Kommentar

„Das Schweizer Rezept: So wird Nordschleswig wieder attraktiv“

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Insgesamt sinkt in Dänemark die Zahl der Kinder, die wie diese Kinder auf Frederiksberg mit dem Rad zur Schule fahren. Die Zahl derer, die mit dem Auto chauffiert werden, ist seit der Jahrtausendwende um 200 Prozent gestiegen, so der Radfahrendenverband Cyklistforbundet.

Landflucht: Warum zieht es eigentlich so wenige junge Familien aus den Städten nach Nordschleswig? Ein Grund ist, dass sie hier fast überall nur mit dem (E-)Auto hinkommen, meint Cornelius von Tiedemann. Wer auf Mobilität für alle setzt, könnte deshalb auch am 18. November punkten. Eine Anleitung.

Herzliche Grüße aus dem nordschleswigschen Nirgendwo. Der Bus fährt nur noch als Geisterschiff durch die Lande, Radwege gelten als neumodischer Luxus für Touristen, die Menschen rollen stattdessen einsam und verschuldet in elektrischen SUVs durch die Gegend.

Ziemlich blöd. Vor allem für alle, die nicht überall mit dem Auto hinfahren wollen – wie so viele junge Menschen, die wegziehen und nicht wiederkommen.

Deshalb: Wenn wir im ländlichen Raum Mobilität für alle gewährleisten und das Dörfersterben verhindern wollen, müssen wir ernsthaft umdenken. Lösungen übernehmen, die anderswo funktionieren. Ein Tipp zu Beginn: Autos, auch solche mit E- oder die man sich teilt, gehören nicht dazu.

Das zeigen die Erfahrungen weltweit. Und eine Studie aus Norwegen. Die hat untersucht, was passiert, wenn Mobilitätspolitik primär mit Blick auf Klima und E-Auto gemacht wird.

Das Gute: Norwegens großzügige E-Auto-Prämien – Steuerbefreiung, Maut-Boni, kostenlose Parkplätze – haben dazu geführt, dass dort kaum noch Verbrenner umherfahren. Saubere Luft, hurra!

Das Schlechte: Leider bedeutet kein Auspuff nicht automatisch bessere Mobilität. Die Studie hat entlarvt: Wer ein E-Auto besitzt, fährt täglich bis zu 10 Prozent mehr! Und dort, wo die Maut besonders billig ist, sogar bis zu 24 Prozent mehr.

Wir brauchen nicht mehr Autos – wir brauchen mehr Menschen!

Cornelius von Tiedemann

Gleichzeitig verlieren Busse, Bahn und Räder an Bedeutung: Wo dank günstiger E-Autos weniger ÖPNV genutzt wird, wird auch weniger ÖPNV angeboten. Es wird weniger mit dem Rad gefahren, weniger zu Fuß gegangen. Und das, obwohl wir gerade diese Alternativen in ländlichen Räumen so dringend brauchen.

E-Autos lösen also offenbar nicht die Mobilitätsprobleme auf dem Lande, sondern verschlimmern sie noch. Dennoch sind sie in Dänemark weiter steuerlich stark begünstigt.

Das ist sozial ungerecht: Von Steuererleichterungen für Neuwagen profitieren vor allem wohlhabendere Haushalte. Menschen ohne Auto, Ältere oder Jugendliche haben davon nichts – im Gegenteil, die Mittel fehlen dann an anderer Stelle. Zum Beispiel beim ÖPNV – und der garantiert Mobilität für alle. Unabhängig von Alter, Einkommen oder Führerscheinbesitz. Er ist das Rückgrat einer gerechten Gesellschaft.

Die Lokalpolitik ist gefragt, mutig voranzugehen

Vor der Kommunalwahl könnte sich eine regionale Partei – die Auswahl in Nordschleswig ist gering – mit einem mutigen Mobilitäts-Programm von anderen abheben. In Nordschleswig gegen das Auto Wahlkampf zu machen – das ist natürlich Quatsch! Aber mit konsequenten Mobilitäts-Forderungen auftrumpfen, die junge Familien in den Landesteil locken und Seniorinnen und Senioren das Leben erleichtern – das könnte funktionieren.

Denn bisher passiert hier einfach viel zu wenig. Ob uns wie von der Kommune Sonderburg als Ersatz für Buslinien eine App angedreht wird, wo wir bei Fremden im Auto mitfahren sollen, wenn die gerade zufällig zur selben Zeit in dieselbe Richtung müssen (also nie). Oder ob auch auf dem letzten Firmenparkplatz Säulen für E-Autos aufgestellt werden – aber keine ordentlichen Fahrradständer, Luftpumpenstationen oder gar Bushaltestellen, wo außerhalb der Schulzeiten auch mal ein Bus kommt.

Dann machen wir es doch lieber wie die Schweiz.

Wir müssen das Rad nicht neu erfinden

Vorbild Schweiz: So funktioniert der ÖPNV dort

Postauto Bus in Grimsel Schweiz

Ein Schweizer Postauto (Lininenbus) im kleinen Ort Grimsel. Foto: Imago/Ritzau Scanpix

Ein Gesamtsystem: Alles (Bahn, Bus, Schiff) ist landesweit nach dem Taktfahrplan koordiniert. Der Gedanke „Netzwerk vor Einzellinie“ dominiert.

Taktfahrplan: Streng und landesweit umgesetzt – Das „Knotenprinzip“ ist die landesweite Regel. Anschlüsse sind die Norm, nicht die Ausnahme. Und zwar alle 30 oder maximal 60 Minuten.

Pünktlichkeit: Extrem hoch und systemrelevant – die Pünktlichkeit ist die Grundlage für das Funktionieren des gesamten Systems.

Ländlicher Raum: Sehr gut erschlossen dank PostAuto (Bus-, Klein- und Kleinstbuslinien) und politischem Willen ist die Anbindung auch in abgelegenen Gebieten exzellent und verlässlich.

Finanzierung & Priorität: Hohe politische Priorität („Service Public“) – der ÖV wird als Grundversorgung verstanden und massiv staatlich gefördert, mit breiter politischer Unterstützung.

Tarifsystem: Einfach und national – mit günstiger landesweiter Jahreskarte für dann kostenlose Fahrten immer und überall („Generalabo“) und „Halbtax“ (Jahreskarte für halben Preis fast überall) gibt es zwei simple und extrem populäre Produkte.

Bei uns ist die Zahl der Autos pro Kopf ohnehin schon rekordverdächtig – und öffentliche Verkehrsmittel sterben zugleich aus. Weil sie sich angeblich nicht rentieren.

Doch erstens: Warum sollten sie das tun? Der ÖPNV ist ein Teil der kritischen Infrastruktur und ist entscheidend dafür, dass unser Landesteil lebendig und attraktiv ist. Und dafür, dass wir hier alle, ungeachtet unseres finanziellen und gesundheitlichen Hintergrunds, vom Fleck kommen können.

Und zweitens: ÖPNV-Netzwerke rentieren sich vielerorts durchaus – aber eben nur dann, wenn sie attraktiv sind! Es fahren doch keine leeren Busse durch Nordschleswig, weil das Konzept Bus nicht funktioniert. Die Busse sind leer, weil das Konzept Busliniennetz hier kaputtgespart und falsch aufgestellt wird.

Dabei gibt es Lösungen. Ein eng getaktetes Bahn- und Busnetz wie in der Schweiz, das Mobilität sowohl planbar als auch spontan möglich macht, wäre so auch in Dänemark möglich.

Sichere und bequeme Radwege, die wirklich von Dorf zu Dorf führen, getrennt von den Lkws und Autos auf den Landstraßen, wie in den Niederlanden – auch das ist hier doch möglich, wenn der politische Wille – vor allem auch kommunal – da ist.

Sollen Kinder denn wirklich nur von einem Strich auf dem Straßenteer von Lastwagen getrennt fahren, die mit 80 km/h und mehr direkt an ihnen vorbeidonnern? Wie kann es sein, dass wir das nicht ändern wollen?

Es kommt uns gar nicht in den Sinn, dass das nicht so sein muss. Weil schon längst fast kein Kind auf dem Lande noch alleine mit dem Rad unterwegs ist. Zu gefährlich! Stattdessen wird auf das „sichere“ (E-)Auto gesetzt. Ein Teufelskreis.

Menschen aus der Stadt anlocken: Mobilität ein wichtiger Faktor

Doch Mobilität auf dem Lande muss sich endlich wieder um die Menschen, um Kinder und Seniorinnen und Senioren und um alle, die sich kein (E-)Auto leisten können oder wollen, drehen. Und nicht um das Blech.

„Man muss ja überall mit dem Auto hinfahren“, habe ich schon so oft von Bekannten aus der Großstadt gehört, wenn sie berichten, weshalb sie nicht aus der Stadt wegziehen wollen, obwohl es dort so teuer ist.

Für die Politikerinnen und Politiker in Nordschleswig sollten da doch die Alarmglocken läuten: Hallo, hier bietet sich eine riesige Chance!

Statt wie Oslo (und Kopenhagen!) aufs E-Auto zu setzen und beim ganzen Klimaretten die Menschen zu vergessen, um die es geht: Investiert in kluge, vielfältige und nachhaltige Mobilität. Die Lösungswege sind ja jetzt bekannt. Gern geschehen.

Denn: Nordschleswig braucht nicht mehr Autos – wir brauchen mehr Menschen!