Diese Wochen in Kopenhagen

„Ärgerlich für Mette: Die Wählerschaft läuft ihr links und rechts davon“

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Kopenhagen könnte sich am Dienstag dunkelrot verfärben. In Nordschleswig hingegen haben die Dänische Volkspartei und die Dänemarkdemokraten Zulauf. Die Staatsministerin hat sich diese Suppe selbst eingebrockt, meint Walter Turnowsky.

„Vi maler byen rød“, sang Birthe Kjær 1989 und gewann damit den dänischen Melodi Grand Prix (auch als Eurovision Song Contest bekannt).

Am Abend des 18. November könnten zwei andere Frauen das Lied singen und mit „Stadt“ Kopenhagen meinen: Sisse Marie Welling und Line Barfod.

Jetzt wirst du aus Nordschleswig kommend vielleicht fragen: Und wer sind die beiden nun schon wieder? Da will ich dich nicht lange auf die Folter spannen: Sisse Marie ist Oberbürgermeisterkandidatin der linken Sozialistischen Volkspartei (SF) und Line der noch linkeren Einheitsliste.

Sozialdemokratie knickt in Kopenhagen ein

Ah, und da höre ich schon die nächste Frage: Und wieso ist das interessant? Ganz einfach: Weil eine von beiden sehr wahrscheinlich das Ding mit der Oberbürgermeisterin reißen wird. Die Hauptstadtkommune wird bei der Kommunalwahl sehr scharf nach links abbiegen. 

Und zwar so scharf, dass Prognosen bereits vorhersagen, dass es mit Unterstützung der Alternativen für eine Mehrheit links der Sozialdemokratie reichen könnte. Die alterwürdige Arbeiterpartei bekommt in den Umfragen nur ungefähr halb so viele Stimmen wie die beiden linken Parteien, jede für sich. 

Über diese Aussichten ist Parteichefin Mette Frederiksen – wenig überraschend – so gar nicht erbaut. Immerhin hat ihre Partei seit mehr als 100 Jahren den Oberbürgermeister (in diesem Jahrtausend auch schon mal die Oberbürgermeisterin) gestellt. 

Das Leck auf der rechten Seite ...

Blickt Mette nach Nordschleswig (und dem restlichen Jütland), kann sie sehen, dass die Wählerschaft dort in die entgegengesetzte Richtung abbiegt, nämlich nach rechts. Die Dänische Volkspartei (DF) und die Dänemarkdemokraten sind allerdings selbst mit Unterstützung der Liberalen Allianz sehr weit von einer Mehrheit entfernt. Doch wie bereits im Oktober vorhergesagt, wird es wohl reichen, um die Kommunalräte der Region gehörig aufzumischen.

Vor allem der DF-Zuwachs ärgert Mette. War es doch von Beginn an (mit Beginn ist hier die Übernahme des Parteivorsitzes 2015 gemeint) ihr zentrales Projekt, abtrünnige sozialdemokratische Wählerinnen und Wähler von der rechten Partei zurückzuholen. Mit Erfolg, wie wir wissen.

Doch nun sickern so einige von ihnen zu Morten Messerschmidts DF zurück. Und das Loch versucht die sozialdemokratische Chefin unter anderem zu stopfen, indem sie in der ausländerpolitischen Rhetorik eine noch schärfere Gangart einlegt als bisher. Sie hat mit Rasmus Stocklund den härtesten Hardliner, den sie finden konnte, zum Ausländer- und Integrationsminister ernannt.

… und jenes auf der linken Seite

Ihr Problem: Während sie rechts stopft, wird das Leck links immer größer. Das hat sich in Kopenhagen bereits seit Jahren abgezeichnet, doch im vergangenen Jahr wurde immer deutlicher, dass die Hauptstadt der Sozialdemokratie entgleiten könnte. 

Da hat der Vertrautenkreis um die Staatsministerin einen schlauen Plan ausgeheckt: Nehmen wir doch die wenig schlagkräftige OB Sophie Hæstorp Andersen und machen sie zur Sozialministerin. Die bisherige Sozialministerin Pernille Rosenkrantz-Theil zaubern wir dann in eine OB-Kandidatin um. 

Mette hat einen Plan

Sie, also die Pernille, ist nicht nur eine gute Freundin von Mette (die beiden haben ein gemeinsames Sommerhaus), sondern hat auch eine linke Vergangenheit bei der Einheitsliste. Die wird bei den Kopenhagener Gutmenschen sicher gut ankommen und ihrer ehemaligen Parteifreundin Line die Wählerinnen und Wähler schon abjagen, so die Überlegung der sozialdemokratischen Denktruppe. 

Gejagt hat Pernille seither. Vor allem hat ein Vorschlag von ihr den anderen gejagt. Ob diese realistisch, sinnvoll oder finanzierbar waren, spielte dabei eine geringere Rolle. Wer in ihnen eine klare politische Linie erkennen kann, ist eindeutig wesentlich schlauer als ich.

Vom Lebensgefühl der Stadtmenschen

Nur der Jagderfolg ist – wie bereits erwähnt – bislang ausgeblieben. Die Wählerschaft hat sich durch die vermeintlich populären Vorschläge nicht ködern lassen. Die schlauen sozialdemokratischen Strateginnen und Strategen haben nämlich eins übersehen: Die Kopenhagenerin an sich setzt vornehmlich nach Lebensgefühl, weniger nach konkreter Politik, ihr Kreuz.

In diesem Punkt unterscheidet sie sich übrigens wenig von dem Nordschleswiger, der Inger Støjbergs Dänemarkdemokraten toll findet. 

Doch zurück in die Hauptstadt: Dort kommt der Sozialdemokratie das rechte Lochstopfen in die Quere. Das entspricht nämlich so gar nicht dem Lebensgefühl in den Kopenhagener Salons, wie Støjberg sie gerne benennt. Und auch wenn diese in Wahrheit eher Kaffee-, Naturwein- oder Spezialbierbars sind, ändert es nichts daran, dass dort kaum jemand die sozialdemokratische Rose oder die roten Hosenträger vorzeigen würde.

So werden Vorurteile selbsterfüllend 

Und so wird das Land voraussichtlich am Dienstag politisch gesehen auseinanderdriften. Da werden sich auf der einen Seite jene bestätigt sehen, die vornehmlich die selbstgefälligen Kopenhagenerinnen und Kopenhagener auf der „Teufelsinsel“ (djævleøen) zu erkennen vermögen. Und auf der anderen Seite, jene, die nur das „dunkle“ Jütland kennen.

Merke: Wer immer populären Stimmungen hinterherjagt, wird am Ende die populistischen Kräfte stärken.