Leitartikel

„FUEV – mehr als vier Buchstaben“

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Hinter den Kulissen streiten sich die deutsche und die dänische Minderheit um den Posten des neuen FUEV-Präsidenten: Sie können sich bisher nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten verständigen. Ex-Chefredakteur Siegfried Matlok führt uns in seiner Analyse durch die Geschichte der deutschen Volksgruppe mit den vier Buchstaben.

In der Geschichte der deutschen Volksgruppe haben nach 1945 vier Buchstaben eine wichtige Rolle gespielt: FUEV. Die im November 1949 ausgerechnet an historischer Stelle in Versailles gegründete „Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen“ – inzwischen wurde der Begriff Volksgruppen durch Nationalitäten ersetzt und die Dachorganisation wird seit 2015 nur noch FUEN genannt – wurde lange Zeit nicht nur in Nordschleswig skeptisch beäugt. Aber sie brachte einen strategischen Vorteil: als Rettungsanker Europas für die nach 1945 ums Überleben kämpfende deutsche Volksgruppe.

1950 Anerkennung durch Fabrikant Matthias Hansen

Ein Durchbruch kam bereits am 1. Juli 1950 beim Kongress der europäischen Minderheiten im niederländischen, westfriesischen Leuwaarden. Als Beauftragter des Bundes deutscher Nordschleswiger nahm erstmalig Fabrikant Matthias Hansen, Hadersleben, teil, der verdienstvoll 1943 die Haderslebener Erklärung mitinitiiert hatte, die als demokratische Grundlage für die Gründung des BdN 1945 diente. Dass Matthias Hansen – auch Vorsitzender des Deutschen Pressevereins – eingeladen wurde, war sicherlich kein Zufall, denn die Initiative zur Veranstaltung kam vom „Conseil federal des Minorités et Regions europeennes“. Dessen Vorsitzender war der frühere konservative dänische Außenminister Ole Bjørn Kraft und dessen Sekretär der Däne Povl Skadegård, der später erster Generalsekretär der FUEV wurde. Und da die dänische Minderheit mit einer Delegation zahlreich vertreten war, musste die Einladung an den BdN praktisch als Anerkennung, ja, als Aufnahme „in die feine Gesellschaft“ betrachtet werden.

Matthias Hansen, der gegenüber der Presse die Anerkennung der deutsch-dänischen Grenze von 1920 durch die deutsche Volksgruppe mehrfach unterstrich, sagte in seiner Rede: „Wir wissen es sehr zu schätzen, Gelegenheit zu haben, als gleichwertiger politischer Partner an dieser Tagung teilzunehmen.“ Er stimmte übrigens für ein Ende der britischen Bombenwürfe auf Helgoland, während sich die dänische Minderheit als einzige enthielt. Nach Hansens Worten war nun „der Mörtel für das neue europäische Gebäude“ gelegt. Die Dachorganisation stand jedoch anfangs im Schatten der Regionen, und erst langsam lösten sich die Minderheiten aus dieser organisatorischen und politischen Umklammerung; man ging von nun an getrennte Wege!

Vorschlag dänische Minderheit: Schmidt-Oxbüll Präsident

1959 übernahm erstmalig ein Vertreter der deutschen Minderheit, der Folketingsabgeordnete Hans Schmidt-Oxbüll, die Präsidentschaft; einstimmig gewählt auf dem 9. Kongress in Aachen.

Bemerkenswert: Es war der Vorsitzende von „Sydslesvigsk Forening“, Hermann Tychsen, der Schmidt-Oxbüll vorgeschlagen hatte. „Jydske Tidende“ glaubte jedoch in einem Leitartikel zu wissen, „dass es Generalsekretär Povl Skadegård gewesen sei, der Tychsen zu seinem Vorschlag bewogen hatte“. Skadegård – „nebenbei“ auch Büroleiter in einem dänischen Ministerium – war der FUEV-Motor nach innen und außen, hatte – so „JT“ – Minderheiten förmlich gesammelt. Das Blatt kam sogar zu dem Ergebnis, der Kongress erinnere „an eine ziemlich bunte Briefmarkensammlung und das Ergebnis einer fleißigen und energischen Hobby-Tätigkeit, sei aber kein lebensfähiger Organismus“.

Der Chefredakteur des „Nordschleswigers“, Jes Schmidt, kam zu dem Ergebnis, „dass es sich bei der Union um eine recht bunte Gesellschaft handele“. Das kann man wohl behaupten, denn die Union umfasste damals u. a. die Deutschen in Polen, in der Tschechoslowakei, Ungarn und Rumänien, die Flamen und Wallonen in Belgien, die Basken in Spanien und Frankreich sowie die Waliser in Großbritannien.

Schmidt-Oxbüll vom BdN gestürzt

Hans Schmidt-Oxbüll blieb Präsident bis 1963, obwohl er bereits 1960 im BdN-Vorsitz durch Harro Marquardsen abgelöst wurde. Er geriet nach Wirbel und Ärger hervorgerufenen Äußerungen auf dem Deutschen Tag über den Wert der Loyalitätserklärung von 1945 innenpolitisch unter Druck und wurde bereits 1960 als Hauptvorsitzender „gestürzt“. Povl Skadegård, seit 1954 Generalsekretär, kam ihm jedoch öffentlich zur Hilfe, als er in einem Artikel in der Zeitung „Hejmdal“ vom 17. August 1960 ausdrücklich Schmidt-Oxbüll würdigte, der nach seiner Auffassung als Politiker in ganz Europa und im schleswigschen Land voll anerkannt sei. Zu dessen Verdiensten gehörte laut Skadegård, dass er sich in der FUEV für die deutsche Minderheit in Polen eingesetzt hatte. Schmidt-Oxbülls unklar formulierte Idee einer deutsch-dänischen Dorfgemeinschaft habe weder etwas mit Autonomie noch mit Separatismus zu tun, so die Verteidigung von Skadegård.

Europa-Streit: FUEV für K. O. Meyer „rechtslastig“

Für den Folketingsabgeordneten Schmidt-Oxbüll, der 1964 nicht mehr als Folketingskandidat nominiert worden war, rückte nun Chefredakteur Jes Schmidt zentral in den Vorstand der FUEV, wo er viele Jahre als Vizepräsident einen verdienstvollen Einsatz leistete. Die FUEV war aber nicht unumstritten. In gewisser Weise war sie viele Jahrzehnte eine Organisation, die es als ihre (durchaus heikle) Aufgabe im Kalten Krieg sah, nicht nur deutsche Minderheiten jenseits des Eisernen Vorhangs mit der Forderung nach Minderheitenrechten für ganz Europa zu unterstützen.

Hier waren sich die Vertreter der deutschen und dänischen Minderheit zwar grundsätzlich einig, aber während der BdN die Präsenz in der FUEV als Bestätigung seines nach 1945 – ohne Alternative – eingeschlagenen europäischen Weges betrachtete, gab es hinter den Kulissen Ärger in der Führung der dänischen Minderheit, weil der mächtige SSW-Landtagsabgeordnete Karl Otto Meyer – wie er es mir gegenüber in einem vertraulichen Gespräch 2014 formulierte – die FUEV als „rechtslastig“ einstufte. Dass der Generalsekretär der dänischen Minderheit, Hans Ronald Jørgensen, und der SSV-Vorsitzende Ernst Meyer auch persönliche Kontakte zu führenden deutschen Nordschleswigern pflegten, war für K. O. linkspolitisch nicht tragbar, zumal er sich in Dänemark längst als EWG-Gegner einen Namen gemacht hatte, weil er die dänische Souveränität für unantastbar hielt.

Basiskritik, aber Zeitenwende mit Hans Heinrich Hansen

Die Wende für die FUEV kam 1990 großpolitisch: Mit dem Fall der Mauer und dem Ende der europäischen Teilung – sozusagen eine Zeitenwende, denn nun konnte die FUEV nicht nur die Anliegen der westeuropäischen Minderheiten offensiv wahrnehmen. In der deutschen Minderheit waren zu diesem Zeitpunkt aber die Sympathien für die FUEV – vorsichtig ausgedrückt – sehr geteilt: Einerseits wollte man zwar die internationale, europäische Arbeit auch im eigenen Interesse identitätsmäßig nicht aufgeben, andererseits wurden die nordschleswigschen FUEV-Aktivitäten jedoch für die über Jahre rückgängigen Wahlzahlen der Schleswigschen Partei verantwortlich gemacht. Die Leute sollten sich mal lieber innenpolitisch mit der Basisarbeit beschäftigen, lautete damals eine oft auch offen vertretene Forderung.

Aber 1993 änderten sich auch die BdN-Spielregeln: Hans Heinrich Hansen wurde neuer Hauptvorsitzender, und er hatte Visionen, die auch über den heimischen Tellerrand hinausragten. Vor allem verfolgte er das Prinzip, Augenhöhe zwischen Mehrheiten und Minderheiten, zwischen Staat und Volksgruppen herzustellen.

Hansens Sprungbrett: Europa

Für ihn war die FUEV das, ja, sein Sprungbrett nach Europa, und ihm kam dabei die dänische Minderheit entscheidend zur Hilfe: Als ihr Vertreter Karl Kring freiwillig aus dem FUEV-Vorstand ausschied, rief Kring den BdN-Generalsekretär Peter Iver Johannsen an – mit dem Angebot, dass die deutsche Minderheit seinen Posten übernehmen könne. Ein Glücksfall nicht nur für die FUEV.

Seit 1994 gehörte Hans Heinrich Hansen nun dem Vorstand an. Sein überzeugendes Engagement – politisch wie menschlich – führte schließlich zu einem breiten europäischen Vertrauensbeweis: Ab 2007 als Präsident der FUEV polierte er das bis 1990 zu rechte Profil und machte die FUEV damit auch in einflussreichen politischen Kreisen wie der EU gesellschaftsfähig. Seine Wahl wurde nicht zuletzt durch die dänische Minderheit gefördert, denn nach Ernst Meyer hatten auch die SSV-Vorsitzenden Ernst Vollertsen und Heinrich Schultz die FUEV-Kontakte nach Nordschleswig nie abreißen lassen. Heinrich Schultz aus Garding wurde zum engen Freund von Hansen, und gemeinsam mit ihm schuf er eine neue Linie, die der FUEV auch international höchste Reputation sicherte. Zu erwähnen sei auch der grenzüberschreitende Einsatz des damaligen Generalsekretärs Armin Nickelsen, Tingleff.

Das „schleswigsche Modell“

Gerade die europäische Partnerschaft zwischen der deutschen und der dänischen Minderheit war ein starkes Indiz für das sogenannte exportfähige schleswigsche „Minderheit-Modell“. Beide Seiten hatten die Lage richtig eingeschätzt, wonach nur durch ihre Gemeinsamkeit Ergebnisse zu erzielen seien.

In diesem Zusammenhang muss vor allem auch die damalige Grenzlandbeauftragte der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung, Renate Schnack, für ihre Verdienste hervorgehoben werden. Sie schenkte in ihrer grenzüberschreitenden Funktion persönlich und politisch sowohl Hans Heinrich Hansen als auch Heinrich Schultz ihr Vertrauen – verbunden mit einer aktiven Unterstützung aus innerer Überzeugung. Mit positiven Folgen: So hat sie etwa hinter den Kulissen die politische Bürgschaft in der Sydbank für dringend notwendige neue Kredite der FUEV übernommen, die praktisch vom ersten Tag an stets finanziell ums Überleben ringen musste. Dadurch hat das Land Schleswig-Holstein das „schleswigsche Modell“ in der FUEV offiziell und finanziell gefördert.

Pandoras Büchse und die Minderheiten

Dass während der Präsidentschaft von Hans Heinrich Hansen (2007-2016) nicht alle FUEV-Träume in Erfüllung gingen, lag nicht am unermüdlichen Einsatz des Präsidenten, sondern an der noch immer bestehenden Befürchtung mancher Nationalstaaten, ihren Minderheiten und autochthonen Volksgruppen jene Rechte zu sichern, die seit den Minderheiten-Erklärungen von 1955 Grundgesetz im deutsch-dänischen Grenzland geworden sind. Für sie war das Thema Minderheit ein heißes Eisen wie Pandoras Büchse. Bloß nicht mit dem Feuer Minderheiten spielen, so die Angst mancher Regierungen in der EU, übrigens manchmal auch überraschend in Berlin und Kopenhagen.

Ehrenpräsident Hansen

Es war gewiss keine Überraschung, dass Hans Heinrich Hansen von der FUEV ehrenvoll zum Ehrenpräsidenten gewählt worden war. Das war kein leerer Posten zum Zurücklehnen auf dem heimischen Sofa an der Flensburger Förde für ihn, der sich weiterhin stets markant in Rede und Schrift für die europäischen Minderheiten einsetzt.

Die FUEV hat manche Fortschritte erzielt, aber sie hat auch hehre Ziele bisher nicht erreicht: Man denke nur an die Forderung nach einem Brüsseler EU-Kommissar für Minderheiten, an die Bürgerinitiative „Minority Safepack“ oder jüngst an eine unverständliche Niederlage vor dem Europäischen Gerichtshof. Auch ihr Angebot, beratend Friedens-Vermittlungen zu übernehmen, wurde leider trotz mancher Krisen nicht genug in Anspruch genommen.

Unnötige Kampfwahl zwischen deutscher und dänischer Minderheit

Aufgaben gibt es also genug für eine Organisation, die inzwischen 100 Mitglieder aus 35 Ländern zählt. Dabei spielt natürlich die Wahl eines neuen FUEN-Präsidenten im Herbst auf dem Kongress in Bozen eine ganz wichtige Rolle für die eigene Zukunft: In gewisser Weise geht es auch um das europäische Erbe von Hans Heinrich Hansen!

Bekannt ist, dass die dänische Minderheit ihren langjährigen Generalsekretär Jens A. Christiansen als neuen Präsidenten vorgeschlagen und der BDN-Hauptvorstand einstimmig den ehemaligen Sozialdienst-Vorsitzenden Gösta Toft als Gegenkandidaten aufgestellt hat. Christiansens große und überall anerkannte Stärke ist ein über die Jahre gefestigtes, erstaunliches deutsch-dänisches Netzwerk auf höchstem Niveau – bei der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung, bei der dänischen Regierung und auch bei der Bundesregierung. Demgegenüber verweisen Anhänger von Gösta Toft nicht nur auf seine volksgruppenpolitische Fahrleistung im SP-Käfer, sondern auch auf seine Erfahrung im FUEV-Vorstand, wo ihm bescheinigt wird, dass er sich als Vizepräsident in den vergangenen Jahren besonders für kleine (noch kleinere) europäische Minderheiten sehr aktiv eingesetzt hat.

Versuche, hinter den Kulissen zwischen der dänischen und deutschen Minderheit Einigung über einen einzigen Kandidaten zu erreichen, sind gescheitert, wohl auch zum Bedauern von Hans Heinrich Hansen, der just die Gemeinsamkeit mit dem strategischen FUEN-Hauptsitz in Flensburg als verpflichtendes schleswigsches Kapital für beide Minderheiten in Europa betrachtet.

Gemeinsamkeit ist das Gebot der Stunde

Wenn jedoch beide Züge bei der Wahl in Bozen aufeinanderprallen, freut sich ein Dritter – ein schon bereitstehender und dann auch mehrheitsfähiger osteuropäischer Kandidat.

Man kann also nur wünschen, dass sich SSF und BDN noch verständigen, weil andernfalls auch Irritationen in der bisher so vertrauensvollen Zusammenarbeit über die Grenze hinweg nicht zu vermeiden sind.

Sollte man sich aber 75 Jahre nach dem FUEV-Eintritt des BdN durch Matthias Hansen nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten verständigen, wie es leider zurzeit aussieht, dann ist zu befürchten, dass der Einfluss beider Minderheiten auf die künftige Entwicklung in Europa schwinden wird – vor allem politisch, was aber auch finanziell nicht zu unterschätzen ist.

Und just das Gegenteil ist 2025 in einer so unsicheren geopolitischen Lage für Mehr- und Minderheiten dringend geboten!