Leitartikel

„Ein Jahr der Zerreißprobe – und was jetzt kommen muss“

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Rückblick: Was waren 2025 die wichtigsten Ereignisse in der deutschen Minderheit? Chefredakteur Gwyn Nissen kommentiert ein ungewöhnliches Jahr in Nordschleswig.

2025 war kein gewöhnliches Jahr für die deutsche Minderheit in Nordschleswig. Es war ein Jahr, in dem Existenzfragen gestellt wurden – und nicht alle davon sind beantwortet. 

Die Schließungen der Kindergärten in Wilsbek (Vilsbæk) und Rapstedt (Ravsted) sowie der Deutschen Schule Rapstedt haben tiefe Gräben hinterlassen. Auf der einen Seite: überrumpelte Eltern und verunsicherte Angestellte. Auf der anderen: eine DSSV-Führung, die unter enormem finanziellem Druck handeln musste. Mit über 300 Millionen Kronen Umsatz macht der Deutsche Schul- und Sprachverein (DSSV) drei Viertel der Finanzen der Minderheit aus. Wenn es hier kriselt, wackelt das Fundament für alle.

Doch die finanzielle Schieflage ist nur ein Teil des Problems. Drei Schulrätinnen in zwölf Monaten. Ein Geschäftsführer, der nach fünf Monaten das Handtuch geworfen hat. Eine kommissarische Geschäftsführung. Der Rücktritt des DSSV-Hauptvorsitzenden und Start einer neuen (kommissarischen) Hauptvorsitzenden. Ein Führungswechsel nach dem anderen. 

Diese Instabilität kostet mehr als Geld. Die Frage für 2026 lautet daher nicht nur: Sind die Finanzen im Griff? Sondern auch: Kehrt endlich Ruhe ein? Werden Perspektiven entwickelt, an die Menschen glauben können? Der DSSV – und die Minderheit – braucht beides: solide Zahlen und verlässliche Führung.

Lichtblicke gab es trotzdem

Wer nur auf die Krise schaut, verpasst das Wesentliche. Denn während im DSSV die Alarmsirenen heulten, wurde anderswo in der Minderheit gelebt, gefeiert und gestaltet.

Jørgen Popp Petersen von der Schleswigschen Partei wurde in Tondern (Tønder) erneut zum Bürgermeister gewählt – ein Erfolg, der zeigt, dass die Minderheit politisch sichtbar und wirksam ist. Im Büchereiwesen und in der Musikvereinigung wurden große Jubiläen begangen. Vereine wie die Germania in Sonderburg (Sønderborg) oder die Schützen in Feldstedt (Felsted) feierten ebenfalls runde Geburtstage.

Und dann sind da die Stillen im Land: Menschen wie Eggert Mumberg, Willi Schidlowski, Irene Feddersen, Gerhard Mammen und Irmgard Hänel, die in diesem Jahr für ihre jahrelange ehrenamtliche Arbeit geehrt wurden. 

Doch auch hinter denen, die eine Auszeichnung erhalten, stehen Dutzende andere, die im Hintergrund stemmen, organisieren und zusammenhalten. Sie sind das Rückgrat der Minderheit – und verdienen weit mehr Anerkennung, als Pokale und Urkunden je ausdrücken könnten.

Minderheit wird eben nicht nur in Millionen-Haushalten gemacht, sondern im Chor, beim Vortrag, an der Tischtennisplatte, beim Bier nach dem Handballtraining. Dort, wo Menschen zusammenkommen, ist auch „Der Nordschleswiger“ vor Ort – weil es unser Auftrag ist, ganz nah an den Menschen zu sein.

Lobbyarbeit ist kein Kaffeekränzchen

Während die Basis den Alltag trägt, muss die Spitze nach außen wirken. Wenn die Führung des Bundes Deutscher Nordschleswiger für ein 15-minütiges Gespräch mit Bundeskanzler Merz nach Kopenhagen reist oder in Berlin und Kiel vorspricht, mag das nach einem angenehmen Ausflug klingen. Doch es ist knallharte politische Lobbyarbeit – oft undankbar, stets mit ausgestreckter Hand.

Dass diese Arbeit Früchte trägt, zeigt 2025 eindrucksvoll: 14 Millionen Euro aus Berlin für den Campus-Bau in Apenrade (Aabenraa), 5 Millionen Kronen aus Kopenhagen plus weitere 700.000 Kronen für die Museumsarbeit, an der sich auch das Land Schleswig-Holstein neuerdings beteiligt. Solche Erfolge fallen nicht vom Himmel – sie werden erkämpft.

Was 2026 bringt

Die Minderheit steht vor einem Führungswechsel. Nach 19 Jahren gibt Hinrich Jürgensen am 2. Juni den Vorsitz ab. Claudia Knauer, Büchereidirektorin in Apenrade, und Stephan Kleinschmidt, langjähriger Politiker in Sonderburg (Sønderborg), haben ihre Kandidatur angekündigt. Beide bringen Erfahrung und Visionen mit – doch wer auch immer gewählt wird, erbt eine Minderheit im Umbruch. Der „Nordschleswiger“ wird auch diese Wahl intensiv begleiten.

Wir selbst schreiben 2026 ebenfalls Geschichte: Am 2. Februar wird „Der Nordschleswiger“ 80 Jahre alt. Seit fünf Jahren sind wir digital – und im Februar erneuern wir unsere Webseite und die App. Neue Kleider, aber das gleiche Versprechen: nah an den Menschen, mitten im Geschehen. Unsere digitale Reise geht weiter – und wir hoffen, dass ihr auch 2026 dabei seid.

Das Team des „Nordschleswigers“ wünscht euch einen guten Rutsch ins neue Jahr.