Gastkommentar

„Gratis genießen und dabei nachdenken“

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Manche zahlen bereitwillig hohe Summen für Commodore 64 – andere sehen darin nur Elektroschrott. Unsere Zahlungsbereitschaft zeigt, wie unterschiedlich wir Dinge bewerten. Büchereidirektorin Claudia Knauer wirft in ihrem Gastkommentar einen Blick auf Wert und Wertschätzung.

Wofür sind wir bereit zu zahlen? Was ist wirklich umsonst? Die Menschen haben sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen: Während sie bereit sind, über 400 Euro (in den USA sogar um bis zu 1.500 Euro) für ein Taylor Swift-Konzert auszugeben, knausern sie beim Bezahlen für Nachrichten und Hintergrundberichte im Internet, von einem Zeitungsabo ganz zu schweigen.

Streamingdienste werden zuhauf abonniert, für Apps wird bezahlt, aber die Preise für einen Haarschnitt oder eine Taxifahrt sollen möglichst niedrig sein. Das ist nachvollziehbar, weil alle (naja fast – es gibt auch in Dänemark deutlich Ausnahmen) ihr Geld zusammenhalten müssen und man eben verschiedene Prioritäten setzt. Während der eine für einen Commodore 64 viele Kronen hinzublättern bereit ist, würde eine andere den Urzeit-Computer entspannt zum Schrottplatz bringen.

Dabei nähern wir uns dem Werteparadoxon. Es lässt sich durch die Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert erklären. Wasser hat einen hohen Gebrauchswert, da es lebensnotwendig ist, aber einen geringen Tauschwert, weil es in vielen Regionen reichlich vorhanden ist und leicht beschafft werden kann (noch!). Diamanten hingegen haben einen geringen Gebrauchswert, da sie keine lebensnotwendige Funktion erfüllen, aber einen hohen Tauschwert, da sie selten sind und als Statussymbol dienen.

Dabei wird dann auch noch viel zu selten auf die Gesamtkosten geschaut. Wenn wir Krabben kaufen, die in der Nordsee gefischt, aber weit entfernt in Marokko gepult werden, kommen all die Umweltkosten, die der Transport verursacht, in der Regel nicht mit in die gesamtgesellschaftliche Rechnung. Von den schlecht entlohnten Arbeiterinnen und Arbeitern ganz zu schweigen.

Wer ChatGPT 4 nutzt, weiß vielleicht vage, dass das ganz viel Energie kostet, denkt aber nicht an die sogenannten Klickarbeiterinnen und Klickarbeiter, die in Billiglohnländern die KI mit Bildern, Texten und Videos trainieren. Das macht die KI nämlich nicht alleine. Sie muss erst oft genug bestätigt bekommen, dass ein Ei ein Ei ist.

Wenn wir all das einmal mit bedenken würden, wäre zu hoffen, dass wir mit den Ressourcen vorsichtiger umgehen, bevor Wasser auch einen hohen Tauschwert bekommt, weil es selten wird.

Dass etwas gratis ist, bedeutet nicht, dass es keine Kosten verursacht hat. Wir wollen sie nur oft genug nicht kennen. So geht es übrigens auch mit der sogenannten Care-Arbeit, die meist Frauen verrichten. Sie bringen Kinder zur Welt, ziehen sie auf, pflegen, unterstützen und machen den Haushalt (manchmal helfen (!) die Männer) und sorgen so dafür, dass die Gesellschaft und die Wirtschaft funktionieren. Einberechnet wird das in die allermeisten Wirtschaftstheorien nicht. Auch darüber lohnt sich das Nachdenken.