Leitartikel

„Fall Manu aus Tingleff: Dänemark will seine Integration nicht“

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Ein Gesetz, das Weiterbildung bestraft – das ist das Gegenteil von Integration, meint „Nordschleswiger“-Redakteurin Marle Liebelt. Der Fall Manu aus Nordschleswig zeigt: Unsere Politik würdigt weder Qualifikation noch Einsatz. Andere Länder machen vor, wie es besser geht.

Jitendranath „Manu“ Pursun lebt seit zwölf Jahren in Dänemark. Er wohnt in Tingleff (Tinglev), ist verheiratet, spricht fließend Dänisch, arbeitet und engagiert sich ehrenamtlich. Eigentlich erfüllt er genau das Bild, das Politikerinnen und Politiker so oft als Ideal der Integration beschreiben – und doch muss er weiter auf sein dauerhaftes Bleiberecht warten. Denn er hat sich weitergebildet.

Paradoxerweise verschiebt nämlich ausgerechnet der Schritt, der ihn beruflich und sprachlich noch stärker ins Land eingebunden hat, seinen Anspruch, hierzubleiben um mindestens vier Jahre nach hinten. Aber so muss es nicht sein. Dänemark scheut echte Integration und verzichtet auf großes Potenzial, während andere Länder zeigen, dass es auch anders geht.

Arbeit ja, Ausbildung nein

Für Menschen aus Nicht-EU-Ländern gilt nämlich: Wer eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung beantragen will, muss mindestens acht Jahre in Dänemark leben und in den vergangenen vier Jahren mindestens dreieinhalb Jahre in Beschäftigung gewesen sein. Das Problem, auf das auch Pursun jetzt gestoßen ist: Eine Ausbildung zählt dabei nicht als Beschäftigung – auch nicht, wenn sie vergütet wird.

Wer eine Ausbildung beginnt, verliert in Dänemark nicht nur Beschäftigungsjahre. Die Uhr wird sogar auf Null gestellt. Für Manu heißt das: Alles vor seiner Ausbildung zählt nicht. Seit März 2025 läuft die Frist neu, sein Antrag auf Bleiberecht kann also frühestens ab März 2029 berücksichtigt werden – vorausgesetzt, er kommt zwischenzeitlich nicht auf die Idee, sich noch weiter zu qualifizieren.

Integration durch Qualifikation?

„Tausende Menschen sind von außen hierhergekommen. Sie haben Dänisch gelernt, sind zur Schule gegangen, haben sich ausbilden lassen, sind in Arbeit und teilen unsere Werte. Ich möchte zu euch allen sagen: Ihr seid Teil der Gesellschaft. Ihr tragt zum Gemeinwesen bei.“

Das hat Staatsministerin Mette Frederiksen mal gesagt – und zwar 2019, in ihrer Eröffnungsrede im Folketing, zu Beginn der vergangenen Legislaturperiode. Bis heute, nichts als heiße Luft. Auch Jitendranath Pursun dürfte sich bis heute fragen, wovon die dänische Regierungschefin da redet.

Wenn Dänemark Integration durch Qualifikation wirklich ernst meinen würde, könnte die Regierung diese Hürde mit einem Federstrich beseitigen: Ausbildung als Beschäftigung anerkennen oder flexible Anrechnungsmodelle einführen. Das ist keine komplizierte Gesetzesbaustelle, sondern bedarf einer einfachen politischen Entscheidung. Dass sie nicht getroffen wird, sendet eine klare Botschaft: Dänemark will keine echte Integration, sondern Menschen aus anderen Ländern und Kulturen das Leben hier schwer machen.

Es geht auch anders

Aber wer macht es besser? Kanada. Das nordamerikanische Land geht beim Thema Integration und Qualifikation einen völlig anderen Weg.

Dort gibt es ein Punkte-System, das darauf abzielt, Qualifikation mit Bleibe-Aussichten zu belohnen. Einfach gesagt: Wer nach Kanada kommt und eine berufliche Qualifikation macht oder schon mitbringt, hat gute und schnelle Aussichten, zu bleiben. Express-Entry nennt sich das in der Praxis.

Auch beim kanadischen Modell ist nicht schwer herauszuhören, dass es nicht um Menschlichkeit geht. Das Land will schnell und maximal von der Expertise ausländischer Bürgerinnen und Bürger profitieren. Aber es ist eben bereit, dafür auch etwas zu geben.

Der Fall Manu zeigt, dass Dänemark diese Bereitschaft nicht hat. Die Regierung hält es für wichtiger, Einwanderung unattraktiv zu machen, als die eigene Wirtschaft mit der Expertise ausländischer Fachkräfte zu bereichern.