Leserkommentar

„Das deutsch-dänische Grenzland – eine europäische Erfolgsgeschichte“

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Es sei weitsichtig von Dänemark, sich finanziell stark für die Minderheit zu engagieren. Das schreibt Peter Asmussen – inspiriert durch ein Interview mit dem Historiker Jørgen Kühl auf „DK4“.

Die Diskussion um Kosten und Finanzierung der Minderheitenpolitik im deutsch-dänischen Grenzland sollte Anlass sein, einen Schritt zurückzutreten und die historische Entwicklung dieser Region in ihrer Gesamtheit zu betrachten. Denn das heutige Grenzland ist das Ergebnis eines langen und keineswegs geradlinigen Prozesses – einer Entwicklung, die in Europa ihresgleichen sucht.

Das Gebiet des ehemaligen Herzogtums Schleswig wurde im 19. und 20. Jahrhundert durch den Nationalismus zerrissen. Die Teilung von 1920 bedeutete nicht nur eine neue Staatsgrenze, sondern auch den Verlust eines historisch gewachsenen regionalen Zusammenhangs. Nord- wie Südschleswig wurde zu nationalstaatlichen Randgebieten, weit entfernt von politischen Entscheidungszentren. Wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten wurden dadurch über Jahrzehnte erheblich eingeschränkt.

Hinzu kamen die traumatischen Erfahrungen zweier Weltkriege sowie eine lange Phase nationalpolitischer Spannungen. Erst nach diesen bitteren Erfahrungen reifte die Einsicht, dass dauerhafte Stabilität im Grenzland nicht durch Abgrenzung, sondern nur durch gegenseitige Anerkennung erreicht werden kann.

Mit den Bonn-Kopenhagener Erklärungen von 1955 wurde dieser Gedanke politisch verankert. Zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzten Dänemark und die Bundesrepublik Deutschland auf ein Modell, das auf Vertrauen, Gleichberechtigung und der aktiven Förderung der jeweiligen Minderheiten beruhte. Damit begann eine neue Epoche – nicht nur für das Grenzland, sondern auch für die europäische Minderheitenpolitik insgesamt.

Jørgen Kühl weist zu Recht darauf hin, dass dieses Modell nicht ohne Weiteres auf andere Regionen übertragbar ist. Es brauchte Zeit, historische Erfahrungen und schmerzhafte Lernprozesse, um zu der Einsicht zu gelangen, dass Minderheiten keine Belastung, sondern ein stabilisierender Faktor sein können. Das deutsch-dänische Grenzland ist kein Produkt schneller politischer Entscheidungen, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklung.

Ein wesentlicher Punkt in Kühls Analyse ist der Hinweis auf die günstigen wirtschaftlichen und fiskalischen Rahmenbedingungen beider Staaten. Eine konsequente Minderheiten- und Friedenspolitik setzt finanzielle Handlungsfähigkeit voraus. Diese Investitionen sind jedoch nicht als Kosten im engen Sinne zu verstehen, sondern als langfristige Sicherung von Stabilität, Vertrauen und internationaler Glaubwürdigkeit.

Kühl thematisiert zugleich die zunehmende Prägung staatlichen Handelns durch Denkmodelle des „New Public Management“. Effizienz, Messbarkeit und Kostenvergleiche spielen dabei eine zentrale Rolle. Solche Ansätze können hilfreich sein, stoßen jedoch dort an ihre Grenzen, wo staatliches Handeln weit über betriebswirtschaftliche Logik hinausgeht. Minderheitenpolitik bewegt sich in einem hochkomplexen Feld gesellschaftlicher, historischer und politischer Parameter, das sich nicht auf einfache Pro-Kopf-Rechnungen reduzieren lässt.

Gerade im deutsch-dänischen Kontext hat diese Politik eine Vielzahl positiver Effekte hervorgebracht: funktionierende Bildungs- und Kultureinrichtungen, grenzüberschreitende Netzwerke und ein Alltag, der von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Diese Ergebnisse sind nicht nur für das Grenzland von Bedeutung, sondern auch für beide Nationalstaaten ein wichtiger politischer und gesellschaftlicher Gewinn.

Dass sich Dänemark finanziell stark engagiert, ist vor diesem Hintergrund folgerichtig. Es geschieht im Rahmen einer liberalen Schulgesetzgebung, aber auch vor dem Hintergrund einer besonderen geopolitischen Situation: Dänemark hat nur eine Landgrenze – und mit ihr eine historisch gewachsene Minderheitensituation, die in dieser Form in Deutschland kaum noch existiert. Das Engagement im Grenzland ist daher Ausdruck politischer Weitsicht.

Der Beitrag von Jørgen Kühl sowie das Interview mit Siegfried Matlok bei „DK4“ geben der aktuellen Debatte eine notwendige Tiefe. Sie machen deutlich, welche besondere Rolle die Minderheiten im deutsch-dänischen Grenzland spielen – nicht als Kostenfaktor, sondern als tragende Säule eines Modells, das über Jahrzehnte gewachsen ist und bis heute überzeugt.

Das deutsch-dänische Grenzland steht damit für eine europäische Erfolgsgeschichte: entstanden aus Konflikt, gefestigt durch Verantwortung und bewährt im Alltag.

Peter Asmussen
Nørrehesselvej 40
6200 Aabenraa