Leitartikel

„Dies ist kein Artikel über Trump“

Veröffentlicht Geändert

Die dänischen Medien sind einer Trump-Hysterie verfallen. Dabei gibt es Wichtigeres auf der Welt – und in Nordschleswig, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Geht es dir auch so? Man macht das Radio an und hört Trump. Man setzt sich vor den Fernseher und sieht Trump. Man geht auf eine News-Webseite und bekommt noch mehr Trump. Dies ist kein Artikel über Trump – zumindest nur indirekt. Es geht um etwas viel Wichtigeres.

Der dänische Medienanalytiker Thomas Baekdal hat in den vergangenen Wochen dänische Nachrichtenmedien analysiert und festgestellt, dass die großen landesweiten Medien ihre Startseiten mit Trump-Artikeln füllen.

Vorige Woche habe ich selbst nachgezählt: „TV2.dk“ hatte Dienstag 35 Trump-Artikel auf der Startseite, „DR.dk“ am Donnerstag immerhin noch 23, „Berlingske“ am Freitag 15, „Politiken“ am Montag noch 11. Brauchen wir das?

Eigentlich hatten wir auch beim „Nordschleswiger“ unsere Nachrichten als Trump-freie Zone erklärt, aber das hat dann doch nicht ganz geklappt, als der neue US-Präsident sich plötzlich für Grönland interessierte.

Aber in den dänischen Medien ist jeder Trump-Gedanke, und auch was er nicht denkt, scheinbar geeignet, einen Platz auf der Startseite zu bekommen – also dort, wo die wichtigsten Nachrichten veröffentlicht werden.

Der dänische Psychologe Svend Brinkmann trifft in „Jyllands-Posten“ den Nagel auf den Kopf: „Ich glaube, dass die Entscheidungen im örtlichen Stadtrat eine größere Bedeutung für die Bürger in Dänemark haben, als was Trump sagt.“

Und bei „Verdens Bedste Nyheder“, wo es keine gelben Breaking-Balken gibt – auch beim „Nordschleswiger“ ist er eher die Ausnahme – sagt Chefredakteurin Sophie Rytter Skjoldager im selben Artikel: „Es passieren viele traurige Dinge auf der Welt, aber es gibt auch viele Fortschritte oder Lösungen für einige dieser Probleme. Viele Rückmeldungen, die wir von den Lesern erhalten, zeigen, dass ihnen eine ausgewogene Darstellung wichtig ist, die sowohl die vielen Herausforderungen in der Welt beleuchtet als auch mögliche Lösungen aufzeigt.“

Wir werden als Mediennutzerinnen und -nutzer heute von allen Seiten mit schlechten Nachrichten und Katastrophen bombardiert. Dabei vertragen wir gar nicht mehr politische Streitereien, Katastrophen und Löcher-im-Käse-Journalismus.

Die Konsequenz dieser „24 Stunden Schlechte-Laune-Nachrichten auf allen Kanälen“ ist, dass es immer mehr Menschen gibt, die Nachrichten-Pausen einlegen oder sich gar ganz von den Nachrichten abwenden. Sie sind nachrichtenmüde, und das ist ein Problem für uns – aber auch für unsere Gesellschaft.

Wir benötigen heute Einordnung, Erklärungen, Zusammenhänge, Inspiration und Lösungen für Probleme. Auch – oder vor allem – in den Medien, denn wir haben einen wichtigen demokratischen Auftrag.

Beim „Nordschleswiger“ laufen wir nicht mehr allen Nachrichten hinterher. Als Tageszeitung waren wir noch der Supermarkt für alles und für viele (fast) die einzige Nachrichtenquelle, mit Stoff aus In- und Ausland, Schleswig-Holstein, Dänemark, der Region und Nordschleswig, Sport, Kultur, Verbrechen, Wirtschaft und noch vieles mehr. Heute sind wir das Fachgeschäft für Nachrichten aus der deutschen Minderheit und des Grenzlandes. Das ist unsere DNA.

Die Medien-Angewohnheiten ändern sich in diesen Jahren. Unser Publikum hat heute nicht nur eine Nachrichtenquelle: Sportergebnisse gibt es auf Livescore, dänische Nachrichten auf den Webseiten oder Apps von „DR“ und „TV2“, internationale News werden gestreamt, für die Hobbys gibt es jede Menge Apps, Videos schauen wir uns auf den sozialen Plattformen an, hören vielleicht den „NDR“, lesen „nordschleswiger.dk" oder tauchen in die Wochenzeitung ein. Früher gab es zweimal am Tag eine halbe Stunde Nachrichten – heute ist das Angebot massiv, und die Nachrichtenauswahl trifft jeder von uns selbst.

Für die Nachrichten in der deutschen Minderheit und im Grenzland sind wir die Expertinnen und Experten. Deshalb konzentrieren wir uns auf die Aufgaben hier, wo wir unsere Wurzeln haben. Wir sind vor Ort, und wir sind an der Seite der Minderheit – mit Herz und Verstand, aber auch mal konstruktiv-kritisch, so wie man es von einem guten Freund erwarten kann.

In Nordschleswig herrscht bestimmt nicht immer „heile Welt“, aber in einer Zeit, in der in den Medien globales Chaos dominiert, wollen wir beim „Nordschleswiger“ die Chance ergreifen und mit konstruktiven Nachrichten für Optimismus sorgen, indem wir nicht nur fragen, was schiefgelaufen ist, sondern wie es besser laufen könnte. Und indem wir zeigen, dass die Welt nicht gleich untergehen wird.