Leserbrief

„Homeschooling: Eine unterschätzte Herausforderung“

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Lehrer Hans Martin Asmussen befürchtet, dass Kindern soziale Erfahrungen verloren gehen können, wenn die Eltern sie zu Hause unterrichten. Kinder in deutschen Familien würden außerdem die Chance der Integration verpassen.


Liebe Eltern, liebe Kommune

Als Lehrer im dänischen Grenzland beobachte ich mit Sorge, dass immer mehr Familien ihre Kinder aus der Schule nehmen und zu Hause unterrichten. Besonders deutsche Familien nutzen diese Möglichkeit häufiger, wie Berichte des „Nordschleswiger zeigen. Während ich verstehe, dass Schule nicht der einzige Ort ist, an dem Kinder Wissen erwerben können, bin ich vor allem besorgt über die Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen der Kinder.

Das Schulsystem war für mich nie als ein „Wissens-Mekka“ gedacht. Wissen ist heute an vielen Orten zugänglich – durch Bücher, das Internet oder andere Bildungsangebote. Aber die Schule ist viel mehr als nur ein Ort des Lernens. Sie ist ein sozialer Raum, in dem Kinder lernen, Teil einer Gemeinschaft zu sein, mit anderen zu interagieren und gemeinsame Werte wie Verantwortung und Zusammenarbeit zu entwickeln.

Wenn Familien sich für Homeschooling entscheiden, geht oft ein entscheidender Teil dieser sozialen Erfahrungen verloren. Die Schule bietet Kindern die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen, Konflikte zu lösen und gemeinsam mit anderen Ziele zu erreichen. Diese Erfahrungen sind essenziell, um später als Erwachsene in einer Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen.

Wenn Kinder zu Hause unterrichtet werden, besteht die Möglichkeit, diesen wertvollen Alltag des Zusammenlebens zu verlieren. Sie verpassen Gelegenheiten, Freundschaften zu knüpfen, Konflikte zu lösen und Teil einer vielfältigen Gemeinschaft zu sein. Das sind Erfahrungen, die weit über das Schulbuch hinausgehen – Erfahrungen, die sie als zukünftige Mitglieder unserer dänischen Gesellschaft stark machen.

Ein weiteres Problem betrifft vor allem deutsche Familien, die oft aus sprachlichen oder kulturellen Gründen Homeschooling bevorzugen. Doch gerade für diese Kinder ist die Schule ein wichtiger Ort, um sprachliche und kulturelle Barrieren abzubauen. Indem sie zu Hause bleiben, verlieren sie eine wesentliche Chance, sich in die dänische Gesellschaft zu integrieren.

Die aktuellen Regeln für Homeschooling machen es oft zu einfach, die Kinder aus der Schule zu nehmen, ohne dabei die langfristigen Konsequenzen zu bedenken. Während ich den Wunsch vieler Eltern respektiere, selbst Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder zu übernehmen, halte ich es für entscheidend, dass diese Verantwortung auch die soziale Entwicklung und die Gemeinschaftsbildung umfasst.

Wenn wir nichts unternehmen, riskieren wir, dass sich Parallelgesellschaften entwickeln, in denen Familien sich bewusst aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. Dies gefährdet nicht nur die Integration, sondern auch die gemeinsamen Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten

Mit freundlichen Grüßen
Hans Martin Asmussen
Lehrer
Apenrade

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