Leitartikel

„DSSV-Zukunft: Strategische Entscheidung statt langsames Ausbluten“

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Die deutsche Minderheit musste über die Jahre mehrere Institutionen schließen. Notwendige Entscheidungen, um anderen Einrichtungen eine Perspektive zu geben, meint Chefredakteur Gwyn Nissen. Auch, wenn es wehtut.

Uk, Osterhoist, Hoyer, Mölby, Wilsbek. Und jetzt auch Lunden und Rapstedt? Es tut weh im Minderheiten-Herz, wenn Schulen und Kindergärten geschlossen werden müssen, richtig weh. Deshalb fließen in diesen Tagen auch Tränen der Trauer und Verzweiflung darüber, dass „mein Kindergarten“ und „unsere Schule“ vielleicht schließen müssen.

Der Hauptvorstand des Deutschen Schul- und Sprachvereins hat den örtlichen Kindergarten- und Schulvorständen in Rapstedt (Ravsted) und Lunden vorgeschlagen, die deutschen Einrichtungen dort im Doppelpack Kindergarten/Schule zu schließen. Der Schock vor Ort ist groß, wobei es seit dem Frühjahr allen im DSSV-System klar gewesen sein muss, dass es in Verbindung mit einer Analyse der Gesamtsituation natürlich unbequeme Entscheidungen geben würde.

Der DSSV-Hauptvorstand hat auf Grundlage dieser umfassenden und detaillierten Analyse beschlossen, dass man ohne die Standorte Lunden und Rapstedt in die Zukunft gehen möchte.

Strohhalm für die Standorte

Lunden und Rapstedt werden nach dem Strohhalm greifen, den der DSSV ihnen gereicht hat: Ein neues, überzeugendes, finanziell tragbares Konzept könnte den DSSV-Hauptvorstand umstimmen. Voraussetzung ist eine gemeinsame Lösung für den einzelnen Standort, denn nur im Doppelpack hält der DSSV die Einrichtungen für überlebensfähig.

Die Ausgangslage für die örtlichen Vorstände, einen neuen Weg zu finden, ist schwierig, zumal sie mit demselben Zahlenmaterial arbeiten müssen, wie der DSSV-Hauptvorstand. Sie müssen daher noch tiefer graben, um neue Lösungen und Finanzen für ihre Institutionen zu finden, als es der DSSV vor ihnen bereits getan hat.

Es fehlen die Kinder

Vor allem die Demografie ist eine unbarmherzige Gegnerin. In den vergangenen Jahren war vor allem der Zuzug aus Deutschland eine helfende Hand für die Institutionen der Minderheit.

Doch jetzt machen sich die fallenden Geburtenzahlen und die allgemeine Entwicklung im ländlichen Raum bemerkbar: Der DSSV hat in den vergangenen drei Jahren 140 Kinder weniger in den deutschen Kindergärten registriert. Das wird sich in den kommenden Jahren auch in den Schulen bemerkbar machen.

Hinzu kommt, dass fehlendes Geld aus der Bundesrepublik Deutschland – aber auch fehlende Priorisierung in einigen Institutionen – dazu geführt haben, dass es einen millionenschweren Nachholbedarf an den deutschen Schulen und Kindergärten gibt. Sehr schlimm trifft es dabei Lunden, wo hier und jetzt über drei Millionen Kronen gebraucht werden, um die schwerwiegenden Mängel aufzufangen – insgesamt aber 8 Millionen Kronen in die Gebäude investiert werden müssten, so die Analyse eines Bautechnikers.

Gesamtlage musste analysiert werden

Rapstedt und Lunden sehen sich in diesen Tagen als Bauernopfer für die finanzielle Schieflage im DSSV. Sie würden den Preis dafür zahlen, dass es unter anderem im Zusammenschluss der deutschen Kindergärten (DKA) in Apenrade (Aabenraa) finanzielle Missstände gibt.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Die finanziellen Probleme in den DKA sind Auslöser dafür gewesen, dass der DSSV gezwungen worden ist, die Gesamtlage zu analysieren. Aber nicht der Grund, weshalb beim DSSV das Geld nicht mehr reicht.

Auch ohne die DKA-Probleme hätte sich der DSSV mit seiner Zukunft auseinandersetzen müssen – darunter, wie sich der größte Verband der Minderheit künftig aufstellen möchte. Daher ist der jetzige Beschluss kein Schnellschuss, sondern eine strategische Entscheidung, die hier und jetzt wehtut, vor allem in Lunden und Rapstedt.

Anders wirtschaften als bisher

Der DSSV muss sich neu aufstellen, denn das Geld reicht heute und in Zukunft nicht aus, um die jetzige Struktur weiter zu finanzieren. Der Verband muss anders wirtschaften als bisher – und es eilt, wenn der Schaden nicht noch größer werden soll.

Hätten in der hochbeschworenen Minderheiten-Solidarität alle Schulen und Kindergärten vielleicht etwas mehr abgeben können, um alle Einrichtungen am Leben zu halten? Die Salami-Methode funktioniert, um schnelle Lösungen herbeizuführen, aber es ist keine langzeithaltbare Strategie, alle Schulen und Kindergärten – oder andere Verbände der Minderheit – langsam ausbluten zu lassen.

So schlimm es in diesen Tagen auch für Kinder, Eltern und Personal in Lunden und Rapstedt sein mag – es geht nicht ums individuelle Befinden oder lokale Wünsche, sondern es geht um mehr, nämlich um die Zukunft der Minderheit, die sich in allen Belangen der neuen Wirklichkeit anpassen muss. Wenn der DSSV blutet, dann blutet die Minderheit.

Zur Strategie gehört daher, dass der DSSV sich Gedanken darüber machen muss, womit man in Zukunft weiterarbeitet, und wovon man sich trennt, um wieder finanziell auf die Beine zu kommen. Gesundschrumpfen eben.

Organspende für längeres Leben

Lunden und Rapstedt sind daher keine Bauernopfer, sondern Organspender, die anderen DSSV-Schulen ein längeres und besseres Leben bieten.

Eine lebenslange Garantie gibt es dabei allerdings nicht, und die Einrichtungen in den beiden Orten sind nicht die letzten, die die Minderheit schließen wird. Das zeigt die Geschichte nur zu deutlich.

Aber erst einmal würden die Schließungen Ruhe in den DSSV bringen – und allen anderen Einrichtungen – kleinen und großen – eine Perspektive für die nächsten, hoffentlich vielen Jahre geben.

Für Personal, Eltern und Kinder gibt es – so schwer es jetzt sein mag – ebenfalls andere, neue Perspektiven. Innerhalb oder außerhalb der Minderheit. Lehrerinnen und Pädagogen werden überall gebraucht – und Kinder gewöhnen sich meist am schnellsten an neue Umgebungen. Auch wenn jetzt gerade viele Emotionen im Spiel sind.