Gastkommentar

„Lasst uns laut werden“

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Schweigen ist keine Option: In ihrem Gastkommentar fordert Büchereidirektorin Claudia Knauer, dass Anständige ihre Stimme erheben, wenn Hass und Beleidigungen gegen Minderheiten wie die deutsche Minderheit oder Juden sichtbar werden.

Die Welt wird gerade keine bessere. Im Gegenteil. Die Kandidatin der SP, Dorthe Andresen, berichtet, wie viele hasserfüllte Botschaften sie in den sozialen Medien bekommt, weil sie als junge Frau mit Wurzeln in der deutschen Minderheit für die Kommunalwahlen in Apenrade kandidiert. Entsetzt und verstört fragen sich die anständigen Menschen, wie das sein kann. Und anständig bedeutet, dass man sein Gegenüber als Mensch wahrnimmt und mit Respekt behandelt – auch wenn man unterschiedliche Meinungen vertritt.

Anstand bedeutet jetzt auch, dass man seine Stimme erhebt, wenn andere unanständig sind, wenn sie Hassparolen heraushauen und vielleicht noch meinen, Volkes Stimme zu vertreten. Das tun sie ganz bestimmt nicht. Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft haben eine ordentliche Kinderstube genossen und wollen andere nicht kränken und verletzen. Aber sie sind viel zu leise. Die Krawallmacher machen sich breit und nehmen so viel Raum ein, dass der Eindruck entsteht, sie seien die Mehrheit.

Deshalb müssen wir anderen auch laut werden. Einspruch erheben, Kommentare gegenkommentieren und notfalls zur Anzeige bringen.

Das gilt hier in Nordschleswig wie an anderen Stellen. Das gilt, wenn Mitglieder der deutschen Minderheit beleidigt, herabgesetzt und beschimpft werden, und es gilt, wenn Juden wieder zum Sündenbock gemacht werden. Jüngste, nicht repräsentative Umfragen zeigen, dass 96 Prozent der jüdischen Mitbürger Hass erleben. Sie trauen sich nicht mehr, mit Kippa oder Davidsstern zu gehen oder ihren Namen an den Briefkasten zu schreiben.

Was ist aus dem Dänemark geworden, das „seine“ Juden vor den Nazis rettete? Warum schauen so viele weg? Weil sie leise Beifall klatschen? Das will ich nicht glauben. Ich will, dass wir uns schützend vor Minderheiten – unsere oder andere – stellen und dass wir lauter werden. Denn die Anständigen bilden die Mehrheit. Es darf nur keine schweigende mehr sein.