Leitartikel

„Magna Charta 1955-2025“

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Bonn-Kopenhagen beziehungsweise København-Bonn nimmt Ex-Chefredakteur Siegfried Matlok zum Anlass, die Geburtsstunde 1955 und den nicht unproblematischen, aber doch sagenhaften Weg bis heute unter die Lupe zu nehmen. Mit Minderheiten, die 70 Jahre später im Vergleich zu 1955 fast „paradiesische“ Verhältnisse erleben und sogar als Vorbild in Europa gelten, doch auf dem Weg zu 2055 lauern neue Herausforderungen und auch Gefahren für Minderheiten und Mehrheiten.

Am 29. März wurden vor 70 Jahren die Bonn-Kopenhagener Minderheiten-Erklärungen (dänisch København-Bonn) in der damaligen Bundeshauptstadt am Rhein von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem dänischen Staatsminister H. C. Hansen unterzeichnet. Es gab einen nordschleswigschen Zeitzeugen beim Schlussakt im Palais Schaumburg, dessen Wort nach 70 Jahren mehr Gültigkeit und Berechtigung hat als 1955, ja als je zuvor: Es war der Kopenhagener Korrespondent des „Nordschleswigers“ Ernst Siegfried Hansen, der anlässlich dieser historischen Zeremonie aus seinem großen Wissensschatz ein Wort herausholte, das einem englischen König aus dem Jahre 1215 zugeschrieben wird: das lateinische Wort „Magna Charta“ für den großen Freibrief: in beiden Minderheiten damals ein unbekannter Begriff, doch inzwischen kann man ihn vielleicht am besten so übersetzen, beschreiben – als Grundgesetz des Grenzlandes für die deutsche und die dänische Minderheit.

Was Ernst Siegfried Hansen – eine der einflussreichsten Hauptfiguren in der Nachkriegsgeschichte der deutschen Minderheit, der als Chefredakteur des „Nordschleswigers“ 1953 nach Kopenhagen wechselte, um hier auch als Korrespondent für den Nordschleswiger tätig zu sein – am 31. März 1955 im „Nordschleswiger“ unter der Überschrift „Magna Charta der Minderheiten“ in seinem Leitartikel schrieb, hat im Rückblick 70 Jahre später fast prophetische Züge: schwärmend vom warmen Händedruck zwischen Adenauer und Hansen schrieb er über den Geist der Bonn-Kopenhagener Erklärungen, als Begriff, nicht als Bild. Dieser Geist sei zwar nicht über Nacht aufgetaucht und auch keine Zauberformel für den noch vorherrschenden Kummer in der deutschen Minderheit, aber der Geist komme in doppelter Gestalt – in den Grundgesetzen beider Länder. Und er fügte ein Schlüsselwort hinzu: demokratisch. Diese Erklärungen seien nicht wie zwei Goldmünzen gegeneinander abzuwägen, es bleibe – so Hansen – den Menschen im Grenzland selbst auferlegt, eine Praxis zu schaffen, die vom guten Willen aller Beteiligten abhängt.

Historische Unterschiede

Beide Minderheiten verschliefen 1955 praktisch die historische Stunde: Beide Minderheiten waren alles andere als begeistert über diese Regelung zwischen der dänischen und deutschen Regierung, ja, beide Minderheiten waren in Wirklichkeit zu diesem Zeitpunkt doch eher gegen diese bilaterale, vertragsähnliche Vereinbarung. Führende Köpfe in der dänischen Minderheit hofften noch 1955 auf „Sydslesvig hjem“, auf eine Grenzverschiebung, die im Mai 1945 von der dänischen Regierung mit der Feststellung „die Grenze liegt fest“ strikt abgelehnt wurde. Auf der anderen Seite: In der deutschen Minderheit hatten nach der verhängnisvollen deutschen Besatzung Dänemarks von 1940 bis 1945 die Nachkriegsfragen und die – aus der Sicht der Minderheit – ungerechten Folgen nicht nur durch Faarhus eine fast unversöhnliche Bitterkeit hervorgerufen, an der die Volksgruppe sogar vorübergehend politisch und kulturell zu verbluten drohte. Es ging um die nackte Existenz, da war von Frieden und guter Nachbarschaft wahrlich nicht die Rede; in beiden Lagern waren Ausnahmen die tägliche Regel. Was hat also dazu geführt, dass die Minderheiten über ihre Köpfe hinweg gezwungen wurden, den langen Weg zunächst vom Gegeneinander zu einem Miteinander anzutreten?

Kalter Krieg und Stalin

Ernst Siegfried Hansen hat in einem Leitartikel nach dem Meilenstein von Bonn den wahren Hintergrund so beschrieben: „Die europäischen Verhältnisse haben sich seit dem Kriege grundlegend verändert. Sonst wären die Minderheitenverhandlungen vermutlich überhaupt nicht möglich gewesen.“ Der anerkannte dänisch-südschleswigsche Historiker Jørgen Kühl hat – natürlich ironisch zugespitzt, jedoch zutreffend – darauf hingewiesen, dass beim Zustandekommen der Erklärungen der 1953 verstorbene sowjetische Diktator Josef Stalin 1955 indirekt eine positive Rolle gespielt habe, dass mit anderen Worten die sicherheitspolitischen Interessen Deutschlands und Dänemarks nach 1945 sowohl bei den Kieler Erklärungen für die dänische Minderheit als auch für das Kopenhagener Protokoll für die deutsche Minderheit – beide aus dem Jahre 1949 – den Rahmen gebildet haben.

Adenauer und H.C. Hansen

Die Ausgangspositionen konnten 1955 gar nicht unterschiedlicher sein. Für den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer ging es nach den von Deutschen begangenen Verbrechen im 2. Weltkrieg um die Aufnahme im demokratischen Kreis der europäischen Völker, um den Weg nach Westen. Da war die Mitgliedschaft in der Nato der erste, entscheidende Schritt angesichts der Teilung Deutschlands in West und Ost und des sich gefährlich zuspitzenden Kalten Krieges. Dänemark, schon 1949 der Nato beigetreten, hatte sozusagen ein Veto-Recht, da eine Aufnahme in die Nato nur einstimmig erfolgen konnte. Für Adenauer hatte deshalb Bonn-Kopenhagen eine höchste außenpolitische Priorität, für ihn viel, viel wichtiger als das in Schleswig-Holstein sehr angespannte Verhältnis zwischen der Kieler Landesregierung unter Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel und der dänischen Minderheit. CDU-Kanzler Adenauer hatte mit anderen Worten alles zu gewinnen, während der sozialdemokratische Staatsminister H. C. Hansen innenpolitisch eine Niederlage riskierte. Große Teile der dänischen Bevölkerung, aber auch starke Kräfte im Folketing waren zu diesem Schritt der Annäherung nicht bereit, und deshalb musste H. C. Hansen einen heimischen Spagat meistern und ein parlamentarisches Junktim lösen, das darin bestand: keine bundesdeutsche Mitgliedschaft ohne Minderheiten-Erklärungen– aus Kopenhagener Sicht, aber nur gedacht für die dänische Minderheit. Hansen hatte also zu kämpfen gegen die natürlich noch bestehenden Ressentiments im Lande gegen alles Deutsche – inklusive deutsche Minderheit – und auch gegen die Wiederaufrüstung mit deutschen Soldaten nur zehn Jahre nach der Besetzung.

Grönland 1955 als Joker

Der Staatsminister, der sich von Anfang gegen Grenzträume gen Süden ausgesprochen hatte, hatte sich frühzeitig nach 1945 unter dem Schutzschirm der USA gestellt, die schon damals Grönland strategische Bedeutung hervorgehoben hatte und die vor allem auf eine rasche Nato-Mitgliedschaft der Bundesrepublik drängte. Da konnten Minderheiten-Fragen den Prozess nur stören, aber letztlich nicht aufhalten. Und deshalb war København-Bonn für H. C. Hansen in Wirklichkeit auch mit einem Paradigmenwechsel in der dänischen Außen- und Sicherheitspolitik verbunden, die nun transatlantisch verankert wurde – nicht mehr allein europäisch. Der Historiker Bo Lidegaard hat es so formuliert: Grönland war der Joker in der Schleswig-Frage.

H.C. Hansen gratuliert dem Bundeskanzler

Adenauer und Hansen hatten sich am Freitag, dem 22. Oktober 1954, am Rande eines Nato-Treffens in Paris getroffen, wo Adenauer – laut Protokoll um 15.15 Uhr – seinem dänischen Kollegen seine deutliche Bereitschaft zur Lösung der Minderheitenfrage signalisierte. Ernst Siegfried Hansen über die Umstände und Voraussetzungen:

„Es wurde wieder einmal dem lieben Gott zugemutet, dänisch zu sein.“ Zwischen diesen beiden Regierungschefs entwickelte sich in Bonn sogar ein persönliches Vertrauensverhältnis, das nach der Verabschiedung der Minderheiten-Erklärungen und dem gleichzeitigen Ja zur westdeutschen Nato-Mitgliedschaft durch Folketing und Bundestag auch deutlich zum Ausdruck kam, als formell und feierlich am 9. Mai 1955 in Paris die Aufnahme der Bundesrepublik. Nach Berichten in der dänischen Presse huldigte Hansen sogar Adenauer mit den Worten, es sei ihm „eine Ehre, dem Bundeskanzler zu gratulieren zur Rückgewinnung westdeutscher Souveränität“. Und außerdem dankte Hansen für den Geist und den gegenseitigen guten Willen, der inzwischen den Minderheiten-Prozess erfüllt habe.

Vorbehaltlose Zustimmung für die Examensrechte

Im Folketing fand sich eine breite Mehrheit für die Erklärung(en) mit 156:9-Stimmen, sogar mehr als für den westdeutschen Beitritt. Der Vertreter der deutschen Minderheit im Folketing, Hans Schmidt-Oxbüll, gab bei der Folketingsdebatte über die Bonn-Kopenhagener Erklärungen, die mit großer Mehrheit angenommen wurden, seine „vorbehaltlose Zustimmung“, freute sich vor allem darüber, dass den deutschen Schulen in Nordschleswig nun wieder Examensrechte eingeräumt wurden, was auch zu einem Neu-Start des Deutschen Gymnasiums führte. Staatsminister H. C. Hansen dankte in der Debatte Schmidt-Oxbüll für seine „verständnisvolle Haltung“. In Nordschleswig aber nicht unumstritten, denn was Schmidt-Oxbüll wissentlich verschwieg, hatte Ernst Siegfried Hansen schon am 31. März 1955 ehrlich und doch sehr freundlich gestanden: „Alle (unsere) Wünsche wurden nicht erfüllt.“ In der Tat hatte die deutsche Minderheit keinen Anlass zum Feiern, denn nachdem der BDN-Hauptvorstand zunächst acht Punkte für die deutsch-dänischen Verhandlungen formuliert hatte, wurden diese von der Delegiertenversammlung auf „vier Empfehlungen“ reduziert. Neben der Bildung eines deutsch-dänischen Verständigungsausschusses, den Kopenhagen jedoch von vornherein abgewiesen hatte, ging es vor allem um die „Befreiung von den Nachkriegswirkungen der Sondergesetzgebung“, die von der dänischen Seite bei den abschließenden deutsch-dänischen Verhandlungen in Kopenhagen aber nicht als Tagesordnungspunkt angenommen und wohl nur am Rande berührt wurde.

3:1-Sieg für Dänemark

„Der Spiegel“ nannte das Ergebnis der Verhandlungen einen 3:1-Sieg für Dänemark. Für die dänische Minderheit war insbesondere die Aufhebung der Fünf-Prozent-Sperrklausel ein entscheidender Durchbruch, dem noch 2025 Stefan Seidler seine Mitgliedschaft im Bundestag verdankt. Ausschlaggebend für die dänische Seite waren zwei Punkte, wie der an den Verhandlungen selbst beteiligte Berater/Historiker Professor Troels Fink hervorgehoben hat: Dänemark lehnte einen Minderheiten-Vertrag wegen der historischen Erfahrungen seit 1864 ab, da man jede deutsche Einmischung via Minderheit Nordschleswig in innere dänische Angelegenheit als strikt unerwünscht bezeichnete. Dies musste die deutsche Seite ebenso akzeptieren wie einen Verzicht auf die vor allem aus Kiel erhobene Forderung nach einer Loyalitätserklärung durch die dänische Minderheit.

Der Glücksfall: von Hassel-Jebsen

Beide Minderheiten wurden zu ihrer großen Enttäuschung nicht direkt an den Verhandlungen über ihre Zukunft beteiligt. Für die deutsche Minderheit war es ein Glücksfall, dass der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel eine zentrale Person im Ringen um Bonn-Kopenhagen wurde und der nach dem Prinzip „quid pro quo“, also Leistung/ Gegenleistung, auch verdienstvoll die Interessen der deutschen Minderheit wahrgenommen hat. Aus einem kürzlich erschienenen Buch über den CDU-Politiker von Hassel geht hervor, dass von Hassel, der dem Hause Jebsen entstammte, sich in einem regen Austausch über Fragen der deutschen Minderheit mit seinem Vetter, Hans Jacob Jebsen, befunden hat und sich dadurch beraten ließ. Von Hassel verglich die schwierigen Verhandlungen mit einem „Ritt über den Bodensee“. Es war aber von Hassel, der – Kiels Vertreter drohte vorübergehend sogar mit dem Abbruch der Verhandlungen – die Gegenseitigkeit durchgesetzt hat. Dadurch wurde nicht nur eine Regelung für die dänische Minderheit gefunden, sondern Parallelität in den Erklärungen hergestellt, die sozusagen auf gleicher Ebene eine psychologische Wirkung erzielte. Die deutsche Minderheit musste und konnte sich nun nicht in eine Schmollecke zurückziehen, wie es manche enttäuschte Kritiker in den Reihen der Volksgruppe noch lange als Protest-Politik nach 1945 gefordert hatten.

Ei des Columbus

Adenauer und die Bundesrepublik Deutschland betraten nun dank Dänemark und H.C. Hansen gelobtes Land – und für die Minderheiten begann eine neue Zeit mit großen Umstellungen, zunächst so wie die Echternacher Springprozession mit dem „Pilgerschritt“ – zwei Schritte vor, einer zurück. Das „Ei des Columbus“ (Ernst Siegfried Hansen) ist jedoch längst gelandet und dass aus dem Gegeneinander inzwischen ein Miteinander, ja, sogar ein Füreinander geworden ist, dies ist auch ein Verdienst der beiden regionalen Minderheiten. Aber natürlich wäre dieser oft mühsame Friedensprozess nicht möglich gewesen ohne die aktive Mitwirkung und Unterstützung (nicht nur finanziell) durch die Mehrheiten und durch die immer engere Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Dänemark.

Die Ironie der Geschichte 1955–2025: Der Kalte Krieg zwang beide Länder in eine Schicksalsgemeinschaft, und nun hat ein neuer Kalter Krieg mit Russland die inzwischen auch gewachsene Freundschaft zwischen Dänemark und dem seit 1990 wiedervereinigten Deutschland noch mehr gefestigt.

Europäische Weihe

Wenn von Wendepunkten in der deutsch-dänischen Geschichte und des Grenzlandes gesprochen wird, dann darf vor allem ein Wort, ein Begriff, eine Perspektive nicht fehlen: Europa. Dass Dänemark 1973 der EWG/heute EU beitrat und dass dies auch durch ein überragendes Ja von Mehrheit und Minderheit in Nordschleswig möglich gemacht wurde, hat nicht nur atmosphärisch einen neuen Durchbruch gebracht. Und zu erinnern gilt heute, dass H. C. Hansen 1955 in Bonn just davon sprach, mit den Erklärungen beiden Minderheiten eine europäische Weihe mit auf den Weg gegeben zu haben.

Als die Minderheiten-Erklärungen – die 1990 durch Staatsminister Poul Schlüter in einer Antwort an den sozialdemokratischen Abgeordneten Sv. Taanquist ausdrücklich bestätigt worden sind – bei blauem Himmel und strahlender Sonne am Rhein das Tageslicht erblickten und Adenauer seinen Gast H. C. Hansen auf dem Flugplatz Köln-Wahn nach eigenen Worten „glücklich“ verabschiedete, schrieb Ernst Siegfried Hansen der deutschen Minderheit ins Stammbuch:

Nicht Spaltpilz, sondern Vermittler muss die Rolle in der Zukunft sein.

1955: Defensiv – 2025: Offensiv

Beide Minderheiten sind 2025 längst aus einer Defensive in die Offensive gegangen, sie sind dynamische Motoren in der grenzüberschreitenden Entwicklung geworden, ja bestimmen manchmal sogar Tempo und Richtung, und sie haben sowohl südlich als auch nördlich der Grenze einen anerkannten gesellschaftlichen Status erreicht, den man noch vor wenigen Jahren kaum für möglich gehalten hat. Man denke z. B. an Bürgermeister Popp Petersen in Tondern oder an die großen SSW-Erfolge bei den letzten Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahl.

Keine Kern-Minderheiten – keine Bindestrich-Minderheiten

Beide Minderheiten sind längst nicht mehr nationale Kern-Minderheiten wie 1955, die sich damals hart bekämpften und auch von Gegensätzen lebten, sondern beide haben ihre Überlebensfähigkeit längst bewiesen, in dem sie sich selbstbewusst neuen Herausforderungen gestellt haben. Manche sprechen heute sogar von einer deutsch-dänischen Minderheit, von indirekt fusionierenden Bindestrich-Minderheiten. Beide Minderheiten müssen sich natürlich den modernen Verhältnissen zukunftsgewandt anpassen. Für die kleinere deutsche Minderheit, der lange Zeit ein Schrumpfprozess drohte, ergeben sich zurzeit plötzlich neue Chancen – aber auch gewisse Risiken – durch den Zuwachs an sogenannten Neu-Deutschen, die in Nordschleswig – soweit sie es denn wünschen –natürlich in die Minderheit integriert werden müssen.

Nach demokratisch-dänischen Spielregeln.

„Im Geiste“ der Minderheiten-Erklärungen.

Bonn-Kopenhagen 1955-2025:

Magna Charta: Der Weg ist das Ziel.