbeiter, der erwägt, der Sozialdemokratie den Rücken zuzukehren.

Hier ist selbstverständlich nicht von irgendeinem zufälligen Brauereiarbeiter die Rede, sondern von dem mittlerweile pensionierten Arne Juhl aus Fjelstrup bei Hadersleben (Haderslev). Mit dem Antlitz des damaligen Fuglsangmitarbeiters und dem Slogan „Nu er det Arnes tur“ hat die Sozialdemokratie 2019 die Wahl für sich entschieden.* 

Mit Arne an die Regierungsmacht kommen

Arne und die nach ihm benannte Frührentenregelung wurden zum Symbol dafür, dass die Arbeiterpartei unter der Führung von Mette Frederiksen wieder zu einer geworden war – zu ihren Wurzeln zurückkehrte. Auch den Kurswechsel in der Ausländerpolitik hat die Parteichefin unter dem Motto verkauft: Jetzt nehmen wir die Sorgen der Arbeiterschaft wieder ernst. 

Mit Arne als Kumpel konnte Mette der Sozialdemokratie das geben, was der Partei im eigenen Selbstverständnis das Wichtigste ist: die Regierungsmacht. Seit der Jahrtausendwende hatte das bürgerliche Lager die Arbeiterpartei vor sich hergetrieben – nur unterbrochen von der glücklosen Regierungsperiode von Helle Thorning-Schmidt.  

Keine Kritik an der Chefin

Jetzt hatte Frederiksen den Spieß umgedreht, und damit war sie die unangefochtene Leiterin der Partei. Frühere Flügelkämpfe waren von friedlicher Eintracht abgelöst worden. Öffentliche Kritik am Kurs der Chefin gab es zunächst kaum – und schon bald gar nicht mehr. 

Selbst den Wechsel von einer linksgestützten zur breiten Zentrumsregierung nach der Wahl 2022 machten die Genossinnen und Genossen mit, ohne aufzumucken. Wer mit der Abschaffung des Buß- und Bettages unzufrieden war, behielt die Kritik lieber für sich. 

Vereinzelte Rücktrittsforderungen

Das war bis zum 18. November 2025 so. Nach der Wahlniederlage forderten erste Stimmen gegenüber „DR“ bereits ihren Rücktritt. Zwar waren es nur einzelne Stimmen, die von den kommunalen Hinterbänken in Svendborg, Skive und Høje Taastrup kamen, doch allein die Tatsache, dass sie gekommen sind, ist ungemütlich für Frederiksen. Doch mehr war es zunächst auch nicht.

In der vergangenen Woche sagte ich noch mit selbstsicherer Stimme im Podcast „Mojn Nordschleswig“, dass dies noch einmal der Anfang vom Ende für Mette Frederiksen sei. Doch seither hat sich eine Dynamik entwickelt, die mehr als nur ungemütlich für sie ist.

Bürgermeister kritisiert Frederiksens Ausländerpolitik

Die bereits erwähnte Thorning-Schmidt nannte Pernille Rosenkrantz-Theil die verkehrte Oberbürgermeister-Kandidatin für Kopenhagen. Da Frederiksen ihre Ernennung inszeniert hat, ist es eine sehr deutliche Kritik an ihrem Urteilsvermögen. Doch auch die Kritik ihrer Vorgängerin könnte die Parteichefin abschütteln, wenn sie allein stünde.

Doch dann legte der Herlev-Bürgermeister Marco Damgaard in „Jyllands-Posten“ nach, einer der kommunalen Hoffnungsträger der Partei. Die Rhetorik der Partei in der Ausländerdebatte sei zu schrill und undifferenziert geworden. Und gleichzeitig habe die Sozialdemokratie die Alltagssorgen der Menschen aus dem Auge verloren.

Arne Juhls Liebesentzug trifft Mette Frederiksen jedoch am härtesten. Man mag fragen, welche Bedeutung es hat, dass ein pensionierter Brauereiarbeiter eine andere Partei wählen möchte. Auch kann seine Kritik an der Unterstützung der Ukraine hinterfragt werden. 

Den 1. Mai 2024 feierten Arne Juhl und Mette Frederiksen noch gemeinsam in Hadersleben. Derzeit möchte er die Sozialdemokratie nicht mehr wählen.

Arne war – wie erwähnt – das Symbol dafür, dass Mette versteht, was die Menschen bewegt. Seine Abkehr ist das Symbol dafür, dass ihr dieses Gespür zunehmend abhanden gekommen ist.

Es geht um eine Kiste Bier

Ich verwette daher eine Kiste Fuglsang darauf (auch wenn dieses Bier nicht mehr in Hadersleben hergestellt wird), dass die Kritik an der Staatsministerin und Parteichefin in den kommenden Wochen und Monaten nicht abflauen wird. 

Sollte ihr nach der Folketingswahl im kommenden Jahr die Regierungsmacht aus den Händen gleiten, würde ich noch nicht einmal einen Kronkorken darauf setzen, dass sie danach weiterhin Vorsitzende der Sozialdemokratie ist. 

*Nachtrag

Die Sozialdemokratie hat die Wahl 2019 eigentlich nicht gewonnen. Sie hat im Vergleich zur Wahl 2015 sogar einige wenige Stimmanteile verloren.

Die Partei konnte jedoch Stimmen von der Dänischen Volkspartei über die Mitte holen. Die Stimmen, die ihr durch den neuen Kurs verloren gegangen sind, gingen an die Sozialistische Volkspartei und Radikale Venstre.

Somit kam die linke Mehrheit (inklusive Radikale) zustande, die Mette Frederiksen zur Staatsministerin machte.