Diese Woche in Kopenhagen

„In Grönland stemmt sich ein starkes Volk gegen Trump“

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Hauptstadtkorrespondent Walter Turnowsky war zwar auch in dieser Woche in Kopenhagen. Doch in Gedanken befand er sich in jenem Grönland, das er sieben Jahre lang kennenlernen durfte. Und er hat sich auch mit Freundinnen und Freunden in Kalaallit Nunaat ausgetauscht.

„In Nuuk herrscht derzeit große Verunsicherung“, schreibt mir meine gute Freundin Akitsinnguaq Olsen in einer Messenger-Nachricht. 

Es ist Mittwochnachmittag, 14. Januar: nur eine Stunde, bevor sich die Naalakkersuisoq (Ministerin) für Auswärtiges, Vivian Motzfeldt, und der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen mit ihrem US-Amtskollegen Marco Rubio und Vizepräsident J. D. Vance treffen werden.

Vielen in Nuuk fällt es schwer, sich auf ihre Arbeitsaufgaben oder die alltäglichen Tätigkeiten zu konzentrieren. Der Fernseher läuft fast rund um die Uhr.  

 „Viele Kolleginnen und Kollegen berichten morgens fast weinend, wie ängstlich sie sind. Sie haben kaum geschlafen, werden von Kopfschmerzen und Übelkeit geplagt“, so die 55-Jährige weiter.

Akitsinnguaq arbeitet beim grönländischen Parlament, dem Inatsisartut, als Dolmetscherin. Selbst versucht sie, die Unruhe während der Arbeit zu verdrängen. Doch ich kenne meine Freundin gut genug, um zu wissen, dass es auch bei ihr unter der Oberfläche brodelt – ihre scheinbare Ruhe mit eiserner Disziplin hart erkämpft ist. Und auf dem Heimweg von der Arbeit wird es noch schwerer. 

Akitsinnguaq Olsen im Zentrum von Nuuk

„In Geschäften, auf der Straße und an den Bushaltestellen reden die Menschen darüber, welch schreckliche Ängste sie haben. Es liegt eine schwere und furchtsame Atmosphäre über der ganzen Stadt.“

Psychologin: Trump agiert übergriffig

Seit mehr als einem Jahr müssen die Menschen in Kalaallit Nunaat, dem Land der Grönländer, den unmenschlichen Druck aus Washington aushalten. Ein ums andere Mal haben sie ruhig und besonnen, aber auch bestimmt auf Trumps Übergriffe geantwortet. Sie wünschen sich jetzt, dass wir in Dänemark, Deutschland, Europa und dem Rest der noch vernünftigen Welt sie noch deutlicher unterstützen. 

Denn die Kalaallit empfinden das Gebaren des US-Präsidenten als übergriffig. Das bestätigt die Psychologin Naja Lyberth in einem Eintrag auf Facebook.  Sie vergleicht auf Englisch sein Verhalten mit einer Person, die einen sexuellen Übergriff plant.  

Es ist kein Zufall, dass sie gerade diesen Vergleich verwendet. Sie hat eine große Anzahl von Menschen mit Spätfolgen nach sexuellen Übergriffen behandelt. Sie kennt die Stärke, die Menschen entwickeln können, wenn sie ihre Traumata bearbeiten. Sie ist daher überzeugt, dass die Trump-Regierung die Abwehrkraft des grönländischen Volkes stark unterschätzt. 

Demos gegen Trump

Auch Regierungschef Jens Frederik Nielsen betonte erneut bei einer Pressekonferenz am Dienstag, dass die Menschen in Grönland sich nicht kaufen lassen werden: „Grönland möchte nicht von den USA besessen werden. Grönland möchte nicht von den USA gelenkt werden. Grönland möchte nicht ein Teil der USA sein.“

Bereits am 15. März vergangenen Jahres gingen die Menschen in Nuuk und in weiteren Städten auf die Straße, um gegen Trumps Pläne zu demonstrieren. Stolz trugen sie die grönländische Flagge, Erfalasorput, in ihren Händen. Es waren die größten Demonstrationen, die Grönland jemals erlebt hat. Für Sonnabend sind erneut Demos geplant. 

Traumata brechen auf

Die Reaktionen fallen auch deshalb so stark aus, weil die Menschen in Grönland erlebt haben, was es heißt, unter fremder Herrschaft zu leben. Die Traumata aus der Kolonialzeit sitzen heute noch tief. 

Dänemark war nämlich nicht die „gute“ Kolonialmacht, als die sich das Land gerne sieht. Auch davon kann die Psychologin Naja Lyberth berichten. „Ich erinnere mich nicht mehr an viele Details. Aber an die Instrumente erinnere ich mich“, sagt sie mit der ihr typischen ruhigen Stimme 2017 in einer Radiodokumentation des Senders „DR“. 

Ihr wurde als 14-Jährige eine Spirale eingesetzt – ohne ihr Einverständnis und ohne das ihrer Eltern. „Die Instrumente fühlten sich an wie Messer.“

4.500 Frauen hat das damals dänische Gesundheitssystem in den Jahren von 1966 bis 1975 die Spirale eingesetzt – in den meisten Fällen, wie bei Lyberth, ohne zu fragen. Das war die Hälfte der Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter. Nirgends auf der Welt war der Geburtenrückgang in diesem Zeitraum so stark wie in Grönland. 

Die Auslegung einer Künstlerin

Die Künstlerin Bolatta Silis-Høegh hat die Zwangsverhütung in einem Werk mit Miniaturgemälden von Gebärmüttern künstlerisch aufgearbeitet. „Wir müssen in der aktuellen Situation zusammenhalten, aber auch und gerade jetzt über die schweren Dinge sprechen können“, sagt sie bei einem Artist-Talk am Dienstagabend. Sie sieht dies nicht als den Versuch, einen Keil zwischen Grönland und Dänemark zu treiben, sondern im Gegenteil: als einen Schritt auf dem Weg zur Versöhnung. 

Denn die kolonialen Traumata können sich über Generationen vererben. Das gilt mittlerweile als wissenschaftlich nachgewiesen. Deshalb spielt nicht nur die sogenannte Spiralkampagne bei den Menschen in Grönland weiterhin eine große Rolle. Auch Ereignisse, die weiter zurückliegen, sind immer noch präsent. 

Bolatta Silis-Høegh mit einem Teil ihres Werkes „Hun gik en tur“

Eine Situation wie die aktuelle kann eine Retraumatisierung auslösen. Wir würden wohl bereits größte Ängste entwickeln, wenn wir dem ausgesetzt würden, was die Kalaallit jetzt erleben. Bei ihnen kommt das Aufbrechen der alten Traumata hinzu. Das erklärt mit die starken Reaktionen in Nuuk, die Akitsinnguaq beschreibt. 

Das dürfte wohl auch Außenministerin Motzfeldt bewusst sein, als sie nach den Gesprächen mit Rubio und Vance gemeinsam mit Løkke Rasmussen vor die Presse tritt. Sie sagt als Erstes: „Asasakka nunaqqatikka nalunngilara malinnaasusi. Liebe Landsleute, ich weiß, dass ihr alles genau verfolgt.“ 

Bolatta Silis-Høeghs Werk „Hun gik en tur“ besteht aus einer Serie von Miniaturen.

„Nie hat mich ‚Asasakka nunaqqatikka’ so stark berührt“, schreibt eine Frau kurze Zeit später auf Facebook. Und etliche Menschen stimmen ihr zu. 

Appell zu internationalem Zusammenhalt

Akitsinnguaq Olsen schreibt mir, dass ihre Kolleginnen und Kollegen am Donnerstag lächelnd, singend und stolz bei der Arbeit erschienen sind. Sie teilen ihren Wunsch, dass Grönland künftig eine markantere Rolle spielen kann. 

„Ich hoffe, dass Grönland bei den Gesprächen eine stärkere eigenständige Stimme bekommen hat. Wir müssen selbstverständlich weiterhin mit Dänemark zusammenarbeiten, aber auch zeigen, wie stark wir Grönländerinnen und Grönländer sind.“

Sie ist sich gleichzeitig bewusst, dass sie und ihre Landsleute auch weiterhin den Druck aushalten werden müssen, solange Trump Präsident der USA ist. Sie appelliert daher an die demokratischen Staaten, zusammenzuhalten, denn es gehe hier um mehr als um Grönland.

„Wir können einander nicht entbehren, solange eine scheinbar eiskalte, narzisstische und machtbesessene Person Präsident der USA ist.“

Ich kann, wie so manches Mal zuvor, meiner guten Freundin nur zustimmen.