Gastkommentar

„Die Bundeswehr der Zukunft: Die stärkste konventionelle Armee Europas“

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Deutschlands neue Rolle in und für Europa erfordert vor allem eine Stärkung der Bundeswehr, schreibt der Politologe Preben Bonnén in einem Gastkommentar für den „Nordschleswiger“.

Mit dem Fall der Mauer 1989, der anschließenden Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 und der Befreiung der osteuropäischen Länder aus der zusammengebrochenen Sowjetunion 1991 schien die Vorstellung von Chaos und Krieg plötzlich etwas Vergangenes zu sein. So war es daher keine Überraschung, dass die europäischen Nato-Länder mit einer größeren Abrüstung ihrer jeweiligen Streitkräfte begannen.

Heute ist die Lage völlig anders oder, im Klartext ausgedrückt, genau gegenteilig, wobei dieselben Länder ihre Streitkräfte zu Land, zu Wasser und in der Luft in einem bisher ungekannten Ausmaß aufrüsten, wie wir es seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr erlebt haben, und Deutschland bildet in diesem Zusammenhang absolut keine Ausnahme.

Im Gegenteil, laut Bundeskanzler Friedrich Merz soll die Bundeswehr „… konventionell zur stärksten Armee Europas“ gemacht werden. So klar hat er sich in seiner ersten Regierungserklärung am 14. März 2025 im Bundestag ausgedrückt.

Während des Kalten Krieges war die alte Bundesrepublik genau die konventionell stärkste Armee Westeuropas. Selbst der Erzfeind Frankreich erkannte die Notwendigkeit eines starken deutschen Militärs an, und das trotz der Vergangenheit und der unangenehmen Erfahrungen des Landes mit Deutschland, nicht zu verwechseln damit, dass die Bundeswehr zu groß und zu stark werden sollte.

Was Frankreich wollte, war eine deutsche Bundeswehr, die größer als die sowjetische Rote Armee, aber kleiner als die französische Armee war, wie man damals scherzhaft sagte. So lustig es auch klingen mag, der Bedarf an einem starken westdeutschen Militär während des Kalten Krieges war genauso groß, wie es heute der Fall ist, nicht zuletzt angesichts von Russlands Angriffskrieg in der Ukraine.

Vielleicht war es auch deswegen so, dass die Feier des 70-Jahre-Jubiläums der Bundeswehr im ganzen Land am 12. November 2025 in einem ganz anderen Licht stand und mit einer ganz anderen Aufmerksamkeit wahrgenommen wurde, als man es gewohnt war. Während das feierliche Gelöbnis der neu eingetretenen Wehrpflichtigen oft im Schatten von Protesten stand, zeigte sich diesmal ein anderes Bild.

Am Tag nach der öffentlichen Feier des 70-Jahre-Jubiläums der Bundeswehr konnten die CDU/CSU und die SPD am 13. November 2025 ihre Pläne für den neuen „Wehrdienst“ – nicht mit der „Wehrpflicht“ zu verwechseln – vorstellen, die schließlich am 5. Dezember desselben Jahres im Bundestag entschieden wurden. So soll ab Mitte 2027 ein kompletter Jahrgang von etwa 300.000 Männern vollständig untersucht werden, um einen Überblick über Wehrfähige zu erhalten.

Angesichts der Lage und des Wunsches nach schneller Aufrüstung und Erweiterung der Bundeswehr ist es jedoch bemerkenswert, dass sich die Koalitionsregierung bislang nur auf eine verpflichtende Musterung ganzer Jahrgänge einigen konnte und nicht auf eine echte Wehrpflicht. Der Wehrdienst an sich bleibt nach wie vor freiwillig.

Dass die CDU/CSU und die SPD zunächst nur einen „Wehrdienst“ und keine klare „Wehrpflicht“ wollen, zeigt, dass man noch nicht bereit ist, auf die sogenannte „weiche“ Politik im außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischen Bereich zu verzichten. Politisch ist man nur bereit, Einigkeit über das zu schaffen, was nicht verpflichtet, obwohl Friedrich Merz nach außen hin oft den Eindruck des Gegenteils vermittelt hat.

Wie der Autor Christian Graf von Krockow in seinem Buch „Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890–1990“ darlegt, liegt die Ursache der weichen Politik darin, dass man politisch nicht wagt, diese als pragmatisches Mittel einzusetzen. Stattdessen erhebt man die weiche Politik zum Prinzip und propagiert Harmonie als Endziel.

Die Darstellung des deutschen Soldaten als „Bürger in Uniform“ war in der gesamten Geschichte der Bonner Republik Ausdruck einer bürgerlichen Gemeinschaft. Die Uniform wird daher im Dienst getragen, sonst jedoch nicht.

Deutsche Soldaten in Uniform z. B. in der Stadt oder am Bahnsteig zu sehen, war ein äußerst seltenes Bild und ist es zum Teil immer noch, obwohl sich die Wahrnehmung verändert. Die Uniform ruft heute nicht mehr dieselbe Distanzierung und Abscheu hervor wie damals, sondern die gebührende Anerkennung.

Es ist vielleicht auch der Grund dafür, dass die Koalitionsregierung in erster Linie mit ihrem Beschlussantrag auf Freiwilligkeit setzt, genannt „Wehrdienst“ und nicht „Wehrpflicht“. Die Erwartung und Hoffnung ist, dass es ausreichend viele Freiwillige gibt, die unter der deutschen Jugend rekrutiert werden können. Dass sich die jungen Deutschen aus freiem Willen und nicht durch Zwang einberufen lassen.

Sollte sich wider Erwarten und Hoffnungen herausstellen, dass dies nicht der Fall ist, ist schon die Alternative klar. In diesem Fall würde es sich nicht um eine konsequente Zwangseinberufung handeln, sondern um eine teilweise Einberufung nach Bedarf, wie im Beschlussantrag formuliert.

Doch es handelt sich hierbei nicht nur um ein deutsches Phänomen, Problem oder wie man die Herausforderung auch immer nennen soll, sondern um die größte ihrer Art seit dem Ende des Kalten Krieges. Während einige Länder möglicherweise besser und leichter ihre Jugend motivieren und mobilisieren können, ähnelt die Lage in Frankreich der deutschen Situation sehr.

In Frankreich sah sich der oberste Heereschef, General Fabien Mandon, heftiger Kritik ausgesetzt, nachdem er gesagt hatte, dass das Land bereit sein müsse, im Falle einer russischen Offensive Soldaten zu verlieren. Die Äußerung fiel in einer Rede beim Landestreffen der Bürgermeister.

Ganz konkret sagte er, dass die französische Armee „… bereit für einen Angriff innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre sein muss. Insgesamt sind die Europäer stärker. Aber was uns fehlt, ist die Stärke der Seele. Wir müssen bereit sein, zu leiden, um das zu verteidigen, was wir sind.“

Der französische Heereschef vertiefte seine Botschaft: „Wenn Frankreich nicht bereit ist, seine Kinder zu verlieren – denn darum geht es – und wirtschaftlich zu leiden, um der Aufrüstung Priorität einzuräumen, dann sind wir in Gefahr“, wie er es der Versammlung der Bürgermeister des Landes sagte.

Ohne zu viele Beispiele der zahlreichen kritischen Stimmen sowohl von den anwesenden Bürgermeistern als auch von anderen Meinungsbildnern anzuführen, wurde Fabien Mandon mehrfach und direkt oder indirekt beschuldigt, Präsident Emmanuel Macron zu dienen und bewusst eine Kriegsstimmung anzustacheln.

Auch Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez sieht keinen ausgeprägten Bedarf für eine Aufrüstung und erklärte während eines von Dänemark geleiteten EU-Gipfels in Brüssel schon am 20. März 2025, dass die Spanier nicht nervös herumlaufen sollten, weil „… Russland mit seinen Truppen über die Pyrenäen marschiert“.

Während einige Länder bei der Aufrüstung und der mentalen Vorbereitung ihrer Bevölkerung zögern, gehört Deutschland zur „Spitzenklasse“ – und das, obwohl man vonseiten der Koalitionsregierung von Anfang an ehrgeiziger hätte sein können bei der Erweiterung der Bundeswehr. 

Wenn man das Ziel kennt, warum dann warten? Warum verzögern? Es handelt sich ja schließlich darum, die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas zu machen. Fragen, die Christian Graf von Krockow in seinem früher erwähnten Buch sehr gut erklärt.

Die Bundeswehr wird jedoch mit der Zeit vermutlich wieder die stärkste konventionelle Armee Europas werden, und lieber heute als morgen. Europa braucht Deutschland und seine Streitkräfte. Deshalb ist es auch bedauerlich, dass die Koalitionsregierung in Berlin nicht konsequenter ist, als es der Fall ist.

Laut dem Verteidigungsminister ist das „… ein gutes Ergebnis. Einvernehmlich. Kompromisse gehören zur Politik dazu. Und alle Kompromisse sind für alle sehr gut tragbar (…). Wer nicht zur Bundeswehr will, muss erstmals nicht“, so der Verteidigungsminister Boris Pistorius.

Sollte es aber nicht reichen, hat die Koalitionsregierung es so „geregelt, dass ein Zufallsverfahren, ein Losverfahren, erst als Ultima Ratio in Betracht kommt (…) Wenn es aber trotzdem ‚… nicht reichen sollte‘, das habe ich immer gesagt, bin ich der Erste, der laut gibt und sagt, es reicht nicht.“

Deutschlands neue Rolle in und für Europa erfordert vor allem eine Stärkung der Bundeswehr. Aber das ist nicht das Einzige, was Europa von Deutschland braucht. Europa braucht deutsche Führung nicht nur im wirtschaftlichen, sondern auch im militärischen Bereich.

Zur Person

Preben Bonnén ist Politologe, Historiker und Schriftsteller aus Dänemark mit umfassenden Kenntnissen der deutschen Politik und Geschichte sowie mit früheren und mehreren Aufenthalten in Deutschland, etwa als Student an der Universität Osnabrück und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg. Außerdem hat er unter anderem das Buch „Die Deutsche Einheit und Deutschland – Eine ausgebliebene Einheit“ beim S. Roderer Verlag, Regensburg, im Jahre 1997 veröffentlicht und in mehreren dänischen Zeitungen über die deutsche Politik geschrieben.