Leitartikel

„Freud und Leid eng nebeneinander im DSSV“

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Enttäuschung in Rapstedt. Freude in Lunden. Warum überlebt ein Standort der Minderheit und ein anderer nicht? Chefredakteur Gwyn Nissen kommentiert die schwierigen Entscheidungen in der Minderheit.

Ursprünglich war auch eine Schließung des Standorts Lunden vom DSSV geplant, doch Schule und Kindergarten auf Nordalsen überleben, und es soll sogar Geld in die Verbesserung der Gebäude investiert werden.

Im größten Verband der deutschen Minderheit liegen Freud und Leid in diesen Tagen daher eng nebeneinander. 

Überhaupt sind in der Minderheit in den kommenden Jahren Veränderungen angesagt, denn das ist in den vergangenen Wochen deutlich geworden: Wenn sich die Welt um uns herum ändert, muss sich die Minderheit auch verändern. Auch dann, wenn es wirklich weh tut.

Finanzen nicht im Griff

Der DSSV macht mit einem Umsatz von 300 Millionen Kronen jährlich Dreiviertel der Aktivitäten in der Minderheit aus. Doch der größte Verband der Minderheit hat finanzielle Herausforderungen.

Die Gründe: Es ist in einigen Bereichen nicht früh genug auf Änderungen reagiert worden, darunter darauf, dass die Anzahl der Kinder in den Kindergärten gefallen ist. Dem hat sich der DSSV nicht angepasst. Es gab bis vor Kurzem auch kein angemessenes Controlling und die Verantwortlichkeiten innerhalb des Verbandes waren unklar. Das hat zu finanziellen Schwierigkeiten geführt. 

Es gibt aber auch Probleme, die nicht unmittelbar mit dem DSSV zu tun haben: Derzeit fehlen im Vergleich zu vor einigen Jahren 140 Kinder in den Kindergärten, und diese Tendenz wird sich in den kommenden Jahren auch bei den Schulen bemerkbar machen. Damit fehlen Zuschüsse in Millionenhöhe. Anpassungen sind nötig, aber das ist bei den kleinen Institutionen der Minderheit leichter gesagt als getan.

Am Kindermangel kann der DSSV wenig ändern, außer im Konkurrenzkampf mit dänischen Einrichtungen ein noch besseres Marketing und Betreuungsangebot anzubieten. Das ist in sich aber schon schwer genug.

Was die finanzielle Lage angeht, muss der DSSV (und die Minderheit) weiterhin an allen Stellschrauben drehen, damit das Geld ausreicht. Der Verband passt sich gerade an die neue Situation an, ist aber noch mittendrin im Prozess.

Mit der Schließung in Rapstedt ist zwar erst einmal etwas Luft im DSSV-Haushalt geschaffen, doch damit sind längst nicht alle finanziellen Probleme gelöst. 

Bitter für Rapstedt

Der Kindergarten in Rapstedt schließt demnächst, die Schule zum Schuljahresende im Sommer 2026. Das ist bitter für den kleinen Ort – für die Kinder, ihre Eltern, Lehrerinnen, Lehrer sowie Pädagoginnen und Pädagogen. Sie haben mit viel Herz für ihre Einrichtungen gekämpft und mit ihrem innovativen Konzept ZuSammen bis zuletzt gehofft, die drohende Schließung abwehren zu können.

Was in Rapstedt nicht klappte, gelang dem Standort Lunden: die Rettung. Das Potenzial scheint auf Nordalsen größer zu sein mit dem neuen Ferienressort (= neuen Arbeitsplätzen) und großen internationalen Unternehmen wie Linak und Danfoss.

Außerdem kamen die 104 Millionen Kronen für den Campus am Gymnasium in Apenrade gerade rechtzeitig, weil dadurch Geld frei wird für andere Projekte, darunter die Gebäudesanierung in Lunden.

Orte wie Rapstedt sind dagegen vom demografischen Wandel hart betroffen – das gilt für die Mehrheitsbevölkerung, aber besonders für die deutsche Minderheit mit ihren kleinen Einheiten, die nicht so wirtschaftlich betrieben werden können wie große dänische Kindergärten und Schulen.

Fakt ist, dass der Konkurrenzkampf in Rapstedt groß ist und das Einzugsgebiet dadurch zu klein. Denn nicht nur im Ort gibt es eine dänische Schule, auch drumherum liegen innerhalb von 15 Minuten Fahrzeit vier deutsche Schulen – Lügumkloster (Løgumkloster), Buhrkall/Bülderup (Burkal/Bylderup), Tingleff und Rothenkrug (Rødekro).

Und alle kämpfen um dieselben – und immer weniger – Kinder.

Die vielen anderen Standorte sind wiederum deutsche Alternativen für Eltern und Kinder, die jetzt keine deutsche Schule oder keinen Kindergarten mehr in Rapstedt haben werden. Es gibt noch Angebote der Minderheit – die passen könnten.

Ein Ruck durch die Gemeinschaft?

Bereits seit einigen Jahren gibt es dort keinen Sportverein oder BDN-Ortsverein mehr. Es gibt natürlich noch Minderheitenangehörige, doch das deutsche Vereinsleben ist eingeschlafen. Mit der Schließung des Standorts Rapstedt ist (vielleicht) auch die letzte Hoffnung erloschen. 

Schule und Kindergarten wollten es dort mit ZuSammen wiederbeleben. Es wäre ihnen gegönnt gewesen – aber jetzt bekommen sie die Chance nicht. 

Vielleicht sorgt es aber dennoch für einen Ruck in der Gemeinschaft in Rapstedt, doch noch etwas auf die Beine zu stellen. Trotz aller Enttäuschung.

In dem Örtchen Uk (Uge) zwischen Apenrade (Aabenraa) und Tingleff (Tinglev) lebt die deutsche Gemeinschaft noch – klein, aber stark. 

Das könnte vielleicht auch in Rapstedt klappen, wenn sich dafür engagierte Leute aus der Minderheit finden. So, wie es auch gelungen ist, das Pfingstturnier am Leben zu halten, trotz Schließung des Sportvereins. 

Jetzt erst Recht! 

Das wäre ein starkes Zeichen aus Rapstedt – auch wenn es für die Rettung der Institutionen zu spät ist.

Holpriger Anlauf

Obwohl der Auftakt auf dem Entscheidungsweg in den Minderheiten-Gremien mehr als holprig war, haben beide Standorte die Chance bekommen, Argumente und Konzepte für ihr Überleben aufzubringen. 

Die Demokratie in der Minderheit funktioniert also doch noch – auch wenn am Ende nicht alle Recht bekommen haben.

Hätten die Verantwortlichen des DSSV und des BDN dennoch etwas anders oder besser machen können? Sicherlich. Schulschließungen sind zum Glück aber kein Alltagsereignis, und es liegt kein Masterplan für solche Entscheidungen vor. 

Dennoch war die Beschlussgrundlage diesmal umfassender und gründlicher, als bei früheren Schul- und Kindergartenschließungen. Trotzdem entstehen in einem solch komplizierten Verlauf auch Fehler, und es kommen vor allem Gefühle auf, wenn „meine Schule“ schließen muss. Das war nicht anders zu erwarten. 

Hätte sich an der jetzigen Entscheidung aber etwas geändert? Wahrscheinlich nicht. Sie hätte sich höchstens verzögert.

Signal an andere

Es war nicht die erste Schließung einer Schule und eines Kindergartens (in diesem Jahr ist auch der Kindergarten in Wilsbek geschlossen worden). Und es wird auch nicht die letzte sein. 

Dazu muss man kein Hellseher sein, obwohl die Gefahr fürs Erste verflogen ist. Eltern, Kinder und Personal an den Institutionen müssen sich zwar keine unmittelbaren Sorgen machen, aber die aktuellen Schließungen sind auch ein deutliches Signal, dass das Geld nicht ewig von allein kommt, und jetzt schon vorgesorgt werden muss für die nächste Krise. 

In Lunden und Rapstedt haben sie mit der Pistole auf der Brust in kürzester Zeit neue Konzepte auf die Beine gestellt – ähnliche Überlegungen sollten sich auch alle anderen Standorte machen. Und übrigens auch alle Verbände und Vereine in der deutschen Minderheit: Wie stellen wir uns in Zukunft auf?

Für jeden Einzelnen und jede Einzelne in der Minderheit ist es auch ein Zeichen, zusammenzurücken und sich zur Gemeinschaft zu bekennen – zum Beispiel mit einer BDN-Mitgliedschaft. Denn der Dachverband der Minderheit ist nur so stark wie seine Basis. 

Die deutsche Minderheit muss sich nicht gänzlich neu erfinden, aber es müssen neue Weichen gestellt werden. Auch das wird nicht ohne Einschnitte und Veränderungen gehen. 

Denn darüber müssen wir uns im Klaren sein: Wenn sich die Welt um uns herum ändert, muss sich die Minderheit auch verändern.

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Disclaimer: Gwyn Nissen sitzt als Chefredakteur des „Nordschleswigers“ selbst im Hauptvorstand des BDN. Allerdings ohne Stimmrecht. Die Schließung des Standorts Rapstedt wurde auf einer geschlossenen Sitzung beschlossen, deren Inhalte vertraulich sind und daher nicht in den Leitartikel fließen.