Diese Woche in Kopenhagen

„Das Fragezeichen und i-Tüpfelchen sollten in Ehren gehalten werden“

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Warum geht Kopenhagen-Korrespondent Walter Turnowsky ein alter Popsong nicht aus dem Kopf? Und wieso interessiert er sich plötzlich für das Alphabet? Und warum um alles in der Welt ist seine Rechtschreibung dieses Mal so eigenartig? Das erfährst du alles in seiner aktuellen Kolumne.

„Her er historien om A, som hadede B“: Mir will derzeit ein song aus meiner jugend nicht aus dem kopf gehen.

Die band „tv•2“ hat ihm den schlichten titel „ABC“ gegeben. Es geht darum, dass die sprache vereinfacht werden muss.

Daher wird zunächst das i-tüpfelchen und dann der kringel über dem „å“ gestrichen. Dann fliegt das fragezeichen raus und die antwort gleich mit. Den kleinen buchstaben werden die leviten gelesen. Und überhaupt sollen wir sprache sparen und alles, was wir nicht verstehen, gehört weg.

Obwohl der song bereits mehr als 40 jahre auf dem buckel hat, kommt er mir heute aktueller vor denn je. Allzu häufig wird in der öffentlichen diskussion nur mehr BLOCKBUCHSTABEN geredet oder eher geschrien – am liebsten noch mit ausrufezeichen dahinter.

Wer so weit mitgelesen hat, wird auch durchschaut haben, warum meine rechtschreibung in dieser kolumne ein wenig eigenwillig ist.

Ein grund, weshalb mir das durch den kopf geht, ist, dass ich in dieser woche mit einem vertreter der jüdidschen gemeinde gesprochen habe. Er erzählte mir von der verhärtung der positionen, wie er sie nach dem hamas-angriff im oktober 2023 und dem israelischen gegenschlag erlebt.

Und ich habe sie ja auch erlebt, die regelmäßigen pro-palästinensischen demonstrationen mit zum teil unversöhnlichen schlagwörtern. Aber auch die anderen kommentare (zum teil von prominenten politikerinnen und politikern), die in den demonstrierenden allzu schnell eine antisemitin oder einen antisemiten ausgemacht haben wollen.

Entweder man ist für die eine seite oder für die andere. Dabei fühle ich mich in dieser frage – und ich behaupte mal frech, die meisten mit mir – eher irgendwo dazwischen wohl. Dort, wo sich auch die kleinen buchstaben, die fragezeichen und die i-tüpfelchen tummeln. Nur, das gibt eben weniger fetzige überschriften. Und die algorithmen der sozialen medien favorisieren auch jene mit den blockbuchstaben und ausrufezeichen.

Und das gilt nach meinem gefühl für immer mehr bereiche. So kritisiert der chefredakteur des medienhauses „sermitsiaq.ag“ masaana egede zu recht die berichterstattung von „tv-2“ (dem sender nicht der band) und anderer dänischer medien über grönland. Sie würden sich auf die radikalen positionen konzentrieren und dabei die breite mitte der grönländischen bevölkerung ignorieren.

Seine einschätzung sei hiermit auch als kleine leseanleitung für die derzeitige dänische berichterstattung weitergegeben.

Bei diesem fokus auf die außenpositionen kann es uns ergehen wie in dem tv•2-song: die sprache gerät vollkommen ins stocken. Nach dem anschreien kommt das schweigen.

Zum glück liefert der song die lösung gleich mit: ein neues alphabet muss her, in dem alle buchstaben mitreden dürfen. Denn, „zwischen den zeilen sind wir alle gleich groß“.

ABC

Her er historien om A, som hadede B
Der på den anden side ikke rigtig kunneC
AtD sku’ væreproblemet, og man var vel voksnemennesker
Så blev EF taget med på råd
Men de ku’ ik’ bli’ enige om noget
Og resten af alfabetet blev slet ikke spurgt

Man skrev op og talte ned
De små bogstaver fik klar besked
Vi må spare på sproget, væk med det vi ikke forstår

Først strøg prikken over i’et så røg bollen over Å
Så blev spørgsmålstegnet fyret, svaret bedt om at gå
Det blev meget lettere at være dansker igen

Til sidst gik sproget helt i stå
Ingen turde sige noget, nogen ku’ misforstå
Man lod frygten få det sidste ord

Moralen er banal, men alligevel sjældent set
Man begyndte helt forfra med et nyt alfabet
Hvor alle bogstaver havde noget at sige

Så måtte B lære at holde A
Det var svært, men som de sagde
Mellem linierne er vi alle lige store

Man skrev op og talte ned
De små bogstaver fik klar besked
Vi må spare på sproget, væk med det vi ikke forstår

Text und Musik: Steffen Brandt