Leitartikel

„Campus-Millionen lösen in der Minderheit Probleme – aber nicht alle“

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Warum kommen plötzlich 104 Millionen Kronen aus Berlin für ein Campus-Projekt der deutschen Minderheit? Chefredakteur Gwyn Nissen kommentiert den Geldsegen – und warum es für die Sparzwänge im DSSV erst einmal nichts bedeutet.

Ich gebe es gerne zu: Als mir die Idee vom Campus Apenrade das erste Mal zu Ohren kam, dachte ich: Die spinnen. Aus dem Projekt wird nie was – und wo im Himmel sollen 130 Millionen Kronen herkommen? 

Asche auf mein Haupt: Das meiste Geld ist jetzt da und in fünf Jahren wird das bisher größte Bauprojekt der deutschen Minderheit in Nordschleswig auf dem Gelände des Deutschen Gymnasiums (DGN) in Apenrade stehen: ein neues Internat mit Platz für 100 Schülerinnen und Schüler, ein neuer Kindergarten, der die beiden jetzigen Kindergärten Jürgensgaard und Margrethenweg ersetzt, zwei neue Klassenzimmer (die bereits gebaut werden) und eine neue Großküche.

Wahnsinn. 104 Millionen Kronen (14 Millionen Euro) wurden in der Nacht zum Freitag im Bundestag für die deutsche Minderheit in Dänemark locker gemacht. Nicht „einfach so“, denn es ist in den vergangenen fünf Jahren für das Projekt hart gekämpft worden, und – seien wir mal ehrlich – zuletzt hat kaum jemand mehr daran geglaubt. Doch Hartnäckigkeit zahlt sich aus.

Wer hat noch daran geglaubt?

Bis auf wenige Spitzenleute des BDN vielleicht, die in einer letzten Aktion vor einer Woche die Sache nochmals in Berlin pitchten – im besten Höhle-der-Löwen-Stil: Wir haben eine gute Idee, wollt ihr in uns investieren.

Hilfe bekam die deutsche Minderheit dann gerade noch rechtzeitig vom Vorsitzenden des Folketingsausschusses für die deutsche Minderheit, Jesper Petersen (Soz.). Beim Deutschen Tag der Minderheit in Tingleff kritisiert er die Zurückhaltung Deutschlands bei der finanziellen Förderung der Minderheit. Dänemark zahle einen immer höheren Anteil, Deutschland einen immer kleineren.

Der Brief aus Kopenhagen

Lag der Haushaltsanteil aus Deutschland vor 10 bis 15 Jahren noch bei 25 Prozent, sind es jetzt unter 20 Prozent der Minderheitenfinanzen, die aus Berlin kommen. Das Geld für Investitionen liegt seit Jahren auf demselben Niveau (mit wenigen Ausnahmen), und war die Summe aus Dänemark und Deutschland mal auf demselben Niveau, ist das Verhältnis heute 70:30. 

Das sei eine Schieflage, sagte Jesper Petersen beim Deutschen Tag direkt an die deutschen Politikerinnen und Politiker gerichtet. In der Woche danach folgte ein Brief an Berlin und den Bundesbeauftragten für Minderheiten, Bernd Fabritius (CDU). Tenor: Dänemark verfolge mit Sorgen die ungleiche Finanzierung der deutschen Minderheit.

Deutschland musste nachziehen

Danach scheint schnell Bewegung bezüglich des Campus Apenrade gekommen zu sein – mit zunehmendem Druck weiterer Grenzland-Politikerinnen und -Politiker. Es ist positiv – nicht nur für die deutsche Minderheit –, dass Deutschland mit dieser großen Summe ein deutliches Signal sendet und jetzt mit Dänemark sozusagen gleichzieht.   

Die verrückte Campus-Idee hatten übrigens Uwe Jessen, Generalsekretär des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), und BDN-Hauptgeschäftsführer Bernd Søndergaard vor fünf Jahren. Manchmal muss man eben größer denken, um viele „kleine“ Probleme auf einmal zu lösen: Das Internat des DGN ist marode und sogar in Berlin als „abgängig“ registriert, die beiden kleinen Kindergärten in Apenrade sind nicht mehr zeitgemäß und dasselbe gilt für die jetzige Großküche.

Die Liste ist weiterhin lang

Die Wunsch- und Bedarfsliste der deutschen Minderheit in Nordschleswig ist weiterhin lang. Die dänischen Kommunen bauen neue Schulen und Kindergärten und die deutsche Minderheit muss mit ihren Institutionen und Gebäuden mithalten können, denn sie stehen im Wettbewerb miteinander. 

Hinzu kommt, dass die Gesetzgebung (öffentliche Gebäude, das Schulgesetz, Arbeitsschutzgesetz u. a.) immer höhere Ansprüche an die Gebäude der Minderheit stellt. Und schließlich nagt der Zahn der Zeit an den Gebäuden aus den Nachkriegsjahren – Hammer und Pinsel reichen in vielen Bereichen nicht mehr aus, um einen modernen Standard zu halten.

Probleme und schwierige Entscheidungen

Deshalb löst der Geldsegen aus Berlin einige Probleme, aber nicht alle. Neben Projektsummen braucht die Minderheit auch in Zukunft einen festen und höheren Betrag als bisher für Investitionen. Die Mangel- und Bedarfsliste ist immer noch lang und liegt immer noch im dreistelligen Millionenbereich (Kronen).

Auch wenn dem Deutschen Schul- und Sprachverein für Nordschleswig vier große Probleme abgenommen werden: Es bleibt ein Sparzwang im größten Verband der Minderheit, denn für den täglichen Betrieb der Schulen und Kindergärten reicht das Geld im normalen Haushalt nicht aus. Daher retten die 104 Millionen Kronen aus Berlin – zweckgebunden für das Campus-Projekt – erst einmal nichts, und die Standorte Rapstedt und Lunden stehen damit weiterhin vor einem möglichen Aus.

Daher warten jede Menge Aufgaben und schwierige Entscheidungen auf den DSSV und die deutsche Minderheit. Trotz aller Freude über den historischen Geldsegen für den Campus muss die Minderheit auch im eigenen Haus(halt) aufräumen.