Leitartikel

„Grönland und die westliche Halbkugel“

Veröffentlicht Geändert

Dänemarks Außenminister Lars Løkke Rasmussen und seine grönländische Kollegin Motzfeldt sprechen in Washington mit US-Außenminister Marco Rubio, doch die Entscheidung über Grönlands Zukunft trifft allein Donald Trump. Ex-Chefredakteur Siegfried Matlok analysiert Hintergründe und Szenarien.

„Bei einem neuen Vertrag ... muss man Rücksicht darauf nehmen, dass Grönland für die USA und die westliche Halbkugel von strategischer Bedeutung ist. Amerika muss Sicherheit haben, dass Grönland nicht von irgendeinem Feind der USA besetzt wird.“  

Bevor Sie, Leserin/Leser, sich wieder einmal empört wegen dieser Sätze auf den als Sprücheklopfer bekannten US-Präsidenten Trump stürzen, müssen wir den mächtigen Herrn im Weißen Haus in diesem Falle sogar um eine Entschuldigung bitten.

Es ist nämlich ein Zitat aus dem „Nordschleswiger“ vom 16. August 1947 (!), als die westliche Halbkugel – 2026 spricht Trump ja von westlicher Hemisphäre – aus der Sicht des damaligen US-Außenministers George Marshall so gefährdet schien. Es ist ja nicht ganz auszuschließen, dass der jetzige US-Außenminister Marco Rubio am Mittwoch vielleicht ähnliche Sätze formuliert, wenn er in Washington den dänischen Außenminister Lars Løkke Rasmussen und dessen grönländische Kollegin Vivian Motzfeldt empfängt, um in erster Linie über Grönlands Zukunft zu sprechen. Mit einer explosiven Bombe, platziert am Tischende, die entweder hochgehen oder entschärft werden kann.

Grönland ist allemal wichtig genug, aber leider stehen auch noch andere wichtige Schicksalsfragen auf der Tagesordnung, wobei die dänische Verhandlungsdelegation von vornherein eine Position nicht/nie aufgeben kann: Keine Rede von einem Verkauf Grönlands, Dänemark denke nicht daran, hierüber Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten aufzunehmen, wie es bereits 1935 (!) der damalige sozialdemokratische Staatsminister Thorvald Stauning unmissverständlich klargestellt hat.

Grönland wie Skylla und Charybdis

Die Zeiten haben sich geändert, frühere Äußerungen und Verträge gelten offenbar nicht mehr in einer Periode, wo die USA unter Donald Trump ihre militärische Stärke nicht nur demonstrieren, sondern auch als Drohmittel benutzen – im Falle Grönland sogar gegen eine seit 1949 unter dänischer Mitgliedschaft zur Nato gehörende Insel, die sich geopolitisch in höchster Alarmbereitschaft wie zwischen Skylla und Charybdis befindet. Und die sich in diesen Stunden durch Trump sogar einer „psychologischen Kriegsführung“ ausgesetzt sieht, wie es die frühere sozialdemokratische Folketingsabgeordnete und einstige Sonderburger DSU-Vorsitzende, die Grönländerin Julie Rademacher, so aktuell beschwörend formuliert hat.

Was ist aus der dänischen US-Liebe geworden?

Wie ist es dazu gekommen, dass die Amerikaner, die praktisch seit 1951 auf ihrem Stützpunkt Thule/heute Pituffik fast alle militärischen Rechte für sich beanspruchen können, eine gewaltsame Übernahme der Insel nicht ausschließen, falls kein friedlicher Deal zustande kommt, der natürlich allein nach dem (imperialen) Geschmack des US-Präsidenten ausfallen darf? Hat nicht der damalige sozialdemokratische Staatsminister H. C. Hansen 1956 die dänische Öffentlichkeit bewusst hinters Licht geführt, als er den Amerikanern streng geheim auch auf Grönland die Nutzung von 48 atomaren Nike-Hercules-Raketen zugestand? War Staatsminister Poul Schlüter nicht privat befreundet mit dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan? Wurde US-Präsident Bill Clinton nicht in Kopenhagen wie ein Messias empfangen, und ist nicht Staatsminister Anders Fogh Rasmussen sogar um die Wette Radcross mit seinem Freund, dem damaligen US-Präsidenten Georg Bush junior gefahren? Oder man denke an Mette Frederiksen, die gar nicht schnell genug von US-Präsident Biden ins Weiße Haus eingeladen werden konnte und danach sogar ein Stationierungsabkommen für US-Soldaten auf dänischem Boden mit großer Mehrheit im Folketing durchsetzte? Alles für die Katz', alles vergeblich, denn Präsident Trump hat die normative Kraft von Verträgen (und Diplomatie) buchstäblich außer Kraft gesetzt.

Bitte um Selbstkritik in Kopenhagen und Nuuk

Sein erstes Kaufangebot für Grönland während seiner ersten Präsidentschaft wurde zwar zu Recht von Mette Frederiksen als „absurd“ zurückgewiesen – daran hat sich ja weder in Kopenhagen noch in Nuuk etwas geändert –, aber hat man im stillen Kämmerlein zu leichtfertig geglaubt, dass es sich dabei nur um einen schlechten Scherz gehandelt habe. Offenbar, denn seit der zweiten Amtsperiode von Trump sind Dänemark und Grönland in der Defensive, zumal Trump sicherheitspolitisch auch die Trumpfkarte Russland und China zieht und zwar mit dem nicht ganz unberechtigten Hinweis auf die bisher militärisch sträflich vernachlässigte  GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und dem Nordende der USA. 

Eine Minute vor Zwölf versucht sich nun die Nato mit einem Rettungsanker.  Bundeskanzler Friedrich Merz, der sich kürzlich mit anderen europäischen Führungspersönlichkeiten mit Dänemark und Grönland solidarisierte, hat im indischen Ahmedabad sogar Verständnis „für die amerikanischen Besorgnisse geäußert, dass dieser Teil Dänemarks besser geschützt werden muss“ und zugleich die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, „dass wir da zu einer einvernehmlichen Lösung innerhalb der Nato kommen“.  Inzwischen ist auch der holländische Nato-Generalsekretär Rutte wenigstens aufgewacht und hat endlich (seine) Verantwortung auch für die Zukunft der Nato wahrgenommen.

Guter Draht zwischen Berlin und Kopenhagen

Im Ringen um eine mögliche Nato-Lösung stimmt etwas zuversichtlich, dass Bundesaußenminister Wadephul – der CDU-Politiker aus Schleswig-Holstein – bei seinem „freundschaftlich-partnerschaftlichen Gespräch“ am Montag in Washington mit Rubio keinen Anhaltspunkt dafür gefunden hat, dass eine militärische Übernahme durch die USA „ernsthaft erwogen wird“. Wadephul hat dabei auch auf das gemeinsame Interesse der Nato hingewiesen, „sich um die Sicherheitsfragen im arktischen Raum zu kümmern“. Was jedoch unter „ernsthaft“ zu verstehen ist, weiß ja nur Donald Trump, aber immerhin ist es doch nicht nur bilateral wichtig, dass es  – wie Merz und Wadephul ebenso wie SPD-Vizekanzler Klingbeil in Washington betont haben, einen engen Draht zwischen der Bundesregierung und der dänischen Regierung gibt – und, ohne Geheimnisse zu verraten, darf man erwarten, dass Wadephul inzwischen Løkke Rasmussen mit Tipps über sein Gespräch mit Rubio unterrichtet hat.

Das Gespräch des Außenminister-Duos Løkke/Motzfeldt in Washington mag sicherlich, hoffentlich, den amerikanischen Gastgeber über Missverständnisse und auch leider über bewusste Fehlinformationen aufklären, aber eine Entscheidung ist natürlich nicht zu erwarten, denn Rubios Ohr hängt an „his Masters voice“.

Kein FBI-Verhör, aber bitte nur mit einer Stimme

Von größter Bedeutung wird sein, dass es zwischen Løkke und der grönländischen Kollegin Motzfeldt, dies schon mehrfach Misstrauen in Kopenhagen gesät hat, keine Risse, keine Dissonanzen gibt, nur EINE Stimme hilft. Auch wenn es sich ja nicht um ein FBI-Verhör handelt, so wissen die Amerikaner natürlich nur zu genau, dass es zwischen Kopenhagen und Nuuk in letzter Zeit keine hundertprozentige Übereinstimmung gegeben hat. Nicht einmal rhetorisch zwischen Staatsministerin und Außenminister, was allerdings vielleicht nur ein taktisches Rollenspiel ist. 

Dass von namhafter grönländischer Seite sogar erklärt worden ist, man benötige nicht die Kopenhagener Schulter, sondern könne auch mit den USA ganz allein verhandeln, muss hinter den Regierungskulissen höchstes Stirnrunzeln hervorgerufen haben. Zwar wird immer wieder darauf hingewiesen, dass das grönländische Volk nach Artikel 21 in den Bestimmungen der Selbstverwaltung souverän über einen Austritt aus der Reichsgemeinschaft entscheiden kann, aber noch ist allein Kopenhagen für die gesamte dänische Außenpolitik zuständig. Sollte die Mehrheit der Grönländer sich von Süd-Dänemark verabschieden, dann ist zu beachten: Letztlich muss das dänische Folketing entscheiden, ob der Daumen nach oben und nach unten zeigt.

In vertraulichen Gesprächen wurde – noch vor wenigen Jahren – in dänischen Regierungskreisen darauf hingewiesen, dass der Staat Grönland sich selbstständig gar nicht behaupten kann, sondern dann sofort von China oder Russland „geschluckt“ werden würde, übrigens ein Argument, das jetzt auch Präsident Trump in den Mund genommen hat.

Dass die Grönländer nur Grönländer sein wollen, das verdient allemal kulturellen Respekt, und die Freiheit des Selbstbestimmungsrechts muss ihnen auch eingeräumt werden, doch in Nuuk nur zu glauben, dass man zwischen Dänemark und den USA hin- und herpendeln kann, ist gefährlich naiv. Also im Klartext: Sicherheitspolitisch unter den USA, sozialpolitisch jedoch unter Dänemark.

König und Messerschmidt ehrlich

So spielt man nicht, wenn man auf dem Eis im Nordatlantik nicht ausrutschen will. Der einzige dänische Spitzenpolitiker, der bisher eiskalt die Wahrheit ausspricht, ist DF-Chef Morten Messerschmidt, der unmissverständlich erklärt, dass Grönland auch künftig Teil der dänischen Reichsgemeinschaft bleiben muss. Man muss mit Messerschmidt wahrlich auch in dieser Frage nicht einig sein, aber im Gegensatz zu vielen anderen Politikern auf Christiansborg vertritt er eine Haltung, die von den Grönländern sogar lieber und realistischer zur Kenntnis genommen wird als manche Treuebekenntnisse aus Kopenhagen, die allein König Christian X. ehrlich abgenommen werden.

Assoziierungsabkommen mit Dänemark und den USA

Wenn den Grönländern 2026 mehrheitlich die Reichsgemeinschaft mit Dänemark nichts mehr bzw. nicht mehr genug bedeutet, kann man sich des Verdachts eines Doppelspiels nicht ganz erwehren. Man muss zu Recht fragen, warum sie im Rahmen des Artikels 21 nicht schon jetzt jene Verwaltungsbereiche übernehmen, die Dänemark ihnen längst angeboten hat. Dass ein anerkannter dänischer Völkerrechtler darauf hinweist, dass eine Volksabstimmung über eine staatliche Unabhängigkeit Grönlands auch ein Assoziierungsabkommen sowohl mit Dänemark als auch mit den USA ermöglicht, wird sicherlich auch im Weißen Haus geprüft, wo der ehemalige New Yorker Groß-Makler allerdings seine Immobilien-Pläne, die Insel durch eine Einmalzahlung – etwa mit 100.000 Dollar pro Kopf – in die Vereinigten Staaten zu locken, ruhig aufgeben kann. 

Ein Verkauf wie 1917 der der Westindischen Inseln (seitdem U.S. Virgin Islands) von Dänemark an die USA wird sich nicht wiederholen. Im Gegenteil: Dänemark kann darauf verweisen, dass die USA just bei diesem Handel Dänemarks Ansprüche auf Grönland (gegenüber Norwegens Ansprüche auf Ostgrönland) voll anerkannt haben.

Dass Dänemark übrigens damals eigenes Land verkaufte, hatte zwei Gründe:

  1. Die USA fürchteten die kaiserlich-deutsche Flotte vor ihrer westlichen Halbkugel und hegten außerdem den Verdacht, dass Dänemark nach der Niederlage im Krieg von 1864 die Westindischen Inseln als Gegenleistung für Nordschleswig Preußen anbieten würde.
  2. Mit dem Verkaufspreis in Höhe von 25 Millionen US-Dollar konnte Dänemark die „Genforening“ mit Sønderjylland/Nordschleswig finanzieren.
Redaktioneller Hinweis: Dieser Leitartikel wurde am Dienstag vor 14 Uhr verfasst.