Diese Woche in Kopenhagen

„Ein Prost auf die Königin von Nørrebro“

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Das Café Viking ist eine Institution in Kopenhagen. Die handfeste Wirtin Jane Pedersen hat es dazu gemacht. Selbst von den lokalen Gangstern hat sie sich nicht einschüchtern lassen, erinnert sich Walter Turnowsky, der unweit der Kneipe wohnt.

Der Stadtteil, in dem ich wohne, ist etwas ganz Besonderes. So ist zumindest das Selbstverständnis auf Nørrebro. Es ist etwas anderes, als das übrige Land – ja fast schon ein eigener Staat.

Rein politisch verorten sich die meisten Menschen auf Nørrebro irgendwo zwischen weit links und ganz links. Da sollte man meinen, dass der „Staat“ Nørrebro eine Republik sei.

In Wahrheit ist er jedoch eine Monarchie, und die Königin heißt Jane. Genauer gesagt: Mor Jane, denn sie ist niemandem unter einem anderen Namen bekannt.

Ihr Palast ist das Café Viking nur wenige Fußminuten von meiner Wohnung entfernt (Disclaimer: Es ist nicht meine Stammkneipe). Seit 1988 hat sie dort geherrscht und seit ihrer Scheidung 1999 ist die Herrschaft uneingeschränkt. Erst im vergangenen Jahr hat sie das Zepter weitergereicht.

Mor Janes rote Haarfarbe macht gar nicht erst den Versuch, natürlich auszusehen. Hinter ihrem Tresen stehend, hat sie immer das Wohlergehen ihrer Untertaninnen und Untertanen im Auge gehabt. Mit ihrer Art hat sie sowohl junge Leute als auch routinierte Alkoholkonsumentinnen und -konsumenten in die Kneipe gelockt.

In dieser Hinsicht ähnelt das Viking dem Postkro in Apenrade (Aabenraa), wie ich ihn aus meiner Zeit am Deutschen Gymnasium für Nordschleswig kenne. (Ich habe keine genauen Informationen dazu, welches Publikum heute dorthin geht.)

Mor Jane in ihrem Reich (Archivfoto von 2015)

Die damalige Wirtin Christa dürfte wohl eine Seelenverwandte von Mutter Jane gewesen sein. In ihrer fürsorglich-handfesten Art sorgte sie für Ruhe und Ordnung. Alle wussten, dass sie keinen Mist bauen durften, denn ansonsten drohte die Höchststrafe: Lokalverbot!

Der Erpressungsversuch

Die beiden Kneipen haben auch die Rauchschwaden gemein. Und mitten in den Rauchschwaden im Viking ereignet sich 2012 etwas, dass Mor Jane gegen ihren Willen weit über die Grenzen von Nørrebro bekannt machen sollte.

Ein Möchtegern-Gangster trat in das Viking. Er erklärte, er käme von der Bande „Brothas“ und verlangte Schutzgeld. Da hatte er allerdings die Rechnung so gänzlich ohne die Wirtin gemacht. Und so musste er unverrichteter Dinge mit seinen Komplizen davonfahren.

Am darauffolgenden Abend wurden im Viking drei Scheiben eingeschmissen. Auf der gegenüberliegenden Seite parkte in den darauffolgenden Tagen ein Auto mit getönten Scheiben in der gesamten Öffnungszeit der Kneipe. Die „Brothas“ waren als eine zutiefst kriminelle Gruppierung bekannt. Sie ist in mehrere Bandenkriege verwickelt gewesen.

Die Reaktion

Wie sie seither mehreren Medien berichtet hat, hat sie drei Nächte lang nicht geschlafen. Doch dann fasste sie den Entschluss, dass sie sich nicht einschüchtern lassen wollte.

Sie bestellte lokale Geschäftseigner, Vertretende der Kommune und der Polizei sowie die Presse in ihrer Kneipe. Die Geschichte von der handfesten Kneipenwirtin rauschte durch den Blätterwald.

Und jetzt zeigte sich Nørrebro von seiner besten Seite. Niemand sollte „unserer“ Mor Jane etwas antun, war die Einstellung – egal ob man sie jetzt kannte oder nicht. Unter dem Slogan „Ja til øller, nej til bøller“ stellte sich die Lokalbevölkerung hinter sie. Die deutsche Übersetzung „Ja zu Bier, nein zu Rowdys" ist nicht ganz so schmissig.

Das Konzert

Bald war auch schon ein Solidaritätskonzert auf die Beine gestellt. Die Straße vor dem Viking wurde dafür gesperrt. Zwei Tage lang löste eine Band die andere ab. Beteiligt waren Menschen jeden Alters, jeder Farbe und Form. Mor Jane hielt eine Rede und konnte dabei die Tränen nicht ganz zurückhalten.

Aufgrund von Jane Pedersens Zeugenaussage, konnte die Polizei den 19-jährigen Erpresser identifizieren. Er wurde zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Sie selbst war davon nicht sehr begeistert. Es nütze doch nichts, so jemanden einzusperren.

„Wir sind doch selbst schuld, dass wir Probleme mit Einwanderern der zweiten Generation haben. Wir haben sie nie integriert“, hat Mor Jane zu „Politiken“, gesagt.

Sie hat sich nach dem Urteil mit dem Täter auf seinen Wunsch hin zu einer Mediation getroffen. Er sei keine schlechte Person, sondern lediglich ein Junge, der vergessen hatte, sich ordentlich zu benehmen, sagte sie zu „Alt for Damerne“.

Die Rente

Nach dem Solidaritätskonzert und dem Gerichtsverfahren kehrte allmählich wieder Alltag im Café Viking ein. Seither hat keiner mehr versucht, Schutzgeld von der Wirtin zu verlangen. Allerdings hatte sie sehr gegen ihren Willen eine Alarmanlage einbauen lassen.

Im Januar des vergangenen Jahres konnte Jane ihre zwei Enkel überreden, die Kneipe zu übernehmen. Einmal in der Woche steht Mor Jane noch selbst hinter dem Tresen. Der Weg dorthin ist nicht weit, denn sie wohnt direkt über dem Viking.

Am 5. Juli feiert Jane Pedersen ihren 80. Geburtstag. Wer an diesem Tag in Kopenhagen ist, kann im Viking vorbeischauen; die Kneipenwirtin lädt ein. „Zum Teufel, kommt, und feiert mit mir“, schreibt sie sinngemäß auf Facebook.

Ich kann nicht teilnehmen, deshalb an dieser Stelle schon einmal:

Ein Prost auf die Königin von Nørrebro!