Gastkommentar

„Einfach mal in den Garten gehen“

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Die Vorgänge in der Welt verlangen der mentalen Gesundheit zurzeit viel ab. Claudia Knauer findet ihre ausgleichenden Momente im Garten. Hier gilt, was überall gelten sollte: leben und leben lassen.

Mir ist schon klar, dass die Welt gerade extrem in Unordnung ist. Jeden Morgen fragt man sich mit bangem Blick auf die neuesten Nachrichten: Was haben die Autokraten und Verrückten dieser Welt jetzt schon wieder angerichtet? Neuer Einmarsch, Bomben auf Zivilisten, Abschaffung von Ministerien oder Verhaftung politischer Konkurrenten, die ganz offensichtlich als Feinde begriffen werden?

Die Demokratie hat es derzeit schwer, und wir alle sind aufgerufen – nicht um als Wutbürger irgendwo schäumend Dampf abzulassen, sondern konkret für unsere Werte einzustehen. Sei es, dass wir die Waren mit dem schwarzen Stern kaufen, die in vielen dänischen Läden signalisieren, dass sie von Firmen stammen, die in europäischem Besitz sind, also Graastener Ketchup statt Heinz. Sei es, dass wir auf Demos gehen oder Briefe an Inhaftierte schreiben, um ihnen Mut zu machen.

Aber bevor das alles mental überhandnimmt, muss und darf man gerne auch einmal den Stecker ziehen. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, sich in die vielen Prospekte zu vertiefen, die jetzt zur verschärften Gartenarbeit motivieren wollen. Es könnte Saatgut eingekauft werden, mit Sämlingen in kleinen Töpfchen die sonnige Fensterbank bestückt und die Astscheren gereinigt und geölt werden. Die richtigen Profis haben vermutlich schon damit begonnen, den Garten frühlingsklar zu machen.

Ich bin in der Hinsicht, wie man dem Text vermutlich entnehmen kann, eine absolute Null. Ich gehe in den Garten und erfreue mich an den Winterlingen, die schon wieder verblüht sind, an den Schneeglöckchen, dem Krokus und den Hyazinthen, die irgendwo auftauchen, weil ich die Blumenzwiebel da vergraben habe. Bei mir blüht es hier und dort, ohne Sinn und Verstand, einfach, weil ich der Natur ihren freien Raum lasse. Wachsen und wachsen lassen. Ich liebe das. Also, auch ohne den großen Plan, einfach in den Garten gehen und dem Gras beim Wachsen zuschauen und durchatmen. Danach können wir wieder anfangen, die Welt zu retten. Sie hat es nötig.